Erzbistum Köln:Viel Recherche, wenig Pathos

Lesezeit: 3 min

Kardinal Rainer Maria Woelki

Ein Gutachten zur Missbrauchsaufarbeitung in seinem Erzbistum Köln hält Kardinal Rainer Maria Woelki zurück. Ein zweites ist nun fertig.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Am 18. März soll das zweite Gutachten zu den Missbrauchsfällen im Erzbistum Köln veröffentlicht werden. Die Kanzlei Gercke hat alle Akten durchforstet und weitere Verdachtsfälle gefunden.

Von Matthias Drobinski und Annette Zoch, München/Frankfurt

Dafür, dass hier einer der Großen seiner Zunft empfängt, ist das Büro des Strafrechtlers Björn Gercke am Kölner Hohenstaufenring sehr nüchtern; der Gastgeber empfängt hemdsärmelig: Hier wird hart an der Sache gearbeitet. Am 18. März werden Gercke und sein Team ein Gutachten veröffentlichen, auf das ganz Deutschland schauen wird: Was taten, was unterließen die Verantwortlichen des katholischen Erzbistums Köln, wenn der Verdacht aufkam, ein Kirchenmitarbeiter habe Kindern und Jugendlichen sexuelle Gewalt angetan? Haben sie ihre Pflichten verletzt, gar Fälle vertuscht?

Seit September hat er den Auftrag. Ein halbes Jahr Zeit, um die Missbrauchsfälle eines halben Jahrhunderts zu analysieren, allein das schon ist eine Herausforderung. Zum Höllenritt ist der Gutachterauftrag aber deshalb geworden, weil er Gercke mitten in die hoch emotionale Auseinandersetzung im Erzbistum Köln um die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals katapultiert hat.

Kritiker sagen, Woelki sei eingeknickt vor der alten Garde im Erzbistum

Es gibt ja schon ein Gutachten, das untersucht, wie im Erzbistum Kardinäle, Generalvikare, Personalchefs mit Missbrauchsfällen umgingen. Seit Monaten liegt es vor, erstellt hat es die Münchner Kanzlei Westpfahl, Spilker, Wastl (WSW). Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki aber hält es bislang zurück, weil es nach seiner und seiner Berater Ansicht methodische Mängel hat und äußerungsrechtlich problematisch ist. Kritiker vermuten jedoch, dass der Kardinal eingeknickt ist vor der Kampfbereitschaft der alten Garde des Erzbistums, die sich und das Erbe des verstorbenen Kardinals Joachim Meisner zu Unrecht schlecht dargestellt sieht, allen voran der langjährige Generalvikar Norbert Feldhoff, der heutige Hamburger Erzbischof Stefan Heße, der jetzige Weihbischof Dominikus Schwaderlapp.

Seitdem ist das Erzbistum in Aufruhr, Pfarrer und Laienvertretungen fordern den Rücktritt des Kardinals, die Amtsgerichte werden des Ansturms der Austrittswilligen nicht mehr Herr. Und Gercke soll nun ein bisschen Frieden zurückbringen, indem er am 18. März ein Gutachten liefert, das so schonungslos wie gerichtsfest ist. Wirkt es zu milde, wird es heißen, er habe ein Gefälligkeitsgutachten abgeliefert. Ist sein Urteil so hart wie offenbar das des WSW-Gutachtens, wird die Frage bleiben, wofür es den ganzen Aufruhr brauchte.

"Die Debatte geht bis in die Familien unserer Anwälte hinein", sagt Gercke und berichtet von "sehr emotionalen Reaktionen": "Die einen werfen uns vor, dass wir beim Vertuschen helfen, die anderen, dass wir die katholische Kirche kaputt machen. Und beides ohne jegliche Kenntnis des Gutachtens." Er selbst sei kein Kirchenmitglied, wolle aber einen "Beitrag zur Aufklärung leisten, zur Frage, ob und wie die Verantwortlichen des Erzbistums gegen ihre Compliance-Regeln verstoßen haben". So kritisch wie fair.

Das zweite Gutachten wird umfangreicher sein als das erste

Das Gutachten ist nun fertig, bis auf letzte Kleinarbeiten. Die Kanzlei hat noch einmal alle Akten durchforstet und 236 Verdachtsfälle im Erzbistum gefunden, mehr als die von den katholischen Bischöfen in Auftrag gegebene und 2018 veröffentlichte Studie über sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche. Logisch, sagt Gercke, diese Studie habe nur die Priester und Ordensleute im Blick gehabt, sein Team habe die Akten aller Kirchenangestellten untersucht. Und jeden Verdachtsfall kurz dokumentiert - auch deshalb werde das Gutachten umfangreicher sein als das von WSW, die sich auf die Darstellung von 15 exemplarischen Fällen konzentriert haben.

"Bei der Frage, ob jemand pflichtwidrig gehandelt hat, legen wir sehr strenge Maßstäbe an", betont Gercke. Alle, die im Verdacht stünden, falsch gehandelt zu haben, seien mit den Vorwürfen konfrontiert worden, fast alle hätten Stellung bezogen. Einige Vorwürfe hätten ausgeräumt werden können. Das aber sei, so Gercke, "aus unserer Sicht nicht in jedem Fall gelungen".

"Wir verzichten auf starke Worte"

Auch sein Gutachten werde hart werden für das Erzbistum, betont Gercke, auch wenn es über weite Strecken "ein sehr technisches Gutachten" sei. "Wir können nur Jura", sagt Gercke. "Wir verzichten auf starke Worte und sparen uns nach Möglichkeit das Pathos. Wir überlassen die moralische Bewertung anderen. Ohnehin ist die Veröffentlichung nicht das Ende, sondern der Beginn eines Prozesses."

Der Streit um die richtige Aufarbeitung des Missbrauchsskandals dürfte weitergehen, auch nach dem 18. März. Das größte Ungemach für Gercke könnte dabei von einer Seite drohen, die auch den WSW-Gutachtern wohlbekannt ist: Erzbischof Heße, der ehemalige Generalvikar Feldhoff und auch der Kölner Weihbischof Schwaderlapp verwahren sich offenbar auch jetzt gegen die Gutachterkritik. Gercke sagt dazu nur, dass viele Befragte sich sehr ernsthaft Gedanken gemacht hätten, was sie falsch gemacht haben könnten. Er sagt aber auch: "Die Gespräche verliefen sehr unterschiedlich. Die einen sind mit Anwalt erschienen, die anderen ohne."

Erneut wird also Kardinal Woelki entscheiden müssen, ob er den Konflikt mit der alten Garde des Erzbistums wagt. Gercke zeigt sich da selbstbewusst: "Wir gehen davon aus, dass wir äußerungsrechtlich auf der sicheren Seite sind und das Gutachten am 18. März veröffentlichen können", sagt er. Und: "Wir werden öffentlich Namen von Verantwortlichen nennen."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB