Biografie:Weiter, immer weiter

Stefan Berkholz deutet den Politiker und Menschen Robert Habeck, der gerade seinen "schmerzhaftesten Tag" überstanden hat.

Von Cord Aschenbrenner

Als die Sache kurz nach Ostern entschieden war, hat sich Robert Habeck wohl so verhalten, wie sein Biograf Stefan Berkholz es erwartet haben dürfte. Nachdem die Kanzlerkandidatur der Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock verkündet worden war, verzog ihr Mit-Vorsitzender Habeck keine Miene. Man könnte auch sagen, dass er sich ins Unvermeidliche fügte (da ja nach den Regeln der Grünen Baerbock als Frau das Recht des ersten Zugriffs hatte). Aber erklären wollte er sich doch. Was er dann wenig später in einem Interview mit der Zeit auch tat. Dort sprach er von einer "persönlichen Niederlage" und dem "schmerzhaftesten Tag" seiner politischen Laufbahn. Seine nicht übermäßig larmoyanten Sätze trugen Habeck überwiegend Hohn und Spott ein.

Dass ein Politiker einer Politikerin den Vortritt lassen muss, sich jedoch nicht beleidigt ins innere Exil (oder, in Habecks Fall auch denkbar, an die dänische Grenze) zurückzieht, sondern seine Seelenlage offenbart, ohne aber zu sticheln oder nachzutreten, ist in den geltenden Regularien der Parteipolitik nicht vorgesehen. Jemand wie Robert Habeck ist allerdings auch nicht vorgesehen, allenfalls als früh Scheiternder. Ist er gescheitert? In seinem Ehrgeiz als Kanzlerkandidat vorerst schon, nicht aber, folgt man Stefan Berkholz' umfangreicher "Nahaufnahme", als unbekümmerter politischer Seiteneinsteiger, der es als belesener Vordenker, charismatischer Redner, Landesminister und nicht zuletzt als Parteivorsitzender geschafft hat, seine Partei in den vergangenen Jahren zu öffnen und zu disziplinieren, auch zu prägen.

Die Partei wusste, was sie tat

Letzteres ist ja eine beliebte Floskel, um die Arbeit von Politikern abschließend wolkig zu umschreiben; Berkholz gelingt es in seiner genauen und klugen Darstellung jedoch herauszuarbeiten, dass die etwas andere Habeck'sche Art die Grünen tatsächlich nicht unberührt gelassen hat. Der Partei war klar, wen sie 2018 zusammen mit Baerbock zum Vorsitzenden wählte. Damals war der promovierte Philosoph und einstige Schriftsteller Habeck seit 16 Jahren Politiker, hatte den Landesverband der schleswig-holsteinischen Grünen aus der Bedeutungslosigkeit geholt, war Agrar- und Umweltminister in seinem Bundesland und stellvertretender Ministerpräsident in zwei Regierungen gewesen.

Die K-Frage bei den Grünen

Ein fehlender Radweg brachte Robert Habeck in die Politik. So erzählt er es gern. 2021 wird es jedenfalls nicht reichen für die Fahrt ins Kanzleramt.

(Foto: Carsten Rehder/dpa)

Die Grünen wussten, dass sie mit Habeck einen Mann des Wortes an ihre Doppelspitze befördern würden; jemanden, den seine Weltsicht und sein durch Albert Camus beeinflusstes Denken "das ewige Gespräch" suchen lässt, wie ihn Berkholz zitiert; einen Mann, der seine philosophische Grundierung und den intellektuellen Habitus nicht verbirgt, im Gegenteil, sich dadurch aber stark abhebt von seiner Berliner Peergroup aus Politikern aller Parteien; und nicht zuletzt einen politischen Spätentwickler, dem es 2002 mit 32 Jahren nicht mehr genügt hatte, gemeinsam mit seiner Frau Andrea Paluch Romane und Jugendbücher in einem Idyll familiärer Abgeschiedenheit zu schreiben.

Sein Projekt: "Grüne Eigenständigkeit"

Ein fehlender Radweg für seine Kinder sei im Jahr 2002 der Auslöser für sein erstes Engagement bei den Grünen gewesen, so pflegt es Habeck zu erzählen. Schon bald, im Herbst 2004, wählte ihn die darniederliegende Partei zum Landesvorsitzenden. Der unideologische, aber ideenreiche Habeck päppelte die Grünen im Norden mit einigen Verbündeten programmatisch auf. "Grüne Horizonte" hieß dieser Prozess, "Grüne Eigenständigkeit" war die Formel für eine eigene Politik, zu der sich die anderen Parteien verhalten sollten.

"Das ganze Ding ist ein Risiko": Dieser Satz, gesagt nach einem halben Jahr als Bundesvorsitzender, der Posten, für den er sein sicheres Ministeramt aufgeben musste, bildet nicht ohne Grund den Titel des Buches. Er wirft ein Licht auf den für einen Berufspolitiker (und sei es ein Grüner) atypischen Sprachgebrauch, gleichzeitig deutet er einen Wesenszug Habecks an, dem Berkholz nachgeht. Aus Gesprächen mit Freunden, ehemaligen Lehrern, alten Mitstreitern entsteht das Bild eines Mannes, der über einen unbekümmerten Mut zu verfügen scheint, Unbekanntes zu wagen und dann zu sehen, ob es klappt. Tut es das nicht, ist es schade, aber keine Katastrophe. Das sei kalkulierte Risikobereitschaft, wie Berkholz einen Weggefährten zitiert. Ganz ohne Netz blieb Habeck nie, hat gleichzeitig aber auch das Selbstbewusstsein eines Menschen, den das Leben gelehrt hat, dass er auch andere Möglichkeiten hat.

Die Vita Roberti hat 1086 Anmerkungen

Der Autor schaut ziemlich genau auf dieses Leben, er hat alles von und über Habeck gesehen und gelesen, sowie einige der Autoren, deren Werke Habecks geistiges Lebenselixier bilden: Camus, Paul Celan, Emmanuel Lévinas. Er hat ihn für zwei Radiofeatures begleitet, hat mit Habeck-Freunden und -Skeptikern (auch die gibt es) gesprochen. Über historische Werke liest man manchmal, sie seien "aus den Quellen gearbeitet". So ist es auch bei Berkholz' Vita Roberti, 1068 Anmerkungen sind am Ende aufgeführt. Dass es so viele sind, liegt auch daran, dass er zwar einerseits chronologisch vorgeht, die Persönlichkeit des einstigen Kieler Gymnasiasten und sein späteres Wirken jedoch eher systematisch beleuchtet: der Vater, der Norddeutsche, der glückliche Politiker, der Ideengeber, so heißen einige der Kapitel. Da braucht man Quellen und Gewährsleute. Insgesamt kommt Berkholz seinem Protagonisten nah, aber nicht zu nah.

Biografie: Stefan Berkholz: „Das ganze Ding ist ein Risiko.“ Robert Habeck. Eine Nahaufnahme. Karl Blessing Verlag, München 2021. 463 Seiten, 22 Euro. E-Book: 17,99 Euro.

Stefan Berkholz: „Das ganze Ding ist ein Risiko.“ Robert Habeck. Eine Nahaufnahme. Karl Blessing Verlag, München 2021. 463 Seiten, 22 Euro. E-Book: 17,99 Euro.

Berkholz zeichnet Habeck als zugänglichen, zugewandten Mann des Ausgleichs, der Andersdenkende aus unterschiedlichen Milieus überzeugen, nicht überwältigen will. Dazu gehört auch seine für einen Politiker eher unkonventionelle Art des öffentlichen Auftritts und des Ablegens von Rechenschaft über die eigenen Motive ("Bin ich noch der, der ich sein wollte, als ich Politiker wurde?"), so, als würden nicht Tausende zuhören oder lesen, sondern als habe man diesen Habeck bei sich zu Hause am Tisch sitzen. Man träfe dort auf einen pragmatischen, durchaus machtbewussten Idealisten, der nicht nur in grünen Mustern, sondern schon immer gesamtgesellschaftlich denkt. Versteht man Stefan Berkholz' Einschätzung richtig, ist er wohl der beste Kanzlerkandidat, den die Grünen nie hatten.

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