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Frühzeit des Bundesnachrichtendiensts:Pullacher Peinlichkeiten

Längst vergangene Zeiten: Unterirdischer Übungs-Schießstand auf dem BND-Gelände in Pullach.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Drei Mitglieder der Historikerkommission, welche die Geschichte des BND erforscht, liegen im Clinch mit dem vierten. Wolfgang Kriegers Buch "Partnerdienste" sei "grotesk" und "skandalös", das Thema weithin verfehlt. Sie haben recht.

Rezension von Willi Winkler

In der Gehlen-Akte in den National Archives bei Washington findet sich ein Leasing-Vertrag, dessen historisch-metaphorische Bedeutung merkwürdigerweise noch keinem Historiker aufgefallen ist. Ein gewisser Friedrich-Wilhelm Ruebesamen bestätigt, dass er von der Regierung der Vereinigten Staaten 10 024 Mark erhalten hat, um damit einen Opel Kapitän mit dem Kennzeichen B 55-3563 zu erwerben.

Er werde bestimmt keinen Besitzanspruch auf das Auto erheben, muss der Empfänger mit seiner kindlichen Unterschrift versichern, er soll auch gut darauf aufpassen, denn der Wagen bleibt Eigentum der US-Regierung. Unterschrieben ist das Dokument nicht nur vom vorgeschobenen Nutzer, dem ehemaligen Partisanenbekämpfer Rübesamen, sondern auch von seinem Chef, der sich aus diesem feierlichen Anlass Reinhard von Gehlen nennt.

Wenn Gehlen auf Reisen ging, hochstapelte er noch mehr, nannte sich Hans Holbein oder Dr. Richard Schneider und wusste nicht, dass ihn die Amerikaner, die ihm dieses schöne Auto zum Dienstgebrauch überlassen hatten, den nicht ganz so aristokratischen Decknamen "Utility" verliehen hatten, aber das war er: ein Werkzeug.

Der CIA nannte Gehlen nur "das Werkzeug"

Rolf-Dieter Müller hat in seiner epischen Gehlen-Biografie nachgezeichnet, wie es dem Wehrmachtsgeneral, der noch kurz zuvor bei Hitler vorgetragen hatte, 1945 gelang, sich an die Amerikaner zu übergeben, mit ihnen einen jeder deutschen Kontrolle entzogenen Geheimdienst aufzubauen und wie er sich vergeblich mühte, sich von den "Freunden" wieder zu emanzipieren.

Er nahm dafür, von seinen amerikanischen Beschützern ebenso argwöhnisch beobachtet wie aus dem Kanzleramt ermutigt, früh Kontakt zu schweizerischen, französischen und spanischen Kollegen auf. Auch die Überführung der Organisation Gehlen (Org) in eine deutsche Behörde, den Bundesnachrichtendienst (BND), brachte ihm nicht die ersehnte Souveränität; Gehlen blieb ein Werkzeug der CIA, wenn auch versehen mit den Insignien klandestiner Macht wie dem schwarzen Opel Kapitän.

BND lässt Nazi-Vergangenheit aufarbeiten

Zehn Jahre her (v.l.n.r.): BND-Chefhistoriker Bodo Hechelhammer, Klaus-Dietmar Henke, Jost Dülffer, der damalige BND-Präsident Ernst Uhrlau, Rolf-Dieter Müller und Wolfgang Krieger bei der Vorstellung der Historiker-Kommission 2011. Mit der trauten Einigkeit zwischen den Historikern dürfte es nun vorbei sein.

(Foto: dpa)

Müller ist eines der vier Mitglieder der vom Bundeskanzleramt mit 2,4 Millionen Euro ausgestatteten Unabhängigen Historikerkommission, die die Frühgeschichte des BND erforschen soll. Mittlerweile liegen zwölf Bände zu verschiedenen Aspekten vor, aber es gab noch keinen, bei dem sich drei der Herausgeber vom vierten und dessen Beitrag distanziert haben.

Wolfgang Kriegers Buch "Partnerdienste", das sich mit den Außenbeziehungen zu den französischen, britischen und amerikanischen Diensten befassen soll, ist mit der einleitenden Fußnote erschienen, die Kollegen Jost Dülffer, Klaus-Dietmar Henke und Müller könnten sich "mit diesem Band nicht voll identifizieren".

Krieger spricht von "ideologischen Differenzen"

Wolfgang Krieger hat im Spiegel seine Sicht auf die Arbeit der Geheimdienste als "sicherheitspolitisch" bezeichnet und von "ideologischen Differenzen" gesprochen. Was er damit meint, zeigt ein Blick in seine Danksagung, in dem er sich seiner vielfältigen Beziehungen in die internationale Forschergemeinde rühmt und seine persönlichen Kontakte mit ehemaligen BND-Mitarbeitern herausstellt.

Selbst wenn die eine Krähe nichts lieber tut, als der anderen die Augen auszuhacken, sind die Einwände der Kollegen in diesem Fall bemerkenswert. Sie stehen in einem Gutachten, das auf der Website der Kommission veröffentlicht wurde. "Peinlich", "grotesk" und sogar "skandalös" finden die andern die Arbeit; sie sei unzureichend dokumentiert, oberflächlich, unproportioniert, das Thema weithin verfehlt.

Wolfgang Krieger: Partnerdienste. Die Beziehungen des BND zu den westlichen Geheimdiensten 1946-1968. Ch. Links Verlag, Berlin 2021. 440 Seiten, 50 Euro.

Der Zusage, eine erste Fassung zu überarbeiten, ist Krieger demzufolge nicht nachgekommen. Das dürften die "ideologischen Differenzen" sein. Auf Nachfragen der Süddeutschen Zeitung will Krieger "keine weitere Stellungnahme dazu abgeben".

Krieger spart nicht mit akademischem Dünkel für die "Publizisten", die immer nur über die "Machenschaften" der Geheimdienste schrieben und sich in Spekulationen ergingen. Doch anders als die geschmähten "Publizisten" hatten die Historiker wie Krieger exklusiven Zugang zum BND-Archiv, sie hatten Zeit und das Geld, es hätte also nicht ein dermaßen jämmerliches Buch entstehen müssen.

Vielleicht hatte Krieger trotzdem keine Zeit für die Recherchen, denn er war mit "ungezählten Gesprächen mit Veteranen" beschäftigt, "deren Erinnerungen bis in den Zweiten Weltkrieg und den französischen Indochinakrieg von 1946 - 1954 zurückreichten". Offensichtlich kamen dabei die politischen Attentate nicht zur Sprache, die der französische Auslandsgeheimdienst zwischen 1955 und 1960 auf dem Boden der Bundesrepublik strafrechtlich folgenlos verüben konnte.

Sie waren möglich, weil sie nicht bloß geduldet, sondern weil, wie der ehemalige französische Geheimdienstkoordinator Constantin Melnik (den Krieger nur im Literaturverzeichnis, dort aber als Erik Melnik anführt) erklärt hat, durch die Mitwirkung des BND "präzise operiert" werden konnte. Die Schmeißer-Affäre, deretwegen Konrad Adenauer 1952 den Spiegel beschlagnahmen ließ, taucht nur mit dem Namen des französischen Agenten auf, der es nicht einmal (ins auch sonst fehlerhafte) Register schafft.

Ein einziges Flehen nach einem Armutszeugnis

Es wäre sicher auch interessant gewesen, etwas mehr über den "Technischen Dienst" im rechtsradikalen Bund Deutscher Jugend zu erfahren, der 1952 aufflog: ein von den Amerikanern finanzierter deutscher Guerillaverein, der sich im Odenwald auf eine russische Invasion vorbereitete.

Krieger verweist, auch um den "blühenden Phantasien verschiedener Publizisten" zu begegnen, auf die bereits 2017 innerhalb der gleichen Reihe erschienene Untersuchung von Agilolf Keßelring (bei Krieger: Kesselring) über die Verbindung zwischen der Organisation und dem Wehrmachtsgeneralstab in der Bundesrepublik. Aber was steht dort? Eine weitere Untersuchung bleibe "ein Desiderat". Sie bleibt es weiter.

Durch das interne Gutachten erübrigt sich eine weitere Rezension, doch sei der Hinweis erlaubt, dass der Band "Spionage unter Freunden" von Christoph Franceschini, Thomas Wegener Friis und Erich Schmidt-Eenboom (2017) eine nützliche Alternative für weniger Geld bietet und überdies die Beziehungen zu Österreich, Italien und den skandinavischen Ländern zeigt.

Kriegers Buch ist nicht nur lieblos hergestellt, sondern wissenschaftlich ein einziges Flehen um ein Armutszeugnis. Wär's nicht das Werk eines emeritierten Professors, es wäre allenfalls von Franziska Giffeys Doktormutter akzeptiert worden.

© SZ vom 08.02.2021/gal
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