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BND:Intrigen, Gerüchte, Verräter

Erst im November 2004 wurde der Focus-Mann per Fax fristlos gekündigt. Der Verdacht: Er sei Agent des Irak gewesen. Dietl habe eine Focus-Redakteurin, die vor einer Dienstreise in den Irak stand, als BND-Kontaktperson hingestellt. Er bestreitet beide Vorwürfe heftig. "Dietl wurde uns vom BND reingesetzt", behauptet Markwort heute. Sein Autor habe nie einen Schreibtisch in der Redaktion gehabt - ebenso wenig wie Erwin Decker ("Bosch"), ein weiterer freier Mitarbeiter, der im Schäfer-Dossier oft genannt wird.

Danach hat BND-Abteilungsleiter Foertsch in 28 Vermerken aufgelistet, wie "Bosch" über angebliche Interna und Quellen des Spiegel sowie über Focus-Quellen geredet haben soll. Er soll dafür kein Geld, sondern Informationen bekommen haben. Reporter Decker, der schon bei der Entstehung von Focus (Projektname "Zugmieze") mitmachte, bewertet die Gespräche mit den Geheimen als "eine Art Infobörse". Der Focus-Mitarbeiter wurde vom 2. September 1993 bis 4. Oktober 1995 von Foertsch als Informant geführt. Sondermittler Schäfer schreibt, Decker alias "Bosch" habe "eine Fülle hochsensibler Details aus dem Medienbereich" geliefert - und habe Foertsch "bedenkenlos Material" gegeben. Er berichtete auch über Hufelschulte.

Stasi-Major im Büro

Offenbar fielen im Umfeld von Focus die freien Mitarbeiter übereinander her. Foertsch staunte über Eifersüchteleien und Wichtigtuerei im Journalistenmilieu - und sammelte. Er sammelte auch über vier Jahre hinweg bei 58 Kontakten (50 Telefonate, acht Treffen) mit Focus-Redakteur Hufelschulte, wie der Schäfer-Bericht dokumentiert. Bei den Treffen habe Foertsch unbedingt etwas über Spiegel-Quellen wissen wollen und erzählt, er habe gehört, der Spiegel habe im Plutonium-Fall 60000 Mark für Unterlagen gezahlt.

Kann schon sein, will Hufelschulte geantwortet haben - woraufhin Foertsch eine Information machte. "Woher sollte ich Spiegel-Quellen kennen?", fragt Hufelschulte: "Den Foertsch-Notizen darf man nicht so einfach glauben." Es habe sich bei seinen BND-Kontakten um journalistische Anfragen gehandelt. Im Schäfer-Bericht fällt Hufelschulte durch neuneinhalb leere Seiten auf: Er hatte gerichtlich bewirkt, dass keine "personenbezogenen Daten" über ihn veröffentlicht werden dürfen.

Dietl erzählte im Fernsehen, der Focus-Redakteur, der aus den Lieferungen der freien Mitarbeiter Geschichten machte, habe selbst ein "gleichartiges Verhältnis" zu Foertsch gehabt wie er.

So beschuldigt einer den anderen. Sicher ist, dass Hufelschulte über viele Monate, bis ins Privatleben hinein, vom BND überwacht wurde. Er sei ein "ganz seriöser Kollege", sagt Chefredakteur Markwort. "Was Hufelschulte und Foertsch beredet haben, weiß ich nicht", kommentiert er weiter. "Ich redigiere die Berichte Hufelschultes, nicht die von Foertsch. Mein Misstrauen gegen den BND und seine Mitarbeiter ist grenzenlos." In der Irak-Affäre hatte er noch Vertrauen zum BND gehabt.

"Es gibt ja 'ne Menge Leute, die früher in der DDR Posten hatten"

Markwort sieht keine Fehler in der eigenen Redaktion. Er steht auch weiterhin zum einstigen Stasi-Hauptmann Thomas T. (BND-Deckname: "Kempinski"), einem Experten für Telefonüberwachungen, der sich nach der Wende mehreren westlichen Geheimdiensten anvertraut hatte. Zeitweise wurde er vom Bundeskriminalamt als "kriminalpolizeiliche Vertrauensperson" geführt und stand, so Schäfer, "vom Frühjahr 1990 bis April 1995 mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) in einer nachrichtendienstlichen Verbindung".

Das Arbeitsverhältnis mit Focus, für das er "unter Pseudonym" schrieb, habe zu "Interessenskonflikten" mit dem BfV geführt. "Kempinski" bestritt gegenüber Schäfer die BfV-Verbindung, räumte aber ein, den BND unterrichtet zu haben, dass "gegen Zahlung von 50.000 Mark" eine Liste über Reisen einstiger Stasi-Agenten erhältlich sei. Auch T. sprach über mögliche Spiegel- und Focus-Quellen.

Im TV-Magazin Zapp erklärte Markwort: "Es gibt ja 'ne Menge Leute, die früher in der DDR Posten hatten. Wir wussten das, wir wissen das einzuschätzen, und wir haben ihn trotzdem beschäftigt, weil das natürlich auch uns Einblicke in die Arbeitsweise des früheren DDR-Systems gegeben hat."