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Beziehungen zwischen Türkei und Syrien:Aggressionen unter Freunden

Annäherung? Das war einmal. Nachdem sich das Verhältnis von Türken und Syrern in den vergangenen Jahren stetig besserte, ist die Lage nun angespannt wie seit langem nicht mehr. Nach den Schüssen syrischer Truppen auf ein Flüchtlingslager in der Türkei droht Ankara mit militärischen Konsequenzen.

Das Verhältnis zwischen der Türkei und Syrien war lange angespannt, doch zuletzt gab es Anzeichen der Besserung. Die Beziehungen normalisierten sich, 2009 gab es eine gemeinsame Militärübung der Länder. Alles vorbei: Nachdem syrische Regierungstruppen nach türkischen Angaben über die Grenze hinweg auf das Flüchtlingslager Kilis feuerten, ist die Lage so angespannt wie seit langem nicht mehr.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan reagierte mit scharfen Worten. "Das war ganz klar eine Verletzung der Grenze", wurde der Regierungschef von der Nachrichtenagentur Anadolu zitiert. Erdogan, der sich zu Gesprächen in Peking aufhält, kündigte Konsequenzen an, sollte es zu weiteren Grenzverletzungen kommen. Die Türkei werde bei ihrer Antwort von den Möglichkeiten des Völkerrechts Gebrauch machen.

Dass Erdogan damit ein direktes militärisches Einschreiten meint, hält der Türkei-Experte Günter Seufert von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) für unwahrscheinlich. Die Türkei sei auf internationale Unterstützung angewiesen. "Solange sie die nicht bekommt, kann das Land nichts anderes tun als zu drohen", sagte Seufert der SZ.

Vorbereitungen für eine Pufferzone

Hinter den Kulissen arbeitet Ankara jedoch an einer schnelle Ablösung des Assad-Regimes mit. Die Türkei beherbergt Oppositionelle des Regimes. Experte Seufert hält es für sehr wahrscheinlich, dass die Türkei die Rebellenarmee mit Waffen versorgt. Rebellen der sogenannten Freien Syrischen Armee (FSA) haben nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa Verstecke auf türkischer Seite in den Höhlen des bergigen Grenzgebiets.

Außerdem zieht die Türkei die Einrichtung einer militärisch abgesicherten Pufferzone in Erwägung, die den syrischen Rebellen als Rückzugsgebiet dienen könnte. Nach Medienberichten sind die militärischen Vorkehrungen abgeschlossen, eine politische Entscheidung sei aber noch nicht gefallen.

Juristisch sieht sich Ankara auf der sicheren Seite: Im Hinblick auf den steten Zustrom syrischer Flüchtlinge in die Türkei - 25.000 sollen sich derzeit in Lagern aufhalten - und einer möglichen Bedrohung der nationalen Sicherheit sei eine Pufferzone auch ohne UN-Mandat gerechtfertigt, heißt es.

Syrien als wichtiges Transitland

Einem Bericht der Nachrichtenagentur AFP zufolge stützen sich die Überlegungen auch auf einen Vertrag mit Syrien aus dem Jahr 1998, in dem sich Syrien dazu verpflichtet, die nationale Sicherheit der Türkei nicht zu gefährden. Zudem sagte Damaskus damals zu, die PKK nicht auf syrischem Gebiet zu dulden. Die syrische Opposition berichtet jedoch, die syrische Regierung habe den Kurdenrebellen im Norden Syriens freie Hand gegeben.

Neben der humanitären Notsituation an der türkisch-syrischen Grenze sind es auch wirtschaftliche Gründe, die den Handlungsdruck für die Regierung Erdogan erhöhen. Bis vor einem Jahr verbanden die Türkei und Syrien noch enge politische und wirtschaftliche Beziehungen. Durch ein Freihandelsabkommen wurde die Türkei zu einem der wichtigsten Handelspartner Syriens. Die Türkei braucht Syrien unter anderem als Transitland für Transporte in die Golfstaaten.

Doch mit dem Beginn des Aufstandes schlug die Türkei einen aggressiveren Ton an. Im November 2011 forderte Erdogan den Rücktritt Assads, einen Monat später verhängte neben der Arabischen Liga schließlich auch die Türkei Wirtschaftssanktionen gegen das Land. Als verlässlichen Wirtschaftspartner will die Türkei Syrien schnell wieder gewinnen - für die Zeit nach Assad.