Erinnerungskultur:Pickelhaube und Säbel

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In Bautzen tobt Streit um die Errichtung einer Bismarck-Statue.

Von Antonie Rietzschel, Leipzig

Wenn bei Elmar Ladusch derzeit das Telefon klingelt, dann wollen Menschen mit ihm über die Bedeutung Otto von Bismarcks reden. "Einer fragte, ob mir ein Politiker einfalle, der mehr für Deutschland geleistet habe." Ladusch ist kein Historiker, er betreibt einen Gasthof in der Lausitz, hoch auf dem Gipfel des Czorneboh. Bisher vor allem ein beliebtes Ziel für Wanderer. Doch jetzt möchte ein Verein neben dem Biergarten eine Statue errichten. Drei Meter hoch, mit Pickelhaube, Schnauzbart und Säbel - der Reichskanzler im vollen Ornat. "Martialisch" findet das Ladusch. Er will die Statue nicht. Deswegen steckt der Wirt nun mitten in einer hochpolitischen Debatte.

700 Bismarck-Denkmäler soll es in Deutschland geben. Einst als Orte der Huldigung errichtet, erinnern sie heute an einen Mann, der seine Großmachtfantasien mit "Blut und Eisen" durchsetzte. Regelmäßig zerplatzen Farbbomben an seinem Ebenbild. In Hamburg streiten sie seit Jahren um den 34 Meter hohen Granit-Riesen. Derzeit wird das Denkmal saniert, Künstler, Historiker und Vertreter der Zivilgesellschaft sollen jedoch ein Konzept zur Umgestaltung des Ortes entwickeln. Die Stadt versucht, erinnerungspolitisch mit der Zeit zu gehen - tief im Osten wollen sie einige zurückdrehen.

Auch die SPD stimmte zu

Auch auf dem Czorneboh stand schon mal ein Bismarck-Denkmal. 1950 wurde es zerstört, nur der Sockel blieb übrig. Die Idee, die Figur am selben Ort originalgetreu nachzubilden, stammt von der "Bautzener Liedertafel" - einem Gesangsverein, der bei Pegida-Versammlungen und AfD-Kundgebungen auftritt. "Welche Rolle dieser Mann mit seinem Wirken für die Einheit Deutschlands bei seinen Zeitgenossen spielte, können wir kaum ermessen", heißt es in dem vierseitigen Antrag, mit dem sich die Vereinsvorsitzende an den Bürgermeister von Bautzen wandte. Sie schlug einen Deal vor: Um das Geld für die Statue wolle man sich selbst kümmern, die Stadt müsse nur die Pflege übernehmen.

Die Entscheidung fiel Anfang Oktober: Die CDU enthielt sich, die AfD stimmte zu - ebenso die SPD. In der Partei erinnerte man sich zwar an das von Bismarck erlassene Sozialistengesetz, rühmte jedoch dessen Verdienste, etwa die Einführung einer Unfall- und Rentenversicherung.

Möglicher Kultort für Rechtsextreme

Heftige Kritik kam dagegen von den Sorben, einer Minderheit, die seit Jahrhunderten in der Lausitz lebt und zu Bismarcks Zeiten germanisiert werden sollte. Ihnen wurde die Sprache genommen, ihrer Traditionen wurden sie beraubt. Man wolle den Bismarck nicht einmal geschenkt haben, heißt es in einem offenen Brief des sorbischen Dachverbands Domowina. Ein Historiker des sorbischen Instituts warnt, der Czorneboh könne zum Kultort für Rechtsextreme und andere Demokratieverächter werden.

Das befürchtet auch Wirt Elmar Ladusch. Schon jetzt tauchen Leute mit Fackeln am Sockel des Denkmals auf. Vor ein paar Wochen, so erzählt er, kehrte eine Truppe in Wehrmachtsuniform in seinem Gasthof ein, zog aber wieder ab, als sie nicht bedient wurde. Ladusch hofft nun auf die nächste Stadtratssitzung. Dann soll über die Aufhebung des Beschlusses diskutiert werden. Gut möglich, dass Bismarck nach all dem Streit doch nicht zurückkehrt auf den Czorneboh.

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