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Böller:Böse Geister

Warum sie ein altes Ritual sind und trotzdem verboten gehören.

Von Jan Heidtmann

Meist bahnt sich der Jahreswechsel schon in den Tagen vor Silvester an: Immer wieder werden vereinzelte Böller gezündet, es ist die krachende Vorfreude auf den großen Knall zu Mitternacht. Erlaubt ist das nicht. So gesehen gehört das Verbotene schon immer zum Silvesterritual, das davon lebt, Grenzen zu sprengen - zu trinken, zu feiern und ein großes Feuerwerk zu entzünden. Warum sollte man das verbieten?

Es ist ja ein schönes Ritual, geht es doch traditionell darum, mit Böllern böse Geister zu vertreiben und das neue Jahr zu begrüßen. Doch inzwischen hat es sich vom Ursprung entfernt. Es ist zur Materialschlacht geworden, in der in Deutschland Feuerwerk für 130 Millionen Euro gezündet wird. Manche Städte versinken teils in chaotischen Zuständen. In Berlin werden mancherorts Passanten mit Raketen beschossen, Polizisten und Feuerwehrleute angegriffen. Und nicht nur in München hantieren betrunkene Jugendliche mit Böllern von einer Größe, die schon für Nüchterne brandgefährlich ist.

Die Folgen der Knallerei: Die Müllberge wachsen Jahr für Jahr; die Menge schädlichen Feinstaubs, die freigesetzt wird, wird auf 5000 Tonnen geschätzt. Das wären gut 15 Prozent des Feinstaubs, den der gesamte Straßenverkehr in Deutschland pro Jahr produziert. Der CDU-Innenpolitiker Philipp Amthor sagt zum Böllerverbot, jeder könne doch für sich auf das Feuerwerk verzichten, ohne Vorschrift. Ein naiver Glaube in die Vernunft. Denn zu Silvester scheinen heute böse Geister oft eher befreit als vertrieben zu werden.

© SZ vom 28.12.2019
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