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Bolivien:Mit der Bibel ins Präsidentenamt

Der Konflikt in Bolivien bekommt eine zunehmend religiöse Note.

Lage in Bolivien

Fernsehmoderatorin, Juristin – und nun auch Präsidentin: Jeanine Áñez.

(Foto: Juan Karita/dpa)

Es war eine schwere, ledergebundene Bibel, die Boliviens Übergangspräsidentin am Dienstag in den Palacio Quemado trug. Das altehrwürdige Gebäude war über Jahrzehnte Sitz der bolivianischen Regierungen. 2018 zogen Präsident, Vizepräsident und Ministerien jedoch in einen Neubau um, nur ein paar Schritte entfernt, aber 120 Meter hoch und glasverspiegelt. In Auftrag gegeben hatte ihn Evo Morales, nunmehr Boliviens Ex-Präsident. Die Opposition kritisierte schon damals die angebliche Geldverschwendung, genauso wie politische Gegner auch immer wieder verurteilten, dass Boliviens erster indigener Präsident die Bibel aus dem Regierungssitz verbannt hatte. Damit ist es nun vorbei. Morales ist im Exil in Mexiko, und im ehemaligen Regierungssitz liegt wieder eine Bibel. Boliviens neue Präsidentin Jeanine Áñez hat sie als eine ihrer ersten Amtshandlungen eigenhändig in das Gebäude getragen. "Wir bringen die Bibel zurück in den Palast", sagte sie unter dem Applaus ihrer Anhänger.

Es sind chaotische Zeiten in Bolivien, und alte Gräben brechen mit aller Macht weiter auf. Nach wochenlangen Protesten und auf Druck des Militärs hatte Evo Morales am Sonntag seinen Rücktritt erklärt. Fast 14 Jahre waren er und seine Partei Movimiento al Socialismo (Mas) zuvor an der Macht gewesen. In dieser Zeit hat Bolivien einen Wirtschaftsboom erlebt, Millionen Menschen stiegen aus der Armut auf, und das Land wurde offiziell zu einem "Plurinationalen Staat", der den indigenen Minderheiten ihren Platz einräumen sollte: Morales selbst entstammte einer Aymara-Familie, als Präsident erklärte er das indigene Fest zur Rückkehr von Vater Sonne zum offiziellen Feiertag, und die Fahne der traditionellen Andengemeinschaften wurde mit der Nationalflagge gleichgestellt. Morales erschien gerne in traditioneller Kleidung, und statt auf Jesus berief er sich auf Pachamama, die Mutter Erde.

Lange bescherte ihm das Zustimmungsraten von weit mehr als 60 Prozent. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung Boliviens hat indigene Wurzeln, viele von ihnen standen lange Zeit hinter Morales. Doch dann beugte dieser per Richterspruch erst die Verfassung, dann kam es im Oktober zu Unregelmäßigkeiten bei den Präsidentschaftswahlen. Massenproteste brachen aus, Morales musste das Land verlassen, und mit ihm zog sich auch gleich eine ganze Reihe weiterer Politiker von ihren Ämtern zurück. Darunter der Vize-Präsident, die Senatspräsidentin und der Vorsitzende in der Abgeordnetenkammer. Als Morales am Montag ein Flugzeug Richtung Mexiko bestieg, hinterließ er ein Machtvakuum. Doch dieses ist nun gefüllt, wie es scheint.

Mit Jeanine Áñez hat nun die vormalige zweite Vizepräsidentin des Senats das Amt des Staatsoberhauptes übernommen. Im Prinzip entspricht das der Verfassung, allerdings fehle ihr das nötige Quorum in den Kammern, kritisiert Morales' Partei Mas. Dazu gibt es aber noch weitere Kritik an ihrer Person: Áñez ist Juristin und ehemalige Fernsehmoderatorin. Sie stammt aus Beni, einer Provinz im Tiefland Boliviens, die sich traditionell in Opposition zum Hochland sieht. Hier leben vor allem Nachfahren europäischer Einwanderer, die Kultur ist christlich geprägt. Kritiker fürchten nun, dass mit Áñez auch die einst omnipräsente Diskriminierung der Indigenen in die bolivianische Politik zurückkehrt. Im Netz wurden dafür Twitternachrichten der neuen Übergangspräsidentin als Beweis herangeführt. In ihnen äußert sich Áñez despektierlich über indigene Kultur und traditionelle Glaubensformen.

Das bolivianische Verfassungsgericht hat Áñez mittlerweile anerkannt, genauso wie die USA und Nachbar Brasilien. Andere lateinamerikanischen Staaten verurteilten dagegen ihren Amtsantritt. Der designierte Präsident Argentiniens, Alberto Fernández, sprach von einer Rückschritt in die 70er-Jahre, als in vielen Ländern der Region Militärdiktaturen herrschten. Áñez zeigte sich nach ihrer Amtsübernahme demonstrativ mit hochrangigen Militärs. Es ist unklar, wie stark ihr Rückhalt in der Bevölkerung ist. Auch am Dienstag kam es wieder zu großen Protesten. Das Militär rief die Bevölkerung auf, ihre Wohnungen nicht zu verlassen. Kampfjets überflogen La Paz. Mindestens sieben Menschen kamen bei den Auseinandersetzungen schon ums Leben

© SZ vom 14.11.2019

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