Cesare Battisti trug einen Kinnbart und eine schwarze Sonnenbrille, die Haare hatte er sich frisch gefärbt. Doch die kleinen Retuschen an seinem Äußeren brachten nichts mehr. Bolivianische Polizisten haben am Wochenende das frühere Mitglied der linksextremen italienischen Terrorgruppe "Proletari armati per il comunismo" in Santa Cruz de la Sierra festgenommen und damit eine lange Fluchtsaga beendet - diesmal wohl definitiv. Seit Tagen hatten sie Battisti beschattet, um auch ganz sicher zu sein. Beamte aus Italien und aus Brasilien, wo er zuletzt gelebt hatte, halfen dabei. Kaum saß er fest, entsandte die italienische Regierung ein Flugzeug nach La Paz, um ihn abzuholen. Noch einmal wollten die Italiener nicht düpiert werden.
Battisti, 64, aus Latina bei Rom, flieht schon sein halbes Leben vor der Justiz in seiner Heimat. Die hat ihn in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt. Vier Morde lastet sie ihm an: an einem Polizisten, einem Juwelier, einem Metzger und einem Gefängniswärter. In zwei Fällen soll er selber geschossen haben, in den anderen beiden war er offenbar Teil eines Kommandos seiner Gruppe. Zum Terrorismus kam Battisti eher zufällig. Als junger Mann war er ein Provinzgauner: Einbrüche, Raubüberfälle, solche Sachen. In der Haft lernte er Leute der PAC kennen. Es war die Zeit der "bleiernen Jahre" des Terrors, des roten und des neofaschistischen. Und Battisti neigte immer schon zur Linken.
Als er wieder freikam, half er den Terroristen dabei, mit Überfällen auf Banken, Läden und Supermärkte Geld zu beschaffen für die politischen Untergrundaktivitäten der Gruppe. Wegen Zugehörigkeit zu einer bewaffneten Terrorbande wurde Battisti 1979 zu 13 Jahren Haft verurteilt, konnte aber 1981 ausbrechen. Seither ist er flüchtig: Frankreich, Mexiko, wieder Frankreich, Brasilien, Bolivien. Alle italienischen Regierungen, linke wie rechte, drängten zu seiner Auslieferung. Doch Battisti konnte sich den Fängen immer entwinden.
In Frankreich profitierte er wie andere sogenannte politische Aktivisten aus Italien von der kontroversen "Doctrine Mitterrand". Der frühere Präsident François Mitterrand fand, dass reuige Mitglieder der Terrorgruppen Exil verdient hätten, falls sie kein Blut an den Händen hätten. Bei Battisti galt diese Einschränkung jedoch nicht: Er genoss einen Sonderstatus. Der Römer hatte in Paris als Hauswart gearbeitet, nebenbei schrieb er Kriminalromane, nicht selten mit autobiografischen Zügen. Als 2004 die alte Doktrin verwirkte und Battisti ausgeliefert werden sollte, erhielt er von der linken Pariser Intellektuellenszene viel Unterstützung. Man hielt ihn in diesen Kreisen für ein politisches Opfer.
Battisti türmte, diesmal nach Brasilien, wo er wieder einen mächtigen Beschützer finden sollte. Der linke Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hob an seinem allerletzten Amtstag die bereits erlassene Auslieferungsverfügung auf, und Battisti war frei. Rom zürnte, die Rückkehr des Flüchtigen mit dem schnippischen, gar höhnischen Lächeln galt schon als gewiss.
Als nun im vergangenen Herbst der ultrarechte Politiker Jair Bolsonaro die brasilianischen Wahlen gewann, öffnete sich plötzlich eine neue Gelegenheit. Sein politischer Gesinnungsgenosse Matteo Salvini, der Innenminister von der rechten Lega, gratulierte überaus herzlich zur Wahl und bekam dafür eine feste Zusage: Als Dank, sagte Bolsonaro, schicke er bald ein "Geschenk" nach Rom. Gemeint war Battisti. Kurz vor Weihnachten erließ die brasilianische Justiz dann einen Haftbefehl - "zwecks Auslieferung". Battisti floh nach Bolivien, und ließ sich den Bart wachsen. Vergebens, die Fahnder hatten sein Telefon angezapft.
Salvini twitterte jetzt: "Ein Dankeschön von Herzen, Präsident Bolsonaro." Die "Party von Battisti" sei vorbei, schickte er nach. Das ist Salvinis Lieblingsslogan. Und einmal stimmt die gesamte italienische Politik mit ein.
