Es geht nun ein Jahr zu Ende, in dem den Deutschen diese Dinge widerfahren sind: Staatsrechtlich fehlgeleitete Rechtsradikale haben einen gewaltsamen Umsturzversuch geplant. Bei einer korrupten Weltmeisterschaft in Katar hat die Fußballnationalmannschaft der Herren unter hohem moralischen Druck kläglich versagt. Und der brutale Krieg Russlands in der Ukraine hat nicht bloß die Gestaltungsmöglichkeiten der Politik beschränkt, sondern auch das deutsche Geschäfts- und Sicherheitsmodell erschüttert.
Das ist keine heitere Bilanz. Zugleich darf man aber aus deutscher Sicht vorläufig feststellen: Das Land liegt keineswegs so darnieder, wie viele es zu Beginn des Jahres vorhergesagt und befürchtet hatten. Trotz mannigfacher Sorgen um Inflation und Lebenshaltungskosten ist die wirtschaftliche Lage im Ganzen besser als gedacht. Zwar haben schuldenfinanzierte Staatshilfen dabei mitgeholfen, die vielleicht nicht beliebig wiederholbar sind. Aber sie scheinen gewirkt zu haben: "Wir hätten eine wirklich dramatische Rezession bekommen ohne Olaf Scholz' Doppelwumms", sagte der Ökonom Jens Südekum dieser Tage im Interview mit der SZ.
Auch bei der Energieversorgung - einem Schlüsselthema der Weltpolitik, was den meisten erst in diesem Jahr richtig klar wurde - ist die Katastrophe hierzulande ausgeblieben. Gewiss sind die Preise sehr hoch, man muss sparsam sein; die abfedernden Staatshilfen in Milliardenhöhe fließen nicht nur an Bedürftige, sondern auch an die wohlhabenden Schichten, weil der Staat zu wenige oder schlecht verschaltete Daten über seine Bürgerinnen und Bürger hat; und der Abschied von fossilen Energien verzögert sich in der Notlage. Aber Industrie und Haushalte haben durch große Anstrengungen nun auch ohne Russland ihr Gas bekommen, und der Blackout blieb bisher aus. Anders als in den ukrainischen Städten.
Ebenfalls relativ glimpflich verlaufen ist das dritte Jahr mit dem Coronavirus. Am Anfang dieses Jahres scheiterte in einem verkorksten politischen Verfahren der Versuch, eine allgemeine Impfpflicht einzuführen. Es folgten wellenweise noch viele Infektionen und Ausfälle beim Personal im Gesundheitswesen und andernorts. Der Ärger über zu viel Föderalismus bei den Corona-Regeln ging weiter. Eine Covid-Killervariante indes, die eine erneute Lahmlegung des öffentlichen Lebens nötig gemacht hätte, tauchte bislang nicht auf.
Fanatisierte Demokratiefeinde bleiben eine Minderheit
Im Gegenteil, Geselligkeit, Kultur- und Geschäftsleben konnten langsam wieder aufblühen. Maßgebliche Experten wie der Virologe Christian Drosten und der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission, Thomas Mertens , erklären zum Ende dieses Jahres den pandemischen Zustand in Deutschland für beendet. Sicherlich bleibt mit der Erkrankung eine weitere medizinische Bedrohung erhalten, und es gibt langwierige Fälle, die überaus belastend sind. Manche Gereiztheiten aus der Krisenbewältigung wirken noch nach. Doch die allgemeine Blockade durch das Thema Corona ist weg, die Situation hat sich entspannt, wozu auch ein Impfstoff aus deutschen Laboren beigetragen hat.
Die gesellschaftlichen Konflikte, die sich an den Corona-Maßnahmen entzündet oder anlässlich derer Bahn gebrochen hatten, sind zum Teil auch befriedet. Zumindest insoweit, dass fanatisierte Demokratiefeinde eine Minderheit bleiben. Ende September dieses Jahres fand in Bielefeld ein großer Soziologenkongress unter dem Thema "Polarisierte Welten" statt. Die Bilanz mehrerer Forscher lautete, vereinfacht gesagt: Die meisten Deutschen sind viel braver, als Twitter und Querdenker-Demos glauben machen. Die gern beschworene "Spaltung" der Gesellschaft gibt es in Deutschland, bei allen sozialen Gegensätzen, weit weniger als etwa in den USA. Die vielgestaltige Koalition in Berlin, in der drei Parteien Kompromisse schließen müssen, bildet dies ab.
Zwar kann die Entfremdung und Radikalisierung auch von Minderheiten zur ernsten Bedrohung der inneren Sicherheit werden. Doch der "heiße Herbst" ist, das stellt auch der Verfassungsschutz fest, ausgefallen - die Gefahr einer rechts-linken Querfront, der es gelänge, "Volksaufstände" anzuzetteln, ist erst einmal gebannt. Stattdessen hat das Land fast eine Million Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine aufgenommen und sich solidarisch gezeigt.
Auf die Bundesregierung kommen im neuen Jahr gewaltige Aufgaben zu. Es gibt viel Reform- und Umbaubedarf, von der Pflege über die Bundeswehr bis zur Klimapolitik. Aber man kann darauf aufbauen, dass sich das Land 2022 als vergleichsweise stabil erwiesen hat. Eine solche positive Bilanz mag angesichts der Weltlage etwas provinziell klingen. In jedem Fall aber steht nicht die Ausrede zur Verfügung, dass Deutschland wegen seiner inneren Zustände nicht handlungsfähig wäre.

