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Schule:"Bildung wird zunehmend zum Luxus"

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Eher die Ausnahme gewesen: Unterricht zu Hause während der Schulschließungen

(Foto: Giorgio Magini via www.imago-images.de/imago images/Westend61)

In Zeiten der Pandemie investieren Eltern in Nachhilfelehrer oder andere Lern-Angebote. Die Bildungsökonomin Katharina Werner sieht das mit Sorge.

Interview von Mareen Linnartz

Fast in allen Bundesländern hat die Schule wieder angefangen, aber normal wird in diesem Schuljahr wenig sein. Schon jetzt weiß man, dass die monatelangen Schließungen im Frühjahr enorme Auswirkungen haben und vor allem Kinder aus sozial benachteiligten Familien abgehängt wurden - so berichten beispielsweise Sozialarbeiter von Grundschulkindern, die Deutsch verlernt haben, weil sie wochenlang nur Austausch innerhalb ihrer Familien hatten, es kaum Kontakt zu Lehrern gab und die technischen Geräte für Homeschooling fehlten. Auf der anderen Seite versuchen Mütter und Väter vermehrt, Rückstände auf ihre Weise aufzufangen und investieren in Nachhilfelehrer oder digitale Lernplattformen. Eine Entwicklung, die Katharina Werner, Bildungsökonomin am Ifo-Institut, mit Sorge sieht. Sie war mitbeteiligt an der Studie "Bildung in der Corona-Krise", die vor Kurzem erschienen ist.

Frau Werner, in den USA initiieren Eltern zusammen mit anderen Familien Mini-Schulen, sogenannte "Pandemic Pods", und heuern Privatlehrer an - mit geschätzten Durchschnittskosten von 1000 Dollar pro Kind und Monat. Wird es das in Deutschland auch bald geben?

In den USA ist Homeschooling kulturell viel mehr verankert als hier, darin sehe ich schon noch einen Unterschied.

Aber Homeschooling gab es während der Schulschließungen im Frühjahr ja plötzlich auch hier.

Inwieweit man das so nennen kann, das würde ich von Schule zu Schule und auch von Familie zu Familie unterschiedlich bewerten. Manche Schulen boten viel an, andere erschreckend wenig. Und auch Eltern waren unterschiedlich präsent. Ich würde sagen, in den vergangenen Monaten ist vor allem ein riesengroßes Loch entstanden, was Bildung angeht.

Manche Eltern reagierten darauf, indem sie Nachhilfelehrer engagierten oder sich kostenpflichtige Lern-Programme anschafften.

Hierzulande werden vielleicht nicht in irgendeiner Garage oder dem eigenen Garten sogenannte "Pandemic Pods" oder "Microschools" entstehen. Aber in Zeiten der Pandemie wird auch in Deutschland Bildung zunehmend zum Luxus. Da braucht man sich nichts vormachen. Es gibt bereits erste Studien aus den USA, die zeigen, dass Kinder aus ärmeren Familien deutlich weniger oft Lern-Angebote wahrnehmen, wenn man beispielsweise die Anfragen in Internet-Suchmaschinen auswertet.

Katharina Werner

Der Staat, sagt Katharina Werner, habe einen Bildungsauftrag. Aber wie diese Aufgabe in der Krise nicht mehr wahrgenommen wurde, habe sie "schockiert".

(Foto: Privat)

Wie sehr besorgt Sie als Bildungsökonomin diese Entwicklung?

Sehr. Wenn in einem Land wie unserem, dessen Grundgedanke ist, dass Bildung für alle kostenlos und für jeden erreichbar sein soll, zunehmend Bildung erkauft wird, ist das ein enormer Verstärker von Bildungsungleichheit. Mit großen wirtschaftlichen Folgen: Ein Jahr Unterrichtsausfall bedeutet für diejenigen, die diese Lücke nicht auffüllen können, im späteren Lebensverlauf im Durchschnitt etwa zehn Prozent weniger Einkommen, das zeigen Studien. Wenn also ein Drittel eines Schuljahres durch Schulschließungen ausfällt, bedeutet dies Einkommensverluste von drei bis vier Prozent. Und das in einem Land, das darauf angewiesen ist, gut ausgebildete Arbeitskräfte zu haben.

Finden Sie es nicht nachvollziehbar, wenn Eltern sagen: Dann kümmere ich mich eben selbst darum, dass Lücken im Lernstoff wieder geschlossen werden?

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Es ist absolut löblich, Bildungsausfälle auszugleichen. Wobei man ja auch anregen kann, andere Freunde der Kinder daran teilhaben zu lassen, die von zu Hause aus nicht die Unterstützung bekommen. Aber je mehr Eltern die Verantwortung dafür zugeschoben wird, desto mehr leiden die Kinder der Eltern, die nicht in der Lage sind, ihnen zu helfen, in welcher Form auch immer. Das ist fatal. Hier ist der Staat gefragt, Verantwortung zu übernehmen und Lösungen zu entwickeln. Warum zum Beispiel organisieren nicht Schulen Kleinstgruppen, die aus epidemiologischer Sicht ja wirklich Sinn machen? Warum passiert so wenig in Sachen Digitalisierung? Wo sind die Ideen, wo ist ein Konzept?

In Deutschland gibt es eine bildungspolitische Besonderheit: das föderale System. Lähmt das zu sehr?

Ehrlich, ich kann es nicht mehr hören, dass darin ein Problem liegen soll. Die föderale Struktur hätte auch ein Vorteil sein können, nämlich schnell und dezentral zu entscheiden. Aber es macht den Anschein, dass die potenziellen Vorteile nicht gut genutzt wurden. Bildung ist eine der großen Aufgaben, die der Staat hat. Da fließt zu Recht enorm viel Geld hinein. Wie diese Aufgabe in der Krise nicht mehr wahrgenommen wurde, das hat mich schockiert. Die Folgen davon sind nicht sofort sichtbar, man kann kein Foto davon machen, aber sie werden spürbar sein. Wir sollten es endlich ernst nehmen.

Gibt es eine Entwicklung, die Ihnen Hoffnung macht?

Ich denke, die öffentliche Debatte über Bildung wird in den nächsten Monaten entscheidend sein. Es kommt mir so vor, als gäbe es zu Beginn des neuen Schuljahrs eine andere Dringlichkeit, die hoffentlich dazu führt, dass die Auswirkungen der coronabedingten Politik auf die Bildungschancen aller Kinder in der Zukunft stärker diskutiert und berücksichtigt werden. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

© SZ
Die Seite Drei, Lernschwach

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