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Bluttat in London:Verdächtige waren schon früher im Visier der Ermittler

Die mutmaßlichen Täter der Mordattacke von London waren der Polizei bereits zuvor bekannt. Premier Cameron bezeichnet den Angriff als einen Verrat am Islam, führende Muslime in Großbritannien verurteilen die Attacke scharf. Die aktuellen Entwicklungen im Überblick.

Im Londoner Stadtteil Woolwich wurde am Mittwoch auf offener Straße ein Mann mit einer Machete getötet. Mehreren Medienangaben zufolge handelt es sich bei dem Mann um einen Soldaten. Über mögliche Hintergründe der Tat machte die Polizei noch keine Angaben, allerdings gibt es Hinweise, dass die Tat islamistisch motiviert war. Die möglichen Angreifer wurden nach der Tat von der Polizei angeschossen. Einer der Männer soll dabei lebensgefährlich verletzt worden sein. Beide befinden sich in Polizeigewahrsam und sollen in zwei unterschiedlichen Krankenhäusern behandelt werden, sagte ein Polizeisprecher.

Der Angriff erschüttert Großbritannien, ein Krisenstab soll eingerufen werden, namhafte Muslime verurteilten die Tat. Den Ermittlern stellen sich mehrere Fragen: Wer waren die Täter? Welche Hintergründe hatte die Tat und wie wirkt sich die Attacke auf die Sicherheitslage kurz vor dem Champions-League-Finale aus?

Die aktuellen Entwicklungen:

  • Verdächtige schon früher im Visier der Ermittler: Den Sicherheitsdiensten seien die mutmaßlichen Täter bereits bekannt gewesen, sagte Premier Cameron in einem kurzen Statement. Er wolle dies während der laufenden Ermittlungen aber nicht weiter kommentieren. Der Guardian berichtet, gegen beide Verdächtige sei in den letzten Jahren ermittelt worden, sie seien aber nur als Randfiguren wahrgenommen worden. Die BBC hat aus Regierungskreisen erfahren, einer der Verdächtigen sei im vergangenen Jahr bei der Ausreise aus Großbritannien abgefangen worden. Doch obwohl es Untersuchungen und womöglich auch eine Personenüberwachung gegeben hatte, habe es keine Anzeichen dafür gegeben, dass es zu gewaltsamen Aktion kommen könne. Premier Cameron hatte nach dem Anschlag den Sonderkrisenstab Cobra einberufen. Er hatte seinen Besuch in Frankreich abgebrochen und war nach London zurückgekehrt. Er sagte nach einem Treffen mit Frankreichs Staatschef François Hollande in Paris, es gebe "starke Hinweise, dass es ein terroristischer Vorfall ist".
  • Politiker verurteilen Angriff: Premier Cameron sagte in seiner Ansprache: "Die Täter versuchen, uns auseinanderzubringen. Aber sie bringen uns zusammen und machen uns stärker". Er bezeichnete die Tat als terroristischen Akt und betonte, Großbritannien werde sich Extremismus und Terrorismus entgegenstellen. Es gebe absolut keine Rechtfertigung für die Tat. Cameron sagte auch, der Angriff sei ein Verrat am Islam und den muslimischen Gemeinden im Land gewesen. Das normale Leben soll weitergehen, das sei der beste Weg, um Terrorismus zu begegnen. Auch der Führer der oppositionellen Labour-Partei, Ed Milliband, äußerte sich ähnlich. Er sagte, jeder, der versuche das Land zu spalten, werde scheitern.
  • Reaktion britischer Muslime: Der Muslimische Rat in Großbritannien bezeichnete die Tat als "wahrhaft barbarischen Akt, der keine Begründung im Islam findet. Wir verurteilen die Tat", zitiert der Guardian die Vereinigung. Die BBC hatte berichtet, die mutmaßlichen Täter hätten "Allahu Akbar" gerufen, "Gott ist groß". Farooq Murad vom Muslimischen Rat sagte daraufhin: "Die Attacke ist eine Beleidigung unseres Glaubens. Der Islam erteilt niemandem und unter keinen Umständen die Lizenz, einen Unschuldigen zu töten." Er betonte auch, dass der Rat sich immer gegen Gewalt und Krieg ausgesprochen habe und Menschen ermutige, dazu differenzierte Debatten zu führen. Murad sagte, er habe sich über Camerons Worte der Verständnis und der Versöhnung gefreut.
  • Die Verdächtigen: Nach Informationen des Guardian sollen beide Verdächtige nigerianische Wurzeln haben. Der eine sei in Großbritannien geboren und habe damit auch die Staatsbürgerschaft, der andere sei ein in Nigeria geborener und anschließend eingebürgerter Brite. Die Zeitung berichtet weiter, die möglichen Täter hätten Pläne gehabt, nach Somalia zu reisen, um dort die al-Quaida-nahe islamistische Al-Shabaab-Gruppe zu unterstützen. Dem Independent zufolge soll der ehemalige Chef einer verbotenen islamistischen Gruppierung den Mann auf dem veröffentlichten Video erkannt haben. Demnach soll der Verdächtige 2003 zum Islam konvertiert sein und an Treffen und Vorträgen der Organisation teilgenommen haben. Ein Mitglied sei er allerdings nicht gewesen. Vor zwei Jahren habe er dann aufgehört, die Treffen zu besuchen. Die BBC berichtet zudem, der Verdächtige stamme aus einer streng christlichen Familie, sei aber nach dem College zum Islam übergetreten.
  • Laufende Ermittlungen: Lady Neville-Jones, frühere Ministerin für Fragen der Sicherheit, sagte, die zwei Männer würden derzeit verhört. Fragen seien nun: Handelten die Täter alleine? Hatten sie Komplizen, vielleicht aus dem Ausland? Dem Guardian sagte Neville-Jones, sie glaube, die Männer hätten die Tat alleine begangen. Eine Sprecherin der Polizei bestätigte dem Guardian, dass Beamte in der Grafschaft Lincolnshire eine Adresse aufgesucht hätten. Dies habe mit den Ermittlungen zu der Attacke in Woolwich zu tun. Auch in Greenwich, nahe dem Viertel Woolwich, sei ein Haus durchsucht worden. Richard Kemp, Ex-Kommandeur der britischen Streitkräfte in Afghanistan, sagte im BBC-Radio, die Geheimdienste würden nun nachforschen, ob die Tat der Anfang einer Anschlagsreihe sei oder es möglicherweise Nachahmer gebe. Kemp meinte allerdings, er gehe nicht davon aus, dass nun eine Reihe von Taten folgen würde.
  • Mögliche Hintergründe der Tat: Bislang gibt es mehrere Hinweise darauf, dass die Attacke islamistisch motiviert war. Neben den "Gott-ist-groß"-Rufen hat der britische Sender ITV ein Video veröffentlicht, auf dem sich der Gefilmte als Angreifer ausgibt. Offenbar wurde der Clip kurz nach der Tat aufgenommen, im Hintergrund liegt ein Mann am Boden. Die BBC zitiert eine Augenzeugin, die einer der mutmaßlichen Täter angesprochen hat. Er soll die Attacke mit folgenden Worten begründet haben: "Ich habe ihn getötet, weil er Muslime tötet. Und ich habe es satt, dass Muslime im Irak und Afghanistan getötet werden". Die Augenzeugin erläutert hier, wie sie mit dem Mann gesprochen und welchen Eindruck er auf sie gemacht hat.
  • Islamfeindliche Aktionen: Die Bluttat hat in Großbritannien laut Medienberichten bereits gewalttätige Reaktionen ausgelöst: Ein 43-Jähriger wurde festgenommen, als er mit einem Messer in eine Moschee in der Hauptstadt eindrang. Ein zweiter Mann wurde wegen Verdachts auf rassistisch motivierte Sachbeschädigung im Südosten des Landes festgenommen. Der Vorfall heizt auch die Rhetorik des Chef der rechten Nationalen Britischen Partei (BNP) an: Er veröffentlichte provokante Tweets und bezeichnete die Tat als Folge von "Massenintegration", berichtet der Guardian.
  • Sicherheitslage: Am Wochenende geht in London das Endspiel der Champions-League über die Bühne. Auch Zehntausende Deutsche werden in der britischen Hauptstadt erwartet, wenn im Wembley-Stadion die Mannschaften von Borussia Dortmund und Bayern München antreten. Die dpa berichtet, die Regierung habe die Terrorwarnstufe in London nicht angehoben. Dies deute daraufhin, dass beim Finale nicht mit erhöhter Terrorgefahr gerechnet werde. Allerdings verstärke die Polizei ihre Präsenz auf den Straßen, derzeit seien 1200 zusätzliche Beamte im Einsatz. Sie beobachten verstärkt Moscheen und Busse. Nach Informationen der BBC und Sky News soll das Verteidigungsministerium außerdem britische Soldaten angewiesen haben, in der Öffentlichkeit zum eigenen Schutz vorerst keine Uniform zu tragen.

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