Blutrache in Albanien:Gefangen in der Freiheit

Ded Hila hatte keine Chance, und Nachbarn fanden ihn später mit leer geplünderten Taschen und ein paar Kugeln im Körper. "Auch sein Gewehr haben sie ihm geraubt", sagt Lina. Das kann sie nicht verzeihen, denn dies geht gegen die Regeln.

Es kam, was kommen musste. Deds Tod wurde von der Familie Hila gerächt, und in der Folgezeit gab ein Mord den anderen. Es ist eine Kriminalgeschichte, die das Leben geschrieben und in der die Polizei nicht einmal eine Nebenrolle hat. Denn die ist hier oben im Hochland praktisch nicht präsent. Die Menschen leben nach ihren eigenen Gesetzen. Sie leben nach dem Kanun.

Dieses Wort wird dunkel geraunt in Albanien, und in der Hauptstadt Tirana oder weiter im Süden schwingt immer Herablassung mit über die finstere Rückständigkeit des Nordens. Ismail Kadare, die lebende Literaturlegende Albaniens, hat den Kanun in seinem Roman Der zerrissene April halb fasziniert, halb abgestoßen "das Grundgesetz des Todes" genannt.

Hier im Hochland sind die Regeln heilig, die der Adelsmann Lek Dukagjin im 15. Jahrhundert zusammengefügt hat. Es sind Regeln für das ganze Leben, von der Geburt über die Hochzeit bis in den Tod. Und es sind, ganz zentral, Regeln für die Blutrache.

Zum Abschied brannte ihr Haus

Mündlich überliefert überdauerte der Kanun die Jahrhunderte der Türkenherrschaft. Erst Enver Hodschas Kommunisten brachen die blutigen Traditionen mit Brachialgewalt. Doch als die Diktatur fiel und sich Albaniens staatliche Ordnung in den Neunzigerjahren im Chaos auflöste, kam im Norden als Reaktion auf die Anarchie der Kanun wieder zur Geltung.

Allein in Shkoder sollen 500 Familien in Blutfehden verstrickt sein. Das albanische Sozialministerium schätzt, dass etwa tausend Kinder wie Gezim und seine Schwester Agetina im Blutrache-Hausarrest leben. Als nach dem Tod ihres Vaters in Kir der Kreislauf des Tötens begann, flüchtete Lina Hila mit ihren beiden Kindern nach Shkoder.

Zum Abschied brannte ihr Haus. Aus den kahlen Grundmauern, die heute in den Himmel ragen, wurde ein Eckstein herausgebrochen. In der Sprache des Kanuns heißt dies: Hierher darf keiner zurückkehren. Das Blut wurde derweil in verschiedenen Strömen vergossen, so dass es in diesem Fall nun eine Haupt- und ein paar Nebenlinien gibt.

Die Morde im Zeitraffer, so wie sie sich bei der Spurensuche recherchieren ließen: Sehr schnell nach dem Überfall war der Verdacht auf einen Mann namens Dode Stragu gefallen, einen ziemlich verwegenen Burschen aus dem Nachbarort Plan. "Er war einmal ein guter und mutiger Mann", sagen die Alten heute noch in Kir. "Aber dann ist er auf den Teufelsweg geraten."

Dode Stragu tauchte unter, doch seine Familie schwor vor dem Altar, dass er mit dem Überfall nichts zu tun habe. Das will schon etwas heißen im Hochland, wo sich die Menschen ihren katholischen Glauben gegen den Islam und später gegen den staatlich verordneten Atheismus bewahrt haben.

Doch die Hilas gaben nichts auf den Schwur, und nach ein paar Monaten erledigte Djelos Hila, ein Bruder des ermordeten Geldboten, bei den Felsen oberhalb der Kirche einen der Stragus. "Das war nötig, um den Kanun zu respektieren", sagt Lina Hila. Doch diese Tat forderte wieder die Vergeltung heraus.

"Blut nehmen"

Die Stragus erschossen einen der Hila-Brüder, und auch Djelos Hila, der erste Rächer, kam zu Tode, als er bei seiner Nachbarin Dila ins Schlafzimmer einstieg und dafür von deren Cousin erschossen wurde. Dieser Cousin sitzt dafür mittlerweile im Knast. Dila aber wurde als vermeintliche Verführerin von Djelos nach klassischer Kanun-Regel mit einem Schuss "in die Blume der Stirn", also genau zwischen die Augen, niedergestreckt.

Fünf Tote sind das in fünf Jahren, und so verwirrend und verworren dies alles ist - der junge Gezim Hila weiß genau, was das bedeutet. Der Kanun fordert gjaku per gjakun, Blut für Blut, und er müsste einerseits in diesem besonders komplizierten Rachegeflecht "Blut geben", weil im Wechselspiel des Mordens die Hilas ein neues Opfer zu stellen haben und der abgetauchte Mörder seines Vaters ihm und seiner Schwester gedroht hatte.

Zugleich jedoch steht Gezim als männlicher Spross der Sippe in der Pflicht, Rache zu üben, also "Blut zu nehmen".

Gezim aber will nicht sterben, und er will nicht töten. "Niemals will ich Blutrache üben", sagt er, und er sagt es leise, kraftlos, hilflos. Dieses Schicksal nicht zu erfüllen, diesen Weg nicht zu Ende zu gehen, nicht zum Mörder zu werden und irgendwie zu überleben - das ist Gezims Zukunftsplan.

Er sieht sein Leben als unendliche Fortschreibung ein und desselben Tages. "Ich kann nichts machen", sagt er. "Ich bin gezwungen, für immer im Haus zu bleiben."

Schöne Erinnerungen

Am liebsten würde er den ganzen Tag fernsehen, Fußball oder chinesische Kampffilme. Und sogar die Musikclips würde er ertragen, für die Agetina so schmachtet. Doch zwischen morgens um acht und nachmittags um fünf gibt es meist keinen Strom in Shkoder, weil die Anlagen so alt sind und so verrottet. "Dann tue ich nichts", sagt Gezim, "oder ich lese in einem Buch."

Immerhin hat er ein paar Jahre Schule gehabt. Agetina, die 13-Jährige, kann nicht lesen und schreiben. Sie will Sängerin werden, "so wie Britney Spears", meint sie. Der Vater hatte auch eine schöne Stimme, daran kann sie sich noch erinnern. Doch es fehlt ihr das Publikum.

Fernsehen, lesen, nichts tun - das ist der Alltag des Überlebens. Einen Tag allerdings hat es gegeben in diesen fünf Jahren, der anders war als all die anderen. Da kam ein Mann namens Emin Spahia morgens mit seinem Auto zum Haus der Hilas, holte Gezim heraus und fuhr mit ihm und ein paar anderen Kindern in ähnlicher Lage nach Durres, in die Hafenstadt im Süden.

"Ich habe das Meer gesehen, zum ersten Mal in meinem Leben", erinnert sich Gezim. Vergessen wird er das nicht, und auch Spahia wird er nie vergessen.

Emin Spahia war der erste, der Gezim, seiner Schwester und der Mutter ein wenig Hoffnung geben konnte. Für Agetina hatte er ein Kamerateam ins Haus geholt, das ihren Gesang aufnahm und landesweit für einen Nachwuchswettbewerb im Fernsehen sendete.

Und Gezim hatte er versprochen, ihn aus seiner Gefangenschaft zu befreien. "In ein anderes Land wollte er mich bringen, damit ich der Blutrache entkomme", sagt er. Schöne Erinnerungen. Doch Emin Spahia ist tot.

"Er war ein Gesandter Gottes", verkündet sein Bruder Fetah. Fetah führt uns zu einem mit künstlichen Blumen überhäuften Grab, um zu zeigen, wie sehr die Menschen Emin Spahia liebten. Und Fetah zeigt uns die Stelle, wo sein Bruder in der Nacht zum 9. April dieses Jahres erschossen wurde - von hinten, mit einer schallgedämpften Pistole.

So endete mit 40 Jahren ein Leben, das dem schwierigen Geschäft der Versöhnung gewidmet war. Spahia hatte eine Organisation von "Friedensmissionaren" aufgebaut, die in Blutrache-Fällen schlichteten. Doch reibungslos lief das selten ab, und auch innerhalb der Organisation kam es zum Bruch.

"Emin lehnte den Kanun ab", berichtet Fetah Spahia. "Doch in Shkoder herrschen Leute mit Kanun-Überzeugungen." Spahia also hatte sich von einigen Mitstreitern getrennt, die Blutrache-Fälle den alten Regeln folgend lösen wollten, nach den Regeln des Freikaufs. Viel Geld war im Spiel. "Das ist ein Business geworden", urteilt der Bruder.

"Der Staat hat mich ins trübe Wasser geführt"

Auch Emin Spahia hatte hohe Summen zu verwalten - Spenden, Mittel der OSZE und des Europarats, mit denen er die eingeschlossenen Familien unterstützte. Und auch da, so ist in der Stadt zu hören, könnte manches undurchsichtig geblieben sein. An Spuren und Motiven jedenfalls scheint kein Mangel zu bestehen.

Ende Oktober wurde schließlich ein Tatverdächtiger verhaftet, doch Fetah Spahia beklagt sich bitter darüber, "dass es Kräfte gibt, die anscheinend nicht daran interessiert sind, den Fall aufzuklären". Er muss es wissen, schließlich ist er selbst Polizist.

Doch kurz nach dem Mord wurde er versetzt auf einen abgelegenen Posten an der Grenze zu Montenegro. "Der Staat hat mich ins trübe Wasser geführt", klagt er. "Auch ich spüre, dass mein Leben nicht mehr sicher ist." Er will weg, raus aus Albanien, und manchmal schleicht sich auch ein Gedanke ein, der gar nicht passen will zum hochgelobten Versöhnungswerk.

"In mir ist ein Feuer", sagt er. "400 Leute meiner Sippe sind bereit, die Sache für mich zu regeln." Doch dann hält er inne und besinnt sich darauf, dass er "nicht den Staat ersetzten will".

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