Biowaffen im Irak: Informant "Curveball" "Ich habe es für mein Land getan"

Angebliche Biowaffenlabors waren ein wichtiger Grund für den Krieg der USA gegen den Irak. Nun erklärt der irakische Informant "Curveball" in einem Video, wie er dem BND diese Lüge unterjubelte und warum er noch immer stolz darauf ist.

Von Markus C. Schulte von Drach

1999 war Rafed Ahmed Alwan al-Janabi nur ein arbeitsloser irakischer Chemieingenieur, dem Deutschland Asyl gewährt hatte. Vier Jahre später war er ein Mann, der Geheimdienste und Politiker für einen persönlichen Feldzug gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein ausnutzte.

Rafid Ahmed Alwan al-Janabi alias Curveball in einem Interview der britischen Zeitung Guardian.

(Foto: screenshot)

Rafed war jener mit dem Codenamen "Curveball" bezeichnete Informant, auf den US-Außenminister Colin Powell sich in seiner berühmten Rede vor den Vereinten Nationen in New York am 5. Februar 2003 bezog, als er die Welt vor den mobilen Biowaffenlabors der Irakis warnte. Ausführlich konnte Powell von "Lastern und Zügen" berichten, die innerhalb von Monaten riesige Mengen von Gift produzieren könnten, genug Anthrax und Botox, um Tausende damit umzubringen.

Neben den Vorwürfen, Saddam Hussein würde sich um Atomwaffen bemühen und sei ein Verbündeter von Osama bin Ladens Terrororganisation al-Qaida, sollte das Bild von den Schrecken der biologischen Massenvernichtungswaffen die Welt von der Notwendigkeit eines Feldzugs gegen den Irak überzeugen.

"Wir wissen, dass der Irak seit den späten neunziger Jahren mehrere biologische Waffenlabors besitzt", erklärte US-Präsident George W. Bush, um den Krieg gegen Hussein zu rechtfertigen. "Diese eignen sich zur Herstellung von Kampfstoffen und können von Ort zu Ort bewegt werden."

Jener Informant aber, der behauptet hatte, selbst in einer Fabrik zur Produktion von Biowaffen gearbeitet zu haben, hat nun zum ersten Mal in einem Interview öffentlich zugegeben, gelogen zu haben. Gelogen von vorn bis hinten.

Nichts von dem, was Rafed Ahmed Alwan al-Janabi über irakische Biowaffen berichtet hatte, entsprach der Wahrheit. Alles hatte er erfunden und dem deutschen Bundesnachrichtendienst (BND) erzählt, mit dem einem Ziel: Der irakische Diktator sollte weg. Denn, wie er dem britischen Guardian erklärt hat, schließlich habe Hussein "Kriege gemacht mit unseren Nachbarn" und "gemacht keine Freiheit in unserem Land".

"Ich hatte die Chance, etwas zu erfinden, um das Regime zu stürzen", rechtfertig Rafed sich in den Interviews, die er der Zeitung in deutscher und arabischer Sprache gegeben hat. (siehe Video)

Schockiert war er, als er in seiner kleinen Wohnung in Erlangen die Rede von Powell im Fernsehen verfolgte - schockiert darüber, dass der Bundesnachrichtendienst seine Behauptungen an die Amerikaner weitergegeben hatte, mit denen er selbst nie gesprochen habe. "Deutschland hat die Informationen an andere Länder verkauft", kritisiert er, um gleich darauf festzustellen: "Ich bin zufrieden. Im Irak gibt es keinen Diktator mehr."

Überzeugt davon, richtig gehandelt zu haben, weist Rafed darauf hin, "Colin Powell sagte nicht, dass ich der einzige Grund für diesen Krieg war. Er sprach über drei Dinge. Erstens Uran, zweitens al-Qaida, drittens meine Geschichte." 2007 wurde er als Powells Quelle zu den Biowaffen enttarnt - und wundert sich, dass die Informanten der beiden anderen unwahren Behauptungen nicht auch publik gemacht wurden. Aber "ich akzeptiere das, denn ich habe etwas für mein Land getan, und das reichte mir".

Nachdem die Identität von Curveball bekanntgeworden war, hatte er in einem CNN-Interview behauptet, er wäre vom Bundesnachrichtendienst zum Prügelknaben gemacht worden und hätte niemals etwas über Massenvernichtungswaffen gesagt. Als ihn 2010 ein Fernsehteam des NDR in Karlsruhe aufgespürt hatte, holte er die Polizei. Er hatte den Reportern ein Interview zwar zugesagt - aber wieder abgeblasen, weil man ihm kein Geld zahlen wollte.

Dem Guardian gegenüber zeigte sich der gedrungene 43-Jährige nun äußerst gesprächig - vielleicht, um seinen Ruf im Irak zu verbessern für den Fall einer Rückkehr in seine Heimat, wie die Zeitung spekuliert. Von Zahlungen der britischen Journalisten an den Ingenieur wurde bislang nichts bekannt.