Blog-Politik Geschäumtes, knapp durchdacht

Roberto De Lapuente hat ein krudes Werk über linke Politik geschrieben, das viel über heutige Publikationen verrät.

Von Rudolf Walther

Es gibt politische Bücher, die nicht wegen ihres Inhalts von Belang sind, sondern weil sie für ein Symptom auf dem Buchmarkt stehen. Die Schrift des 1978 geborenen Bloggers Roberto J. De Lapuente - von einem Buch zu reden, wäre pure Übertreibung - trägt ihre Botschaft mit 34 Zeichen im Titel: "Rechts gewinnt, weil links versagt". Die minimale Erwartung, dass De Lapuente auf immerhin 200 Seiten einige sachliche Belege, stichhaltige Gründe und Argumente für seine These vortrage, wird enttäuscht. Und das verweist auf das Symptomatische der Publikation. Sie steht für ein Produkt von Autoren, die ihr Ausdrucksvermögen wie ihren Wissenshorizont und ihr intellektuelles Profil beim Bloggen, Twittern, Posten und Liken erworben und, im Falle des Autors, erwirtschafttet haben. Bis in ihre Orthografie, Grammatik, Syntax und Metaphorik hinein tragen seine Texte den Stempel des Gefühlig-Spontanen, des Schnellgeschriebenen, Rotzig-Formulierten und Knappdurchdachten. Sie gleichen Auswürfen, wie sie in Chatrooms, sozialen Netzwerken und großen Teilen des Bloggerwesens gang und gäbe sind. In Buchform gedruckt, offenbart solche Blogger-Prosa erst ihre ganze Biederkeit und Beschränktheit.

Das beginnt bei der Sprache. De Lapuente schreibt "systematisch", wenn er auf einen systemischen Zusammenhang hinweisen will und verwechselt das "linke Metier" mit dem linken Milieu, den "Exkurs" mit dem Diskurs, die "frugale Parole" mit der Parole Frugalität, die "europäische Fehleranfälligkeit" mit der Fehleranfälligkeit der EU. "Gerieren" kann sich eine Person als die oder jene, bei De Lapuente "geriert" sich aber der Antifaschismus "zu (!) einer Respektlosigkeit gegenüber Opfern des Faschismus" und anders "als die Kanzlerin" will, wird bei ihm zu anders "wie" die Kanzlerin will. Sprachliche Grobianismen in dieser Preislage finden sich im seichten Pamphlet nicht hie und da, sondern auf jeder Seite.

Gelegentlich verirrt sich der Autor in unbeabsichtigte Komik: "Wie der Schlaf der Gerechten legt sich die gesamte Gesellschaft ins Bett und ist zufrieden mit sich selbst". Ebenso eilfertig wie prätentiös rührt er Schlag-, Fremd- und Modewörter zu einem unverständlichen und sinnfreien Satzbrei zusammen: "Das algorithmische Langzeitgedächtnis schlägt einem Themen und Artikel vor, die maßgeschneidert scheinen, klammert jedoch Sujets außerhalb des (!) eigenen Impetus aus."

Die sprachlichen Unebenheiten sind nur der Transmissionsriemen für politisch Konfuses

De Lapuentes Metaphorik lebt von unfreiwilligen Parodien mit eingebautem syntaktischem Stolperstein: Eine linksradikale Politikerin gilt ihm als "die maßgebliche Entität derer, die sich links als Lebensgefühl einer erleuchteten Exklusivgesellschaft, nicht als politische oder wirtschaftliche Stoßrichtung bewahren wollen". Oder: "Die linke Perspektive ist freilich kein Wundermittel, kein Garten Eden, der auf alles eine sinnige Antwort kennt." Dem Garten fehlt wohl, worunter sich niemand so recht etwas "Sinniges" vorstellen kann: "cäsarische Allwissenheit." Schiefe Metaphern türmen sich zu Haufen: "Doch wer lebt schon gerne porentief im Moralinsud, wenn der Magen knurrt."

Die massenhaften sprachlichen Unebenheiten sind nur der Transmissionsriemen für politisch Konfuses und intellektuellen Verhältnisblödsinn. Der Autor möchte den Gründen nachgehen, warum die bundesdeutsche Gesellschaft nach der jüngsten Bundestagswahl, "im Status neoliberaler Gesellschaftsformation und neuer rechter Umtriebe konserviert" blieb, obwohl doch "das Terrain für einen Linksrutsch" bestens bestellt gewesen sei. Ein sinnvolles Vorhaben. Aber die These, die Partei Die Linke habe keinen Regierungswechsel mit herbeiführen können, weil Gruppierungen, die der Autor die "linken Linken" oder "fundamentalistischen" Linken nennt, das verhindert hätten, ist eine bodenlose Spekulation. Diese Grüppchen sind politisch und zahlenmäßig völlig marginale Formationen, die als Autonome, Antifa, Antideutsche, Fantifas (= Antifa-Frauen), K-Gruppen, ML-Maoisten mit sich selbst beschäftigt sind, und außer die Polizei allenfalls konservative Medien beschäftigen.

Diese Formationen aus "Schwarzblockwarten" mit "kapuzenhaften Gemütern" macht De Lapuente dafür verantwortlich, dass die "strukturelle Linke" (SPD und Linkspartei) erfolglos blieb. Als Kronzeugen und Beleg für diese Vermutung präsentiert der Autor seinen ehemaligen Kollegen "Jürgen", einen Schriftsetzer, Frührentner und Cateringfahrer, der als Modernisierungsverlierer eine Randexistenz führt. "Jürgen" ist ein "traditioneller Gewerkschafter des Herzens", offen für soziale Belange, aber Merkel-Wähler, weil ihn angeblich die "Mauertoten" ebenso davon abhalten, links zu wählen wie die "spaßlosen Brigaden" der Antifa-Gruppen. Das gibt es, aber was erklären Blog-Spots mehr als die alten Taxifahrer-Weisheiten des verkommenen Reisejournalismus?

De Lapuente stößt sich nicht am grotesken Gefälle in seiner Erklärung für den Vormarsch der AfD und für die Verluste beziehungsweise die Stagnation von SPD und Linkspartei: die Hartz-Reformen der rot-grünen Bundesregierung und die Verlängerung des politischen Kurses unter der großen Koalition waren zusammen mit der Offensive des Neoliberalismus um einige Faktoren wichtiger als der von De Lapuente restlos überbewertete politische Aktionismus eines verlorenen Häufchens Linksradikaler. Der "strukturellen Linken" rät er zu mehr "Realpolitik" und einem Mittelweg zwischen "totaler Affirmation und Negation". Das ist ein ziemlich biederes Ergebnis nach 200 Seiten. Die geschwätzige Schrift entbehrt jeder Analyse der Gründe, warum SPD und Linkspartei keine politische Alternative auf die Beine brachten. Alles platte Blog-Schäumerei.