Kommentar zur Bildungspolitik Apartheid im Schulsystem muss beendet werden

Das alte Versprechen vom Aufstieg durch Bildung ist nicht mehr viel wert in einem Land, in dem öffentliche Schulen so vernachlässigt wurden, dass Eltern, die können, das Weite suchen.

(Foto: dpa)

Wer es sich leisten kann, schickt sein Kind auf die Privatschule, so wie Manuela Schwesig. Aber statt mit dem Finger auf sie zu zeigen, sollte Deutschland handeln - denn Hunderttausende Kinder bleiben übrig.

Kommentar von Constanze von Bullion, Berlin

Wenn ein Schulwechsel bevorsteht, herrscht in vielen Familien Alarmstufe Rot. Taugt die staatliche Regelschule um die Ecke etwas? Oder sind da zu viele Einwandererkinder? Montessori? Schwerpunkt Mathe? Oder doch das nette Privatgymnasium, auf das die besten Freunde gehen? Mit dem Bildungsanspruch wächst die Nervosität. Und Akademiker-Eltern sind Meister im Schummeln und Verklagen, um dem eigenen Kind einen Platz auf der Wunschschule zu sichern.

Nur laut reden möchte kaum jemand darüber. Es ist ein Gemisch aus Ambition, Angst und Unterschichtenverachtung, das Schulentscheidungen oft begleitet. Ist schließlich Privatsache, wie man den eigenen Nachwuchs von den armen Tröpfen fern hält, die das Pech weniger wohlhabender und gebildeter Eltern haben. So nach dem Motto: Chancengleichheit ist schön - aber ein Kind mit einem Studienplatz in Medizin ist noch schöner.

Auch Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig hat jetzt beschlossen, ihr Kind auf ein Privatgymnasium zu schicken. Statt sechs Jahre gemeinsam mit anderen Kindern zu lernen, wie es in ihrem Bundesland empfohlen wird, wechselt der Sohn schon nach der vierten Klasse auf eine Schule, die kostet und offenbar mehr zu bieten hat. Staatliche Schulen stärken? Langes gemeinsames Lernen? Darauf gepfiffen. So etwas schreibt Schwesig ins Parteiprogramm, das muss offenbar reichen.

Natürlich ergießt sich jetzt Spott wie aus Kübeln über die Sozialdemokratin, kein Wunder. Es hilft auch wenig, darauf zu verweisen, dass Schulentscheidungen Privatsache sind - bei jedem, auch bei Politikern. Die Geschichte ist in der Welt, und sie könnte eine Chance sein. Statt sich in öffentlicher Häme zu üben und scheinheilig auf andere zu zeigen, sollte das Land die Causa Schwesig nutzen, die Apartheid des deutschen Schulsystems zu beenden.

Das alte Versprechen vom Aufstieg durch Bildung ist nicht mehr viel wert in einem Land, in dem öffentliche Schulen so vernachlässigt wurden, dass Eltern, die können, das Weite suchen. Es fehlt vielerorts an Lehrern, an zeitgemäßen Konzepten, es fehlen Milliarden für den Ausbau von Ganztagsschulen. Es ist auch eine Lüge, dass es in Deutschlands Großstädten keine "Restschulen" gibt. Hässliches Wort, politisch unkorrekt. Aber es gibt viele solcher Schulen, und es kümmert kaum einen, dass dort Hunderttausende von Kindern unterrichtet werden, die übrig bleiben und nie eine echte Chance bekommen werden. Weil ihre Eltern ihnen den Weg nach oben nicht bahnen können wie Akademikereltern. Und weil der Staat so tut, als ginge ihn all das nichts an.

Den Preis fürs Wegschauen werden auch die eigenen Kinder zahlen

In der nächsten Legislatur muss nicht nur das unsinnige Kooperationsverbot fallen, das es dem Bund verbietet, sich in die Schulangelegenheiten der Länder einzumischen. Bildung für alle muss Chefsache werden, in Berlin. Im Koalitionsvertrag ist festzulegen, wie die nächste Bundesregierung diese Mammutaufgabe angehen will. All den Eltern aber, die sich einen Dreck darum scheren, was aus den benachteiligten Nachbarskindern wird, solange der eigene Spross gut durchs System kommt, seien daran erinnert: Den Preis fürs Wegschauen werden auch ihre eigenen Kinder zahlen. Denn sie, die bestens Ausgebildeten, werden eines Tages all die Altersgenossen versorgen müssen, die auf dem Bildungsweg zurückgelassen wurden.

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