Bolivien und UN setzen auf Quinoa-Pflanze Gegen Kapitalismus ist ein Kraut gewachsen

Sie soll nussig schmecken und die Welt retten: Von der Quinoa-Pflanze wird nichts Geringeres erwartet, als den Hunger weltweit zu besiegen. Vieles spricht für das Kraut: Es ist glutenfrei und braucht nur wenig Wasser. Doch es benötigt einen bestimmten Dünger - der vielen Ländern zum Problem werden könnte.

Von Sebastian Schoepp

Vor Kurzem stieg Boliviens Präsident Evo Morales auf einen Traktor in seinem Heimatort Orinoca und zog Furchen in einen Acker. Die Dorfbewohner opferten ein Lama, um die Pachamama, die Mutter Erde, gnädig zu stimmen. Mit der medienwirksamen Eröffnung der Saatsaison wollte der Präsident seine landesweite Kampagne befeuern, die den Anbau einer traditionellen Feldfrucht der Anden fördern soll: Quinoa war lange aus der Mode gekommen, doch in den vergangenen Jahren hat die Nachfrage weltweit explosionsartig zugenommen. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat 2013 nun zum "Jahr der Quinoa" erklärt. Das unscheinbare Kraut soll nichts Geringeres als den Welthunger in Zeiten des Klimawandels stillen.

Glutenfreie Wunderpflanze

Was Reformhausgänger und Veganer schon lange wissen, soll sich auch bei gewöhnlichen Konsumenten herumsprechen: Quinoa hat einen hohen Anteil an Aminosäuren und Eiweiß, und es ist glutenfrei. Es ist entfernt mit Spinat verwandt. Gegessen werden Blätter und Samen, die winzig sind, weshalb Quinoa an Hirse erinnert. Ban Ki Moon hält das Andengewächs für geeignet, auch in anderen Weltregionen segensreich zu wirken, etwa in der Sahelzone. Quinoa sei anspruchslos, brauche wenig Wasser, das sei bedeutend in einer Zeit, in der Dürre vielerorts den traditionellen Ackerbau gefährde, sagte der Generalsekretär.

Für Boliviens Präsidenten ist die Anerkennung durch die UN eine Bestätigung seiner Bemühungen, Lebensgewohnheiten der Anden als Heilmittel für eine an ihre Wachstumsgrenzen stoßende Welt zu propagieren. Dazu gehört das Prinzip vom bescheidenen "Guten Leben" als Alternative zum wachstumsorientierten "Besser Leben". Kürzlich erreichte Morales sogar, dass die UN das Kauen des Koka-Blattes legalisierten - gegen den Widerstand der Industrieländer, die nicht einsehen, dass es ein Unterschied ist, ob man Koka kaut oder Kokain schnupft.

Die winzigen Quinoa-Samen erinnern an Hirse.

(Foto: AFP)

Quinoa hat weniger Akzeptanzprobleme, narkotisierende Wirkung ist nicht bekannt. Sie schmeckt leicht nussig, wird geschätzt wegen ihres irgendwie quietschig-knackigen Bisses. Quinoa kann man als Salat genießen, etwa mit tropischen Früchten, als Auflauf, Risotto oder als Beilage zum Lama-Steak. Quinoa wird von Chile bis Kolumbien seit 5000 Jahren angebaut, sie liebt Höhen von mehr als 3000 Metern, kühle Tage und kalte Nächte, hält aber auch Hitze aus. Die spanischen Eroberer verboten Quinoa als "unchristlich", anders als die Kartoffel blieb der "Inka-Reis" in der alten Welt verpönt. Nun aber propagiert Boliviens links-indigenistischer Präsident Quinoa als "Gegendmodell zum Junkfood des Kapitalismus".

Der Anbau hat durch Förderung der Regierung seit 2000 um 40 Prozent zugenommen, allerdings gehen 70 Prozent in den Export. Für viele Konsumenten in den Andenländern ist Quinoa zu teuer; sie bleiben beim Reis, der ein Drittel kostet. Monokulturen beginnen andere Früchte zu verdrängen, Kritiker warnen, Quinoa könnte das neue Soja werden. Deshalb fördert Bolivien nur schonenden Anbau mit Fruchtwechsel. Allerdings wächst Quinoa nur dann gut, wenn sie mit Lama-Mist gedüngt wird, was in anderen Erdteilen Probleme bereiten könnte. Außer man ruft 2014 konsequenterweise zum Jahr des Lamas aus.