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Biowaffen im Irak: Informant "Curveball":Gespräche mit dem BND

Auf die Idee, sich selbst gewissermaßen als Waffe gegen den Diktator ins Spiel zu bringen, brachte Rafed offenbar ein deutscher BND-Mitarbeiter, der ihn befragte, nachdem sein Asylantrag 2000 bewilligt worden war. Der Mann, den der Iraker als Dr. Paul bezeichnet, zeigte großes Interesse an Rafeds Arbeit als Chemieingenieur im Irak. "Er sagte mir, er bräuchte Informationen über mein Leben. Er sagte, es wäre sehr wichtig, denn im Irak gebe es einen Diktator und ich müsste helfen."

Am 5. Februar 2003 hielt US-Außenminister Colin Powell vor den Vereinten Nationen seine berühmte Rede über Massenvernichtungswaffen im Irak. Später bezeichnte er seinen Auftritt als "Schandfleck" seiner politischen Karriere. Er habe jedoch nicht gewusst, dass einige der Informationen falsch gewesen seien.

(Foto: AP)

Dies sei der Zeitpunkt gewesen, an dem er sich entschied, seiner Phantasie freien Lauf zu lassen, erklärte Rafed der Zeitung. Die nächsten sechs Monate habe er mit Dr. Paul, einem BND-Experten für Massenvernichtungswaffen, zusammengesessen und seine Horrorgeschichte erzählt - eine Geschichte, die schließlich Colin Powell vor den Vereinten Nationen wiederholte, als Beschreibung von biologischen Waffenlabors auf Rädern "aus erster Hand".

Curveball hatte sogar behauptet, selbst eine dieser Anlagen überwacht zu haben. "Er war dort, während die Herstellung biologischer Wirkstoffe lief", erklärte der US-Außenminister. "Er war auch dort 1998 als ein Unfall passierte. Zwölf Techniker starben." Diagramme der Anlagen, die Powell präsentierte, beruhten offensichtlich auf Rafeds Angaben.

Als Rafed Powells Rede hörte, war er auch deshalb überrascht, weil seine Behauptungen sich schließlich hätten überprüfen lassen - und sie waren auch überprüft worden. Noch im Jahre 2000 hatte der Bundesnachrichtendienst seinen früheren Vorgesetzen Basil Latif in Dubai befragt - und erfahren, dass Rafed ein Lügner sei. Auch britische Geheimdienstmitarbeiter hätten an dem Treffen teilgenommen, berichtet der Guardian. Und sowohl die Deutschen als auch die Briten hätten ihm nicht mehr geglaubt.

Doch 2002 tauchte der BND angeblich wieder bei Curveball auf und setzte ihn unter Druck. Er sollte mitarbeiten, oder seine schwangere Frau könnte nicht aus Spanien nach Deutschland reisen, sondern müsste nach Marokko. Diesmal befragten die deutschen Geheimdienstmitarbeiter Curveball nicht mehr über eine angebliche Waffenfabrik im Südosten Bagdads, von der er zuvor behauptet hatte, dass die mobilen Labors dort ausgerüstet würden. "Sie wussten, dass ich damit nicht recht hatte", erläutert Rafed nun. Doch Anfang 2003 kam das Thema Biowaffenlabors auf Rädern zur Überraschung des lügenden Informanten wieder auf - um schließlich von Colin Powell weltweit verbreitet zu werden.

Wie dies geschehen konnte, ist unklar. Dass Curveballs Behauptungen falsch waren, hätte man den Amerikanern gesagt - wenn auch nicht öffentlich, beteuerte der frühere UN-Botschafter Gunter Pleuger. Dem widersprach im vergangenen Jahr der ehemalige CIA-Mann David Kay, der im Irak ohne Erfolg nach Massenvernichtungswaffen gesucht hat. In der NDR-Dokumentation, die im Dezember 2010 ausgestrahlt wurde, zeigte er sich verwundert, dass die Deutschen "jetzt plötzlich behaupten: Der Kerl taugt nichts".

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