Nordirland-Konflikt Mordanklage gegen britischen Soldaten wegen "Bloody Sunday"

Ein Wandgemälde in Derry/Londonderry gedenkt Jackie Duddy, der am "Bloody Sunday", dem 30. Januar 1972, von britischen Soldaten erschossen wurde.

(Foto: Getty Images)
  • Wegen der mutmaßlichen Tötung von Demonstranten muss sich ein britischer Soldat vor Gericht verantworten.
  • Das teilte die nordirische Staatsanwaltschaft mit, 18 weitere Verdächtige würden hingegen freigesprochen.
  • Hintergrund sind die Geschehnisse am "Bloody Sunday" 1972, als britische Soldaten 14 Demonstranten erschossen.

Ein britischer Soldat muss sich wegen der Tötung von Demonstranten während des Nordirlandkonflikts am sogenannten "Bloody Sunday" von 1972 vor Gericht verantworten. Der Mann mit dem Decknamen "Soldier F" werde wegen Mordes an James Wray und William McKinney angeklagt sowie für versuchte Morde an vier weiteren Demonstranten. Dies teilte die nordirische Staatsanwaltschaft mit. Die übrigen 18 Verdächtigen, darunter 16 britische Soldaten und zwei Mitglieder der als Terrororganisation eingestuften "Irish Republican Army" würden aus Mangel an belastendem Material jedoch nicht angeklagt.

Am 30. Januar 1972 kam es im nordirischen Londonderry, das bis zum 17. Jahrhundert Derry hieß und von irischen Republikanern noch heute so genannt wird, zu Auseinandersetzungen zwischen katholisch-republikanischen Demonstranten und der britischen Armee. Insgesamt erschossen die Soldaten vierzehn Menschen, unter ihnen viele Minderjährige. Einige flohen gerade und wurden in den Rücken geschossen. Mindestens vierzehn weitere wurden verletzt.

Angst vor Gewalt

Das Karfreitagsabkommen gilt als Kernstück des äußerst schwierigen Friedensprozesses in Nordirland. 30 Jahre lang hatten sich Katholiken und Protestanten im nordirischen Bürgerkrieg bekämpft, etwa 3600 Menschen kamen dabei ums Leben. Die Katholiken hatten einen Abzug der britischen Truppen, die sie als Besatzer bezeichneten, sowie die Wiedervereinigung der Republik Irland mit dem zum Königreich gehörenden nördlichen Inselteil gefordert. Erst als der mühsam ausgehandelte Vertrag am Karfreitag 1998 unterschrieben war, legten die Paramilitärs der IRA auf der katholischen und diverse Milizen auf der protestantischen Seite ihre Waffen nieder. Aber obwohl Irland und Nordirland politisch und menschlich zusammengewachsen sind, ist die Angst vor Gewalt geblieben. Cathrin Kahlweit

In einer ersten Untersuchung der Ereignisse wurde den Schützen zwar "Rücksichtslosigkeit" bescheinigt, ansonsten aber die Version der Soldaten bestätigt, auf bewaffnete Gegner geschossen zu haben. Die Untersuchung wurde als "verharmlosend" kritisiert, 1998 eine neue Kommission eingesetzt.

Erst 2010 erkannte der damalige britische Premierminister David Cameron die Schuld Großbritanniens offiziell an und entschuldigte sich im Namen der britischen Regierung. Die britischen Soldaten hätten zuerst geschossen und das Feuer auf unbewaffnete, flüchtende Zivilisten eröffnet. Zuvor war nach etwa zwölf Jahren Arbeit der entsprechende Abschlussbericht der zweiten Untersuchungskommission veröffentlicht worden.

Der Brexit und die Möglichkeit einer harten Grenze zwischen der Republik Irland und dem britischen Landesteil Nordirland haben die Spannungen im Grenzgebiet wieder steigen lassen. In Derry/Londonderry war im Januar eine Autobombe explodiert, eine irisch-nationalistische Splittergruppe bekannte sich zu dem Anschlag. Auf der ganzen Insel steigt die Angst, mit einem ungeregelten Brexit könnte die Gewalt wiederaufflammen.

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