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BND:Intrigen, Gerüchte, Verräter

Auffallend oft trafen Focus-Journalisten Agenten des BND - Magazin-Chef Markwort sieht keine Fehler seiner Redaktion.

Für politische Zeitschriften hat die Arbeit von Geheimdiensten einen besonderen Reiz. Jahrzehntelang pflegte beispielsweise Hans Detlev Becker, Verlagsdirektor und früherer Chefredakteur des Spiegel, eine enge Beziehung zum Bundesnachrichtendienst (BND).

Helmut Markwort

Focus-Chef Helmut Markwort

(Foto: Foto: ddp)

Er wäre gern wohl selbst BND-Chef geworden.

Als dann in München 1993, in Konkurrenz zum Spiegel, das zweite Montagsblatt Focus erschien, war der Ehrgeiz groß, es dem Marktführer aus dem Norden auch bei Spitzel-Themen gleichzutun.

"Geheimdienste gehören selbstverständlich zur Thematik eines Nachrichtenmagazins", sagt Focus-Chefredakteur Helmut Markwort. Das Team wurde auch aus Kräften formiert, die sich bei der eingestellten Illustrierten Quick mit Geheimnisvollem beschäftigt hatten.

Zuständig: Redakteur Josef Hufelschulte, der etwa in einer großen Geschichte über einen "Stasi-Schatz" im Herbst 1993 verbreitete, der Kairoer Spiegel-Korrespondent Volkhard Windfuhr sei laut Stasi-Unterlagen "inoffizieller" Mitarbeiter des BND gewesen: "In Pullach schätzte man seine Analysen aus der arabischen Welt." Heute hält Hufelschulte die Geschichte für einen Fehler. Sein Blatt druckte 1995 eine Richtigstellung, der Spiegel-Mann erhielt Schmerzensgeld.

Dietl, der "freischaffende Künstler"

In diesen Tagen stehen die Kontakte von Journalisten und Publizisten mit dem BND erst so richtig im Licht der Öffentlichkeit - ein Sonderbericht des ehemaligen Bundesrichters Gerhard Schäfer für das Parlamentarische Kontrollgremium (PKG) des Bundestages handelt unter anderem auf vielen Seiten die Beziehungen zwischen Presse-Vertretern und Pullach-Leuten ab, insbesondere mit BND-Sicherheitschef Volker Foertsch.

Es geht um ein "Katz-und-Maus-Spiel", um ein "Geben und Nehmen", wie das der Publizist Erich Schmidt-Eenboom nennt, dessen Rolle in der Affäre inzwischen auch viele Fragen aufwirft - einerseits wurde er ausspioniert, andererseits aber nahm er mal eine verdeckte Spende des BND an oder überreichte Akten aus dem Nachlass eines Stasi-Spions. Vor allem aber geht es darum, was Mitarbeiter des Magazins Focus all die Jahre mit dem BND zu schaffen und zu reden gehabt haben - auch über den Rivalen Spiegel. Wurden sie ausgehorcht? Abgeschöpft? Oder waren einige willig zu Diensten, zu geheimen Diensten?

Als Autor gut bei Focus vertreten war über viele Jahre Wilhelm Dietl. Der einstige Quick-Journalist lebt in der Oberpfalz und lässt in den Swimmingpool seines Gartens das Wasser erst gar nicht mehr ein. Dort lagern dicke Akten seines Privatarchivs über Geheimdienste. Dietl (BND-Decknamen "Dalí", "Schweiger") bezeichnet sich in seiner BND-Arbeit als "freischaffender Künstler". Vor dem Start von Focus hatte er schon elf Jahre, oft im Nahen Osten, für Pullach gearbeitet und war auch danach, bis 1998, weiter tätig.

Foertsch wurde "immer manischer, was Journalisten anbelangt"

"Zahl und Bewertung seiner Nachrichten sind ebenso bemerkenswert wie die Höhe seiner Vergütung", urteilt der Schäfer-Bericht. Entlohnt wurde er mit etwa 650.000 Mark. Beim Münchner Nachrichtenmagazin wurde er im August 1993 stolz als "Focus-Reporter" präsentiert, nachdem er für eine Story mit Pistole an Bord einer Lufthansa-Maschine gelangt war. Abgesehen von solchen Räuber-Pistolen traf er sich häufig dienstags im Restaurant "Seehaus" im Englischen Garten in München mit BND-Mann Foertsch; der Geheime wollte Lecks im eigenen Laden aufspüren und vor allem erkunden, wie 1995 eine Story über den Plutonium-Skandal in den Spiegel gekommen war.

Man plauderte auch über Spiegel-Leute. Foertsch hielt das Gehörte fest, das macht der Schäfer-Bericht klar. "Vielleicht war es blauäugig, aber ich hatte damit kein Problem, nach elf Jahren war das praktisch familienintern", erzählte Dietl in der 3sat-Fernsehsendung Kulturzeit. Er habe "nicht systematisch Journalisten ausspioniert" - aber er gibt zu, über Focus-Kollegen wie Hufelschulte gesprochen zu haben. Foertsch sei mit den Jahren "immer manischer geworden, was Journalisten anbelangt".

1996 wollte auch der Spiegel Dietls Intimkenntnisse nutzen, doch der Vorvertrag wurde nach Protesten der damals zuständigen Spiegel-Redakteure Hans Leyendecker und Georg Mascolo gelöst. Der Ex-Agent arbeitete weiter für Focus. Als zwei Jahre später in einem umstrittenen Buch des Spezialisten Schmidt-Eenboom ("Undercover - Der BND und die deutschen Journalisten") auch Dietls Name fiel, wurde Chefredakteur Markwort nach eigenen Worten misstrauisch, ließ sich aber von Dietl besänftigen.