Biographie über Genscher:Genscher als Gestalter

Schon bevor er Innen- und dann Außenminister in den Regierungen Willy Brandts, Helmut Schmidts und Helmut Kohls wurde, hatte der FDP-Politiker Genscher die deutsche Einheit in gesamt-europäischem Rahmen gesehen. Er war auch einer von wenigen, die im Moskauer Vorschlag der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit sofort eine Chance sahen; bei US-Außenminister Henry Kissinger soll er dafür Interesse geweckt haben.

Entgegen den ursprünglichen Absichten Moskaus brachte er am Ende in der KSZE-Schlussakte von 1975 den Passus unter, dass die Grenzen - auch die innerdeutsche - zwar unverletzlich seien, durch Vereinbarung aber veränderbar.

Die Biographie gibt ein nuanciertes Bild von dem Hallenser Genscher, der 1952 nach einem Jura-Studium die DDR verließ. Ein Studienfreund charakterisierte ihn als "fischilant". Die sächsische Verballhornung des französischen Worts "vigilant" bedeutet so viel wie hellwach und schlau. Unter den westlichen Verbündeten regte sich zwar zuweilen Misstrauen: War es denkbar, dass dieser Genscher einen deutschen Sonderweg verfolgte? Sein diplomatisches Talent, Vertrauen zu gewinnen, war jedoch beachtlich.

Wegen Animositäten zwischen Schmidt und US-Präsident Jimmy Carter wurde Genscher von Washington ins Vertrauen gezogen. Carter hatte geklagt, Schmidt führe sich wie ein "paranoides Kind" auf. Sein Berater Zbigniew Brzezinski warnte Genscher vor Schaden für die Beziehungen. Dem Autor des Buchs sagte Brzezinski später, Schmidt habe in Washington als "extrem eitel" und "launisch" gegolten.

In einem kürzeren Schlusskapitel, nicht dem präzisesten des Buchs, bringt Heumann auch Kritik an seinem Helden vor. Nach dem vollbrachten "Lebenswerk", der Einheit, und vor seinem Rückzug vom Amt 1992 sei Genscher "an die Grenzen seiner Außenpolitik gestoßen". Er habe sich nie dazu durchringen können, "Macht als legitimes Mittel der Diplomatie anzuerkennen, schon gar nicht militärische Macht". Das wäre nun aber - im ersten Golfkrieg und im Jugoslawien-Konflikt - zum Schutz von Recht und Menschenrechten unerlässlich geworden, meint der Autor.

Heumann hält die oft geäußerten Vorwürfe nicht für stichhaltig, dass Genscher mit seinem Drängen auf Anerkennung Sloweniens und Kroatiens durch die EG-Länder der Friedenssuche in Jugoslawien geschadet und die Konflikte noch verschärft habe. Genscher selber schrieb in seinen "Erinnerungen", er habe in einer "Internationalisierung des Konflikts" durch die Anerkennung der früheren Teilrepubliken "das einzige noch verbleibende politische Mittel" gegen das Blutvergießen gesehen.

Der Autor bemängelt jedoch, dass Genscher zur selben Zeit ein militärisches Engagement gegen serbische Aggression aus seinen prinzipiellen Gründen abgelehnt und auch von den Verbündeten nicht verlangt habe. Gegen einen Einsatz deutscher Soldaten im Ausland stand damals allerdings auch noch das Grundgesetz.

Heumann, heute Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, hat lange Gespräche mit Genscher geführt; außerdem hat er Gorbatschow und Schewardnadse, Baker und Kissinger, Kohl und Schmidt interviewt. Das Bundeskanzleramt setzte sich früh über die Schutzfrist des Archivgesetzes hinweg und machte vertrauliche Briefe, Berichte und Gesprächsprotokolle aus der Zeit der Vereinigung zugänglich.

Auf diese Weise, schreibt Heumann, habe Kohl - im Unterschied zu Genscher - schneller seinen Anspruch untermauern können, als "Kanzler der Einheit" in die Geschichte einzugehen. Nach Einblick ins Archiv des Außenministeriums sah sich Heumann dann aber in der Lage, "Genscher vor allem als einflussreichem Gestalter der Zwei-plus-Vier-Gespräche Gerechtigkeit widerfahren zu lassen".

Indem der Autor Genscher in ein "neues Licht" rückt, lässt er andere, nicht zuletzt Helmut Kohl, weniger hell leuchten. So nimmt sich das informative Buch zuweilen wie eine Umverteilung von Verdiensten aus.

HANS-DIETER HEUMANN: Hans-Dietrich Genscher. Die Biographie. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2012. 346 Seiten, 24, 90 Euro.

Bernhard Küppers war bis 2008 Balkan-Korrespondent der SZ.

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