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US-Demokrat Joe Biden:Gefühlszauberer mit Aussetzer

Joe Biden Hampton Trump

"Wir müssen uns unser Land zurückholen!" - Joe Biden bei seinem Auftritt in Hampton.

(Foto: AP)

In einem kleinen Ballsaal in Hampton am Atlantik schafft Joe Biden Momente der Gemeinsamkeit. Nur um die Verbundenheit mit einem irritierenden Witz wieder zu riskieren.

Es ist ein Moment der Stille, als der Kandidat seine Zuhörer bittet, ihre Hand zu heben, wenn auch sie einen lieben Menschen verloren haben. An eine schwere Krankheit wie Krebs etwa. Erst zögerlich heben sich ein paar Hände, dann etwas mehr. Bis es dann fast niemanden mehr gibt im Saal, dessen Hand noch unten wäre. Es ein Moment der Trauer, ein Moment der Einkehr. Ein Moment mit Joe Biden.

Ein eisig-windiger Sonntagmittag in Hampton, einem kleinen Örtchen direkt an New Hampshires Atlantikküste. Bidens Team hat den Ballsaal des Ashworth by the Sea direkt vis-à-vis vom Strand ausgewählt, damit ihr Kandidat hier Wähler überzeugt, am Dienstag für ihn zu stimmen. Dann kommt es in dem US-Bundesstaat zur zweiten Vorwahl der Demokraten nach Iowa am vergangenen Montag.

Vielleicht 150 Leute wollen Biden sehen. Nicht nur aus New Hampshire. Viele sind aus dem Nachbarsstaat Massachusetts angereist, einige wenige aus Kalifornien und Georgia. Sie alle wollen sich einen Eindruck von dem Kandidaten machen, der noch immer die nationalen Umfragen anführt - es aber vergangene Woche in Iowa nicht über einen vierten Platz hinausgebracht hat. Und auch in New Hampshire deuten die Umfragen nicht auf einen Sieg hin.

Das Rennen wäre für Biden noch nicht vorbei, wenn sein Ergebnis in New Hampshire ähnlich schwach ausfällt wie in Iowa. Es fiele ihm dann nur immer schwerer, sich zu behaupten. Manche sagen, ihm gehe langsam das Geld aus. In Umfragen zu führen, bedeutet eben nichts, wenn der Vorsprung immer mehr in sich zusammenfällt und die Spender sich andere Kandidaten suchen.

Hier im Ballsaal des Ashworth by the Sea ist das alles sehr weit weg. Vielleicht auch, weil Biden so nah ist. Er steht inmitten potenzieller Wähler. Nach zehn Minuten entsteht der Eindruck, er habe bereits jedem die Hand gegeben, für jeden ein Wort des Trostes und der Aufmunterung parat gehabt. Biden ist persönlich, nah, einnehmend. Der Saal gehört ihm.

Aus der Trauerminute führt Biden seine Zuhörer Schritt für Schritt und Hand in Hand hinaus in die weite Welt der großen Politik. Erklärt, wie wichtig Obamas Reform der Krankenversicherung war, die er als Vizepräsident im Kongress gegen viele Widerstände durchgebracht hat. Und wie wichtig ihm persönlich die Reform war.

1972 hat er seine erste Frau und seine Tochter bei einem Autounfall verloren. Seine beiden Söhne wurden schwer verletzt, konnten aber wieder genesen. Im Mai 2015 starb sein Sohn Beau an einem Hirntumor. Biden erzählt die Geschichte und manchmal stockt er, als sei er den Tränen nahe. Er erzählt diese Geschichte mehrmals am Tag. Vielleicht ist das mit den Tränen dann auch ein bisschen Show. Aber wer will ihm das übelnehmen?

Biden sagt jedenfalls, er stelle sich manchmal vor, was gewesen wäre, wenn seine Krankenversicherung damals gesagt hätte, sie stelle jetzt die Zahlungen ein. Da nicken viele Zuhörer. Nicht auszudenken. Eine Welle von Mitgefühl durchströmt den Saal. Und nicht auszudenken, wenn es heute Obamas Reformen nicht gäbe. Die er, Joe Biden, durchgesetzt hat. Wie so vieles andere. Biden zählt Gesetze auf, nennt Millionen- und Milliardensummen hierfür und dafür, die er bewegt hat. Und ohne sein Zutun übrigens, das soll deutlich werden, da hätte sich die US-Wirtschaft nicht so schnell von der Finanzkrise erholt. Seine Botschaft ist: Seht, ich habe die nötige Erfahrung.

Biden malt ein Bild von den Vereinigten Staaten, die ihr Gleichgewicht verloren hätten. Vor allem wegen US-Präsident Donald Trump, dem Mann, den Biden verspricht im Herbst "zu schlagen wie eine Trommel".

Biden berichtet von Kindern, die in klirrender Kälte ohne Handschuhe an der Armenspeisung Schlange stehen müssen, um sich einen kleinen Karton mit etwas Essen abzuholen. "Kinder!", widerholt Biden. "Ohne Handschuhe." Und was macht Trump? "Er kürzt das Geld für Essensmarken - kürzt Essensmarken. Was läuft falsch in diesem Land?" Er fragt das wie einer, den diese Frage selbst verzweifelt zurücklässt.

Trump weg - das ist am Ende die große Sehnsucht

Er spricht über Frauen in Frauenhäusern, die dort lebten, weil sie von ihren Freunden oder Männern geschlagen und vergewaltigt wurden. Und dass er ein Gesetz mitgeschrieben hat, das diesen Männern verbietet, Waffen zu tragen. Es steht jetzt im Kongress zur Verlängerung an. Aber dazu werde es wohl nicht kommen, sagt Biden. "Weil", er donnert den Namen mit Wut heraus, "TRUMP! - von der NRA gekauft ist", der mächtigen Waffenlobby in den USA. Beifall.

Amerikas Charakter stehe im Herbst zur Abstimmung, sagt Biden. Und wenn einer den Charakter des Landes wiederherstellen könne, dann er. "Wir müssen uns unser Land zurückholen!" Jetzt gibt es erstmals Jubel, echten, starken Applaus. Trump weg, das ist am Ende die wahre, die ganz große Sehnsucht aller hier.

Der letzte Zweifel, dass er zu alt, zu tattrig sei, um Trump zu schlagen, sie sind dem Beifall nach zu urteilen gerade verflogen. Was für ein Unterschied zu den Fernsehdebatten, in denen er sich seit dem Sommer mindestens einmal im Monat mit den anderen Bewerbern der Demokraten messen muss.

Hier in Hampton schafft er es, eine warme, sorgende Verbindung zu den Menschen aufzubauen. Auf der TV-Bühne aber wirkt er oft fahrig, wenig konzentriert und überrascht, wenn er angegriffen wird. Es sind auch diese Auftritte, die zum einem schleichenden Verlust des Vertrauens in ihn geführt haben.

Für Annette Mackael aus Exeter in New Hampshire spielt das alles keine Rolle. Mitte 60 ist sie und hat Biden schon unterstützt, als der 2008 antrat, Vizepräsident von Barack Obama zu werden. "Er ist tief verbunden mit allem, was er sagt", findet sie. Und er habe die Erfahrung, die es braucht.

"Er hat das Herz"

Und alles andere? Die Frische und Zukunftsgewandtheit eines Pete Buttigieg, der revolutionäre Geist eines Bernie Sanders, die intellektuelle Überlegenheit einer Elizabeth Warren? Zählt alles nicht im Vergleich zu Biden. "Er hat das Herz", sagt Mackael.

Aber hat er das immer? Es gibt einen kleinen Moment, der Zweifel aufkommen lässt. In der Fragerunde kommt Madison Moore dran, eine Studentin aus Georgia. Sie entschuldigt sich schon vorab, dass ihre Frage etwas fies sein könnte, dass das aber nicht so gemeint sei. Sie will von Biden wissen, wie er sich seine Niederlage in Iowa erklärt?

Biden sagt, das sei eine gute Frage, wirkt aber leicht ungehalten. Er fragt sie, ob sie schon mal in Iowa an einer der sehr speziellen Caucus-Versammlungen teilgenommen habe? Ihre erschrockene Reaktion missinterpretiert er als ein Ja. Er weist sie zurecht: "Nein, haben Sie nicht." Und fügt hinzu: "You're a lying, dog-faced pony soldier", was nach einer krassen Beleidigung klingt, aber - wie das Biden-Team US-Medien später sagt - doch nur eine humorige Anspielung auf ein Zitat aus einem John-Wayne-Film sein soll.

Das Publikum lacht. Aber die Studentin hat den vermeintlichen Spaß nicht verstanden und zeigt sich irritiert. "Warum macht er das?", fragt sie nach Bidens Auftritt auf den Zwischenfall angesprochen. "Da ist doch eine legitime Frage, oder?" Madison Moore ist von Biden ratlos zurückgelassen worden.

Dem politischen Gegner hat Biden damit neue Munition gegen ihn geliefert. Ein Mitarbeiter der Trump-Kampagne hat einen kurzen Ausschnitt mit Madison Moore getwittert, Trumps Sohn Donald Trump Jr. hat den Tweet kommentiert und retweetet. Wie inzwischen jeder, der in rechten Kreisen Rang und Namen hat.

Somit dürften Millionen US-Wähler das Video in ihre Timeline gespült bekommen haben - für viele wird es alles sein, was sie von Bidens Auftritt in Hampton zu sehen bekommen. Wer Trump schlagen will, der darf sich solche Fehler nicht erlauben.

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© SZ.de/gal/ghe/cat
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