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Corona-Impfstoff:Biontech wollte 54,08 Euro für eine Dosis

Corona-Impfstoff

"Den höchsten prozentualen Rabatt": Pfizer/Biontech erklärten zu Beginn der Verhandlungen, der EU ein besonders günstiges Angebot gemacht zu haben.

(Foto: Francisco Seco/AP)

Pfizer und Biontech boten der EU ihren Impfstoff zunächst zu einem Preis an, den der Arzneimittelchef der Ärztekammer für "unseriös" hoch hält. Zumal Biontech auch von staatlichen Fördergeldern profitierte.

Von Markus Grill und Georg Mascolo

Mitte Juni vergangenen Jahres hatte Biontech-Chef Ugur Sahin versichert, dass kein Pharmaunternehmen sich mit dem Corona-Impfstoff "eine goldene Nase verdienen" werde. Wenige Tage später ging bei der EU-Kommission ein streng vertrauliches Angebot im Namen von Pfizer und Biontech ein. Wortreich wird darin erklärt, wie gravierend die wirtschaftlichen Schäden durch die Pandemie seien, jeder Tag koste die EU 3,8 Milliarden Euro, aufs Jahr gerechnet satte 1,4 Billionen Euro. Nur ein Impfstoff sei der Weg aus dieser Notlage.

Anschließend argumentieren Pfizer/Biontech so, wie Pharmaunternehmen seit Jahren ihre Preise rechtfertigen: Entscheidend ist nach dieser Logik nicht, wie viel man für Forschung und Entwicklung ausgegeben hatte, sondern wie groß der medizinische Nutzen eines neuen Präparats ist. Danach müsse sich der Preis bemessen. In dem der EU unterbreiteten Angebot ("Expression of Interest") heißt es weiter: Würde man die Abermilliarden, die die Pandemie an Schäden verursache, in ein "traditionelles Kosten-Wirksamkeits-Modell" übertragen, komme man auf einen Preis für eine Dosis Impfstoff, der "unangemessen wäre während einer globalen Pandemie".

Nach dieser Vorrede unterbreitete Pfizer/Biontech deshalb ein vermeintlich großzügiges Angebot: In Fettschrift boten die beiden Firmen der EU ihren Impfstoff zum Preis von 54,08 Euro pro Dosis an, bei einer Abnahme von 500 Millionen Dosen. Insgesamt wollten Pfizer/Biontech also 27 Milliarden Euro für so viel Impfstoff, dass damit gut die Hälfte der EU-Bevölkerung zu impfen wäre. Der Preis, so versicherten Pfizer/Biontech beinhalte bereits "den höchsten prozentualen Rabatt" der einem Industrieland weltweit angeboten worden sei.

Biontech hat nach eigenen Angaben keine Gewinne mit dem Impfstoff gemacht

Mit 54,08 Euro wäre der Biontech-Impfstoff damit mehr als zwanzig Mal so teuer wie eine Dosis jenes Impfstoffs, den Astra Zeneca gemeinsam mit der Universität Oxford entwickelt hat. "Ich halte den Preis für unseriös", kritisiert der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, Wolf Dieter Ludwig, das Angebot von Pfizer/Biontech. "Ich sehe darin ein Profitstreben, das in der jetzigen Situation der Pandemie in keiner Weise gerechtfertigt ist."

Womöglich werfen diese vergleichsweise hohen Preisvorstellungen auch ein neues Licht auf die Zurückhaltung mancher EU-Länder im Sommer gegenüber dem Biontech-Impfstoff. Einige der Mitgliedstaaten bezweifelten nicht nur die Wirksamkeit der neuen mRNA-Technologie und wollten keinen weitreichenden Haftungsverzicht für die Impfstoff-Hersteller gewähren - sie verlangten auch niedrige Preise. Wolf-Dieter Ludwig jedenfalls sagt, dass er die EU verstehe: "Ich denke, sie hat mit Recht gezögert bei einem derartig hohen Preis."

Coronavirus - Ugur Sahin

"Der Prozess in Europa lief sicherlich nicht so schnell und geradlinig ab wie mit anderen Ländern": Ugur Sahin, Vorstandsvorsitzender von Biontech, über die Verhandlungen mit der EU.

(Foto: Andreas Arnold/dpa)

In einem Interview mit dem Spiegel Anfang des Jahres kritisierte Biontech-Chef Ugur Sahin die Verhandlungen mit der EU: "Der Prozess in Europa lief sicherlich nicht so schnell und geradlinig ab wie mit anderen Ländern", sagte der Firmenchef. "Offenbar herrschte der Eindruck: Wir kriegen genug, es wird alles nicht so schlimm, und wir haben das unter Kontrolle. Mich hat das gewundert."

Eine Anfrage zu einem Gespräch über das hohe Preis-Angebot ließ Sahin diese Woche unbeantwortet. Eine Firmensprecherin beantwortete konkrete Fragen zum Angebot nicht, wies aber darauf hin, dass der Preis für den Impfstoff "von verschiedenen Faktoren abhängig" sei. Er liege "in einer gewissen Spanne für alle Länder mit höherem Einkommen". Bisher habe das Unternehmen jedoch keine Gewinne gemacht. Wenn man aber Gewinne aus dem Vertrieb des Covid-19-Impfstoffs mache, wolle man diese "in die Weiterentwicklung dieser Technologie reinvestieren".

Der Pharmakonzern Pfizer teilte mit: "Unsere Gespräche mit Regierungen und alle nachfolgenden Vereinbarungen sind vertraulich." Im Übrigen solle man sich an die Pressestelle von Biontech wenden. Ein Sprecher der EU-Kommission teilte per E-Mail mit, dass die EU-Kommission aus vertragsrechtlichen Gründen keine Angaben über die Preise machen dürfe. Generell gelte jedoch, dass "der Vertragsabschluss mit allen Unternehmen zu einem für beide Seiten zufriedenstellenden Vertrag führen musste". Auf den tatsächlichen Preis einigte man sich auch mit Biontech bereits im Sommer.

Erst im November aber kam die EU zu einem Vertragsabschluss mit Pfizer/Biontech. Der endgültige Preis wird bis heute zwar geheim gehalten, doch nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR soll er bei 15,50 Euro pro Dosis liegen. Als Erste hatte auch die Nachrichtenagentur Reuters diesen Preis genannt. Die EU hätte damit also eine deutliche Preissenkung gegenüber dem Angebot im Juni erreicht. Auch die USA zahlen in etwa gleich viel. Sie hatten im Juli bereits einen Vertrag mit Pfizer geschlossen, der ihnen 100 Millionen Dosen für 1,95 Milliarden Dollar sicherte. Umgerechnet ergibt das rund 16 Euro pro Dosis.

Überraschend ist aber nicht nur der hohe Preis, den Pfizer/Biontech von der EU zunächst verlangten, sondern auch die Behauptung in dem Angebot an die EU, man hätte die Entwicklung des Impfstoffes "komplett selbst finanziert". Das mag vielleicht für Pfizer gelten. Nicht aber für die deutsche Firma Biontech, die den Impfstoff entwickelt hatte - auch wenn manche derzeit glauben, dass Biontech allein mit dem Geld der Hexal-Gründer Andreas und Thomas Strüngmann aufgebaut wurde. Tatsächlich war ihr Engagement entscheidend, aber darüber hinaus wurde Biontech mit mehreren Millionen Euro staatlich subventioniert. So teilt das Bundesministerium für Bildung und Forschung auf Anfrage von SZ, NDR und WDR mit, dass das Ministerium "die Gründungsphase von Biontech maßgeblich unterstützt und die entscheidenden ersten Jahre der Ausgründung finanziell und auch strukturell gefördert hat".

"Diese hohen Preisforderungen sind aus meiner Sicht nicht berechtigt."

Einen weiteren Schub hatte Biontech demnach von 2012 bis 2017 als Gewinner des Spitzencluster-Wettbewerbs erhalten, das vom Forschungsministerium mit 12,9 Millionen Euro gefördert worden sei, wie dessen Sprecher mitteilt. Auf Nachfrage teilt auch die Biontech-Sprecherin mit, das Unternehmen habe "während der ersten Jahre nach Gründung circa 50 Millionen Euro Fördergelder durch die Clusterinitiative und EU-Programme erhalten".

Im Herbst 2019 schließlich hatte die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung 55 Millionen US-Dollar in Biontech investiert, und im Sommer 2020 hatte die Firma weitere 375 Millionen Euro vom Bundesforschungsministerium für die mRNA-basierte Impfstoffentwicklung erhalten. Dazu kommt ein Kredit über 100 Millionen Euro, den die EU über die Europäische Investitionsbank im Juni 2020 Biontech gewährt hat - wenige Tage übrigens vor dem Angebot an die EU.

"Die pharmazeutische Industrie sagt ja immer, die hohen Kosten entstehen aufgrund der Forschungs- und Entwicklungskosten, aber auch, weil der Nutzen so groß ist", sagt Wolf Dieter Ludwig. Tatsächlich sei es aber so, dass man den Nutzen derzeit nicht endgültig beurteilen könne, und die Forschung und Entwicklung sei zum Teil mit staatlichen Geldern subventioniert worden. "Von daher sind diese hohen Preisforderungen aus meiner Sicht nicht berechtigt."

Biontech ist nicht die einzige Firma, deren Impfstoffentwicklung massiv mit staatlichen Geld oder dem Geld von Stiftungen unterstützt wurde. Ein Aufsatz in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet hat in der vergangenen Woche aufgeführt, welche Hersteller von Corona-Impfstoffen welche Unterstützung erhalten hatten. Demnach haben die beiden Hersteller Sanofi/Glaxo-Smith-Kline und Novavax jeweils 2,1 Milliarden Dollar erhalten, Astra Zeneca/Universität Oxford erhielten 1,7 Milliarden Dollar, Johnson&Johnson 1,5 Milliarden und Moderna 957 Millionen US-Dollar.

Ludwig von der Bundesärztekammer sagt, er verstehe zwar, dass die Aktionäre dieser Firmen auch ihren Anteil wollen. "Aber wir sind derzeit in einer Krisensituation, wo es das Ziel sein muss, nicht nur in den Industrieländern, sondern weltweit zu impfen. Vor diesem Hintergrund, denke ich, haben die Interessen der Aktionäre weniger Bedeutung als die Interessen der Bevölkerungen, die von dieser Pandemie befreit werden wollen."

© SZ/gal
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