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Bischöfe:Wer den Ton angibt

Im Vatikan ist es derzeit ähnlich wie in politischen Parteien. Es bilden sich Fraktionen, die einen Mittelweg suchen.

Wölfe gegen Lämmer? Traditionalisten gegen Reformer? Franziskus-Anhänger gegen Papst-Kritiker? Die Grenzen bei der Synode in Rom sind mitunter unscharf. Klar aber ist, dass es Lager mit prominenten Köpfen gibt in dieser Synode.

Der Konservative

Als Anführer der Konservativen gilt der australische Kardinal George Pell, 74, einst Erzbischof von Sydney. Italienische Vatikan-Kenner halten ihn für den "härtesten" Gegner jeglicher Öffnung in zentralen Fragen. Pell soll den Brief aufgesetzt haben, in dem ein Dutzend Kardinäle dem Papst kurz vor der Synode ihre Vorbehalte kundtaten. Der Brief wurde offenbar gezielt öffentlich gemacht. In Glaubens- und Moralfragen ist Pell ein Bewahrer. Und doch verwundert sein Auftritt als Blockierer. Papst Franziskus hatte den Australier in jenen Rat von Kardinälen berufen, der die Reformen begleiten soll. Und er machte ihn zum Präfekten des Wirtschaftssekretariats, zum vatikanischen Wirtschaftsminister. Es heißt, Pell habe enge Verbindungen zu den amerikanischen Neokonservativen, die ihre liebe Mühe haben mit dem Kapitalismuskritiker aus Argentinien. Zum Lager der Traditionalisten gehört auch Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller, 68, aus Mainz. Als Präfekt der Glaubenskongregation ist er der Hüter über die Lehre der Kirche. Diese Rolle fällt in der Regel einem bewahrenden Dogmatiker zu. Müllers Förderer war Benedikt XVI., Jorge Mario Bergoglios Vorgänger auf dem Stuhl Petri. Nun stößt sich der renommierte Theologe daran, dass die reine Doktrin der Kirche etwas der pastoralen Praxis angepasst werden soll. Den veröffentlichten Brief der Konservativen, ein Miniskandal, verglich Müller in der Zeitung Corriere della Sera mit den "Vati-Leaks", dem Großskandal rund um Dutzende entwendeter Dokumente, der bei Benedikts Rücktritt wohl eine Rolle spielte. Zu Übertreibungen neigt Kardinal Robert Sarah, 70 Jahre alt, aus Guinea. Auch er sitzt in der Kurie. Sarah leitet dort die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung. Berufen dazu wurde er, eher überraschend, von Franziskus. Besonders entschieden äußert sich Sarah über das Abendmahl für Wiederverheiratete: Die Idee allein sei "des Teufels". In seinem Interviewbuch "Dieu ou Rien" (Gott oder nichts), das in diesem Jahr herauskam, sagt Sarah, die Seelsorge laufe Gefahr, in einer "gefährlichen, schizophrenen Pathologie" zu versinken. Die Radikalität ließ aufhorchen - und machte Sarah erst bekannt. Wenn in jüngerer Vergangenheit jeweils die Frage aufgekommen war, ob der nächste Papst nicht aus Afrika stammen sollte, zählte Robert Sarah zu den möglichen Kandidaten. Still geworden ist es um Walter Kasper, 82, den emeritierten Kurienkardinal. Es ist nicht lange her, da nannten ihn die Medien noch "Franziskus' Lieblingstheologen", weil der Papst in seinem ersten Angelus-Gebet Kaspers Buch über die Barmherzigkeit gepriesen hatte. "Es hat mir gutgetan", sagte Franziskus. Den Deutschen bezeichnete er als "großartigen Theologen". Kasper fiel dann auch die Aufgabe zu, das Papier für die Bischofssynode vom Herbst 2014 zu verfassen, die die jetzige Versammlung vorbereitete. Den Konservativen ging der Reformer viel zu weit. Als "Kasperianer" ließen sich hingegen progressive Kardinäle und Bischöfe aus Deutschland, der Schweiz und Frankreich beschreiben. Mittlerweile hat Kasper seine bevorzugte Stellung in Franziskus' Gunst anscheinend verloren. Offenbar hört der Papst nun eher auf den Erzbischof von Bologna, den Theologen Carlo Caffara, der deutlich konservativer denkt als Kasper. Irgendwo zwischen den Lagern steht der österreichische Kardinal Christoph Schönborn, Erzbischof von Wien, 70. Auch er gehörte vor der jüngsten Papstwahl zum erweiterten Kreis der "Papabili", der möglichen Kandidaten. Schönborns Qualitäten liegen darin, dass er mit seinem Einerseits-Andererseits-Diskurs es allen einigermaßen recht macht. Die Lehre der Kirche, findet Schönborn, soll keinesfalls geändert werden. In seltenen Einzelfällen aber sollen Ausnahmen möglich sein. Er ist weder lax noch rigoros. Laviert Schönborn nur? Oder baut er am Ende Brücken zwischen den Lagern? Für die Stiftung eines Konsenses, selbst eines minimalen, scheinen die Maximalisten beider Seiten jedenfalls eher ungeeignet zu sein.

© SZ vom 17.10.2015

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