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Bischofskonferenz:Scham und Schock

Die Bischöfe gehen in die Offensive und setzen einen Beauftragten für Missbrauchsfälle ein. Doch viele von ihnen fühlen sich auch an den Pranger gestellt.

Matthias Drobinski

Einmal verliert der Erzbischof dann doch die Fassung. Als der Journalist aus der dritten Reihe gefragt hat, ob sexueller Missbrauch denn Jesusgemäß sei, hat er noch brav gesagt, dass Missbrauch ein Verbrechen sei. Als der Kollege, von der Glaubensgemeinschaft "Universelles Leben" entsandt, jetzt aber einen Einzelfall besprechen will, fährt er richtig hoch: "Ich muss Sie doch bitten..."

Die Bischöfe tun doch was, sagt Zollitschs Empörung. Wir sind doch tief getroffen, wenn jeden Tag Missbrauchsfälle bekannt werden. Und dann werden wir an den Pranger gestellt, in die Enge getrieben, von Leuten, die am liebsten die katholische Kirche aufgelöst sähen.

Dabei haben die in Freiburg versammelten Bischöfe und Weihbischöfe tatsächlich einen Schritt nach vorne gemacht. Noch einmal bittet Zollitsch zum Abschluss der Tagung die Opfer sexuellen Missbrauchs um Vergebung, spricht von der Erschütterung der Bischöfe, von Scham und Schock, davon, dass man das Ausmaß der Gewalt gegen Kinder und Jugendliche unterschätzt habe.

Sie wollen bis zum Sommer prüfen, ob und wie mehr externe Ombudsleute für die Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs hinzugezogen werden können. Sie betonen, dass "die frühzeitige Einschaltung der Staatsanwaltschaften" bei Missbrauchsfällen "besondere Bedeutung" habe - künftig soll bei begründetem Verdacht dem Opfer zur Anzeige, dem Täter zur Selbstanzeige geraten werden, wenn nicht, wird das Bistum aktiv. Die Bischöfe wollen mit Opfern reden, die Ausbildung der Weihekandidaten verbessern. Sie richten eine bundesweite Hotline ein. Und es gibt nun einen Beauftragten der Bischofskonferenz für Fälle von sexuellem Missbrauch. Es ist der Trierer Bischof Stephan Ackermann. Er hat lange in der Priesterausbildung gearbeitet und war einer der ersten, der klar sagte, dass die katholische Kirche hier ein Problem unterschätzt hat.

Das mag nicht revolutionär sein. Es hätte aber auch weniger geschehen können. Denn so sehr sich die Bischöfe einig waren in ihrer Betroffenheit über die immer neuen Missbrauchs-Fälle, so kontrovers diskutierten sie, wie die katholische Kirche in Deutschland sich in dieser Lage positionieren sollte. Die Diskussion soll, so ein Teilnehmer, "emotional und kontrovers" gewesen sein. Viele der älteren Bischöfe sahen sich einer Medienkampagne ausgesetzt, die den Zölibat und die gesamte Sexualmoral der katholischen Kirche an den Pranger stellte; man müsse sich schärfer verteidigen, forderte manche. Es setzten sich aber die durch, die nun maßvolle Selbstkritik für angebracht hielten. Statt Medienschelte steht nur der Satz in der Abschlusserklärung, dass man die Journalisten um eine "faire Berichterstattung" bitte.

Die Experten, die die Bischöfe zu den Beratungen gebeten hatten, stärkten ihnen den Rücken für diesen Kurs. Unter anderem kam Norbert Leygraf nach Freiburg, der Essener Professor für forensische Psychiatrie, der auch Priester begutachtet, die übergriffig geworden sind. Er berichtete aus seiner Praxis: 17 Priester und Kirchenmitarbeiter habe er seit 2002 begutachtet, zwölf Fälle seien strafrechtlich relevant gewesen, davon wiederum sei es in sechs Fällen um Kinderpornographie im Internet ohne direkte Opfer gegangen. Leygraf möchte auch nicht ausschließen, dass straffällig gewordene Kirchenmitarbeiter wieder in der Seelsorge eingesetzt werden.

Ist das ein Versuch, das Thema flach zu halten? Oder sind das die Erfahrungen eines Fachmanns, der jeden Tag fürchterliche Gewalttäter begutachtet, unter denen die Priester zu den weniger gewalttätigen und einsichtsfähigen gehören?

Solche Differenzierungen gehen in diesen Tagen manchmal verloren, das zeigte auch der Streit zwischen Erzbischof Zollitsch und der Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Die hatte am Montagabend in einem Interview gesagt, sie erwarte, "dass die Verantwortlichen der katholischen Kirche endlich konstruktiv mit den Strafverfolgungsbehörden zusammenarbeiten." Bisher zeigten sie zu wenig Interesse an"lückenloser Aufklärung". Zollitsch hatte ihr daraufhin ein Ultimatum gesetzt und sich bei Kanzlerin Angela Merkel beschwert.

Es war eine merkwürdige Einlassung der Ministerin: Ihre Vorgängerin Brigitte Zypries (SPD) hatte noch einen Gesetzentwurf gekippt, der vorsah, bei jedem Verdacht auf sexuellen Missbrauch zwingend die Staatsanwaltschaft einzuschalten. Die Vertreter der Opfer befürchteten, dass dann die Hemmschwelle für missbrauchte Kinder steige, sich jemandem anzuvertrauen. Und es war ein merkwürdiges Ultimatum, das die hilflose Empörung Zollitschs zeigte. Am Donnerstag nun kam ein Brief der Ministerin beim Erzbischof an, in dem sie anerkannte, dass die Kirche sich sehr wohl um Aufklärung bemühe, dass aber die Leitlinien der Bischofskonferenz verbessert werden müssten. Das fand Zollitsch akzeptabel - denn die Leitlinien wollen die Bischöfe selber verbessern.

© SZ vom 26.02.2010/dmo

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