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Widerstand gegen das NS-Regime:Anklage wegen "widernatürlicher Unzucht" - ein Wendepunkt

"Wir wollen doch Flamme sein, unsere Kraft muss federnder Stahl sein, unsere Seele trockene Weißglut" schrieb der Fähnleinführer Scholl an einen der Jungen aus seiner Ulmer Gruppe, in der er verbotenerweise die Weltanschauung der "deutschen autonomen Jungenschaft" mit jener der Hitlerjugend zu vereinen suchte. Die Wortwahl zeigt, wie sehr Hans Scholl Kind seiner Zeit war - als Anhänger des Dichters Stefan George und romantischer Schwärmer, den es nach heroischer Tat und Weltveränderung drängte.

Dies blieb so, bis Hans Scholl - mittlerweile Soldat - 1937 wegen illegaler bündischer Jugendarbeit und wegen Verstoßes gegen den Homosexuellenparagrafen 175 von den nationalsozialistischen Behörden verfolgt und schließlich angeklagt wurde. Anhand bisher unbekannter Briefe zeigt Zoske, dass Scholl seinen Weg zwischen Nichtanpassung, Heroismus, Kontemplation, Elitedenken, deutschnationalen Gesellschaftsvisionen und Frömmigkeit suchte.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch stellt der Verlag auf seiner Internetseite zur Verfügung.

Der junge Mann, der sich zu Männern und Frauen gleichermaßen hingezogen fühlte, war ohnehin wohl ein zu vielschichtiger und zu feinsinniger Charakter, als dass er mit der zwar Elite und Charisma propagierenden, aber ansonsten so schlichten wie brutalen Ideologie des Nationalsozialismus noch lange etwas hätte anfangen können.

Die Anklage vor einem "Sondergericht", das in der innigen Beziehung des 16-jährigen Hans mit einem Freund jedoch nur eine "jugendliche Verirrung" sah und das Verfahren 1938 einstellte, belastete Hans Scholl und seine Familie monatelang. Und es "verschob die Gewichte", wie Robert Zoske schreibt. Hans Scholl war erschüttert und öffentlich gedemütigt durch die Untersuchungshaft und Anklage wegen "widernatürlicher Unzucht".

Thomas Mann wird prägend

In dieser Zeit der Krise begann er, Gedichte zu schreiben, die sich im Nachlass von Inge Aicher-Scholl fanden und im Buch abgedruckt sind; sie thematisieren intensiv Gott und Glauben, Natur und Schöpfung, die eigenen Sehnsüchte. Die Schwester erwähnt die Gedichte in ihrer erstmals 1952 erschienenen Geschichte der "Weißen Rose" nicht, vermutlich, weil sie deren Entstehung dann hätte erklären müssen und damit das Tabu der Homosexualität ihres Bruders.

Es liegt nahe, diese Krise als Wendepunkt zu sehen, wie Zoske es tut. Er zeichnet Scholls Weg vom tief verunsicherten Angeklagten, der sich dem Nationalsozialismus entfremdet, zum aktiven Widerständler nach: ein junger Mann mit nun rasch wechselnden Freundinnen, der mit höchster Energie philosophische und theologische Studien betreibt, dessen im Elternhaus angelegte Frömmigkeit neu entflammt, der aber auch eine gewisse elitäre Unnahbarkeit pflegt.

Eine prägende Gestalt für den Medizinstudenten mit philosophischen Neigungen wird der Schriftsteller Thomas Mann, dessen Aufforderung aus dem amerikanischen Exil an die "deutschen Hörer", sich des Regimes zu entledigen, ihren Niederschlag in den Flugblättern findet.

Robert Zoske hat die geistigen Wurzeln und die Prägung Hans Scholls in seinem anregenden und kenntnisreichen Buch präzise offengelegt. Ohne seine "christlich-politische Zielstrebigkeit", wie Zoske schreibt, sind Scholls Widerstand und sein Freiheitsbegriff kaum denkbar.

Robert M. Zoske: Flamme sein! Hans Scholl und die Weiße Rose. Verlag C. H. Beck München 2018, 368 Seiten, 26,95 Euro. E-Book: 21,99 Euro.

© SZ vom 29.01.2018/gal
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