bedeckt München

Bevölkerungsentwicklung:Notstandsgebiet: Ostdeutschland

Geburtenrückgang und Abwanderung in den Westen werden einer aktuellen Studie zufolge Europa dramatisch verändern. Besonders für Ostdeutschland sieht es düster aus.

Die Entvölkerung ostdeutscher Regionen setzt sich einer Studie zufolge in einem dramatischen Tempo fort. Innerhalb der nächsten zehn Jahre würden einige Landkreise etwa in Sachsen-Anhalt oder Thüringen mehr als die Hälfte ihrer Einwohner verlieren, heißt es in einer am Donnerstag vorgestellten Studie des Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Die Bevölkerung der Ost-Länder könnte demnach bis 2030 um fast ein Drittel schrumpfen

Wittstock, ein kleines Dorf nördlich von Berlin, ist verwaist und vergreist. Ostdeutschland liegt bei der Bevölkerungsentwicklung europaweit auf dem letzten Platz.

(Foto: Foto: AP)

Die vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung veröffentlichte Studie "Die demografische Entwicklung von Europa" bewertete insgesamt 285 europäische Regionen anhand von Merkmalen wie Kinderzahl, Einkommen, Investitionen in Bildung und Wissenschaft, Arbeitslosigkeit oder Altersbeschäftigung. Verglichen wurden alle 27 EU-Staaten sowie Island, Norwegen und die Schweiz.

Unter den zehn am stärksten vom Schwund betroffenen Gebieten liegen mit Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie der Region Chemnitz drei in Ostdeutschland. Nirgendwo in Europa seien so viele junge Frauen abgewandert, was den Abwärtstrend in der Bevölkerungsentwicklung beschleunige.

Die Wissenschaftler schätzen für Sachsen-Anhalt und die Region Chemnitz bis 2030 einen Bevölkerungsrückgang um gut 25 Prozent und für Thüringen ein Minus von knapp 20 Prozent. Am besten schneidet innerhalb Deutschlands Oberbayern ab, gefolgt von den Städten Freiburg, Tübingen und Stuttgart.

"Neue Völkerwanderung" von Ost nach West

Auch Berlin rückt durch die Studie in ein ganz schlechtes Licht. Kaum eine andere Metropole in Europa habe sich ökonomisch so schwach entwickelt und zudem Bevölkerung verloren. Zwischen den Jahren 2000 und 2005 sei die Wirtschaftskraft der Hauptstadt praktisch nicht gewachsen. Das bedeutet für Berlin einen schwachen Platz 168.

Im Süden Deutschlands und der Alpenregion sieht das ganz anders aus. Gerade bei Niederbayern und angrenzenden Gebieten wie Westösterreich und einer Reihe von Schweizer Regionen sehen die Experten beste Entwicklungen.

Europaweit stechen besonders Island und Teile Skandinaviens hervor. Gut ausgebaute Sozialsysteme und Förderungsprogramme sorgten hier für hohe Geburtenraten und eine flächendeckende wirtschaftliche Entwicklung, heißt es weiter. Irland, das ehemalige Sorgenkind Europas, gelte momentan als Boom-Region in punkto Bevölkerungswachstum. Das Land werde gerade für junge Leute immer interessanter. Hunderttausende junge Osteuropäer ziehen nach Irland und Großbritannien. Das Institut nennt das eine "neue Völkerwanderung" innerhalb Europas.

Um sich einem solchen Wandel anzupassen, bedarf es Reformen, so Institutsdirektor Reiner Klingholz bei der Vorstellung der Studie. Längst gebe es Vorbilder in Europa, die solche Reformen erfolgreich umsetzen. So seien etwa Finnland in der Bildungspolitik, Frankreich in der Familienpolitik und die Schweiz bei der Erwerbstätigkeit Vorreiter auf ihrem Gebiet. "Kein Land hat eine Patentlösung, aber es gibt überall Ansätze, wie es funktioniert", weiß Klingholz.

Der Kontinent wird völlig anders aussehen als heute

Nach der politischen Wende 1989/90 seien vor allem im Osten die Geburtenzahlen eingebrochen. Während eine deutsche Frau zwischen 1,2 und 1,4 (Berlin) bekomme, seien es in Frankreich durchschnittlich zwei Kinder. Um die Bevölkerungszahl beizubehalten, brauche eine Gesellschaft eine Geburtenrate von 2,1 Kindern pro Frau. Dies sei nirgendwo in Europa gegeben.

Während Länder wie Italien und Deutschland quasi schrumpften, wachse in Staaten mit hohen Kinderzahlen und Zuwanderung die Bevölkerung, eben in Frankreich, Irland und Norwegen. Wegen Migration werde der Kontinent bis 2030 völlig anders aussehen als heute. Vor allem Osteuropa und Ostdeutschland, aber auch Süditalien und weite Teile Spaniens könnten den demografischen Wandel nur schwer bewältigen. Sie verwaisen und vergreisen.