Süddeutsche Zeitung

Bettina Wulff als Zeugin vor Gericht:Scherzen, schäkern, strahlen

Bettina Wulff sagt als Zeugin gegen Christian Wulff aus: Vor dem Landgericht Hannover kann sie sich genau an alles erinnern, was ihren Mann entlastet. Im Prozess gegen den ehemaligen Bundespräsidenten schlägt sie die Richter in ihren Bann - so sehr, dass sie kritische Fragen fast vergessen.

Von Annette Ramelsberger, Hannover

"Es sollte etwas Schlichtes sein, nicht zu edel und aufgesetzt. Die Fassade musste stimmen, das Innenleben ging keinen etwas an. Ich wollte mich als starke Frau präsentieren." So schrieb Bettina Wulff in ihrem Buch "Jenseits des Protokolls" über die wichtigen Dinge ihres Lebens. Ganz offensichtlich macht sie sich viele Gedanken über ihre Wirkung. Damals ging es um die Wahl ihrer Kleidung, die sie beim Rücktritt ihres Mannes vom Amt des Bundespräsidenten trug. Man darf davon ausgehen, dass Bettina Wulff sich auch für ihren Auftritt vor dem Landgericht in Hannover Gedanken gemacht hat. Nicht nur darüber, was sie im Prozess gegen ihren Mann zu tragen gedenkt.

Sie wird sich sogar sehr viele Gedanken gemacht haben. Denn sie war ja dabei an jenem Wochenende im Oktober 2008 in München, das geblieben ist von all den Vorwürfen, die ihrem Mann gemacht wurden. Jenes Wochenende, an dem der Filmproduzent David Groenewold die Wulffs aufs Oktoberfest einlud und auch das Upgrade für ihr Zimmer im Bayerischen Hof übernommen hatte - und, so heißt es in der Anklage, auch am Freitagabend die Zeche im Restaurant "Trader Vic's" bezahlt hat. All das, um seinen Freund Wulff gewogen zu machen für ein Filmprojekt, sagt die Staatsanwaltschaft und wertet das als Bestechung und Bestechlichkeit. Das Gericht schraubte die Anklage herunter auf Vorteilsgewährung und Vorteilsnahme. Und seit dem 14.

November sitzt Christian Wulff auf der Anklagebank, der erste Bundespräsident, der sich strafrechtlich verantworten muss.

Seine Frau könnte ihm schaden, wenn sie denn wollte. Und deshalb belehrt der Richter sie auch so genau: "Als Ehefrau des Angeklagten müssen Sie nicht aussagen. Der Gesetzgeber will Ihnen Gewissenskonflikte ersparen." Doch Bettina Wulff ist gekommen, um zu reden. "Ich möchte aussagen und werde natürlich die Wahrheit sagen."

Perfekte Vorstellung

Richter Frank Rosenow fragt noch mal nach. "Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrem Mann jetzt?" "Wir haben ein sehr freundschaftliches Verhältnis, wir stehen regelmäßig in Kontakt, das geht darüber hinaus, dass wir Vater und Mutter für unseren Sohn sind." - "Kein Hass unter getrennt lebenden Eheleuten?", fragt der Richter. "Davon kann gar keine Rede sein", sagt Frau Wulff. Sie lächelt ihrem Mann zu. Der sitzt nur drei Meter entfernt von ihr und sieht sehr entspannt aus.

Bettina Wulff hätte hereinkommen, ihre Personalien angeben und dann einfach die Aussage verweigern können. Als Ehefrau steht ihr dieses Recht zu. Und es darf ihrem Mann nicht zum Nachteil ausgelegt werden. Doch die Wulffs haben von vornherein angekündigt, alles offenzulegen. Und so redet Bettina Wulff, auch wenn sie nun schon seit knapp einem Jahr nicht mehr mit Christian Wulff zusammenlebt. Es sei ihr ein Anliegen, ihrem Mann zur Seite zu stehen, heißt es. So wie sie im Schloss Bellevue Hand in Hand gearbeitet haben, so machen die Wulffs das nun auch vor Gericht.

Bettina Wulff müsste eigentlich wissen, ob sie am Freitagabend an jenem Oktoberfestwochenende mit ihrem Mann und David Groenewold noch essen war. Sie müsste auch wissen, wie das mit dem Babysitter war, der für ihren damals vier Monate alten Sohn Linus bestellt war. Aber genau an diese Dinge erinnert sich Bettina Wulff nicht mehr. Dafür erinnert sie sich an anderes, an die Schweinswürstel, die Hubert Burda so lecker findet. Oder dass der Champagner im Käferzelt in Glaskrügen serviert wird.

Es ist eine geradezu atemberaubend perfekte Vorstellung. Bettina Wulff kann sich an alles genau erinnern, was ihrem Mann hilft. Und an das, was unklar ist, wo die Anklage einhakt, daran hat sie einfach keine Erinnerung mehr.

Unwahrscheinliche Szenarien

Sie antwortet offen, klar, freundlich, sie scherzt sogar. Sie schäkert mit dem Richter, sie strahlt ihren Mann an. Und am Ende fragt man sich, warum dieses Gericht die Anklage jemals zugelassen hat. Offensichtlich stellt sich das Gericht diese Frage auch selbst. Es ist die Szene, als Richter Frank Rosenow die Ehefrau des früheren Bundespräsidenten fragt, ob sich ihr Mann auf dem Oktoberfest mit anderen Menschen unterhalten habe. "Nein", sagt sie ganz ernst, "auf dem Oktoberfest ist man still." Und strahlt dann. Alle lachen, der Richter lacht mit. Bettina Wulff schlägt die Herren auf der Richterbank in ihren Bann, offenbar so sehr, dass sie das Fragen vergessen. Vielleicht aber wollen sie auch gar nicht mehr alles so genau wissen.

Die Richter lassen der Frau des Angeklagten jegliches Szenario durchgehen, selbst das unwahrscheinlichste. Der Babysitter, der an jenem Abend ins Hotel kam und den später David Groenewold bezahlt hat - den habe sie gar nicht gesehen, sagt Bettina Wulff vor Gericht. "Mein Mann hat mir erzählt, dass sie sehr attraktiv gewesen sein soll", sagt sie und lächelt ihren Mann an, Christian Wulff lächelt seine Frau an. Der Richter lächelt beide an.

Und keiner fragt, warum eine Mutter den Babysitter nicht kennenlernen will, dem sie auf der ersten großen Reise für Stunden ihr Kleinkind überlässt. Es insistiert auch niemand, als Bettina Wulff sich partout nicht erinnern kann, wo sie am Freitagabend noch gegessen hat, nach einer langen Autoreise von Hannover nach München. "Haben Sie Herrn Groenewold noch gesehen?", fragt der Richter. "Sicher werden wir ihn noch getroffen haben." Aber wo? Das fragt im Landgericht Hannover niemand. "Erinnern Sie sich an den Zimmerservice?" - "Nein, aber da stehen immer so kleine Dinge im Zimmer", sagt Bettina Wulff, und sicher habe man auch auf der Fahrt etwas gegessen. Alles bleibt im Ungefähren.

Nur bei einem Punkt ist sich die Zeugin sicher: Im Restaurant waren sie und ihr Mann nicht. "Wir sind garantiert nicht mehr runtergegangen", sagt sie. Die Reise mit dem schreienden Kind im Auto sei anstrengend gewesen. Und mit einem Maxi-Cosi mit Baby drin gehe man doch nicht ins Restaurant - es sei denn, man hätte auch für diesen Abend einen Babysitter gebucht. Aber auch da hakt Richter Rosenow nur halbherzig nach: Vielleicht war der Babysitter doch an zwei Abenden da? Nein, sicher nicht. Warum hat der Babysitter dann 110 Euro gekostet? Wo die Wulffs doch nur wenige Stunden weg waren? Bettina Wulff: "Vermutlich nimmt den Rest der Bayerische Hof." - "Nein, eben nicht", sagt der Richter. Das haben die Zeugen des Hotels bereits deutlich gemacht. "Sind Sie sich sicher, dass der Babysitter nur für einen Abend war?" Absolut sicher, sagt Bettina Wulff.

Und dann kommt wieder ein Satz, der den Richter zum Schmunzeln bringt: "Ich kann auf dem Bewirtungsbeleg auch beim besten Willen nichts entdecken, das mir schmeckt", sagt sie. Die Garnele Grand Mimosa - kenne sie gar nicht. Chateaubriand - sie esse kein Fleisch. Und das Hühnchen auf der Rechnung? Immerhin Hühnchen isst sie ja. "Ich kann mich an dieses Essen nicht erinnern", sagt sie da.

Man kann das alles für Kleinkram halten und die Anklage für überflüssig, aber wenn ein Gericht eine Anklage zulässt, dann nimmt es seine eigene Entscheidung normalerweise ernst und fragt nach.

Ansonsten? Erfährt man, dass Christian Wulff ein "äußerst pünktlicher Mensch" ist, dass er nie Alkohol getrunken hat und schon gar nicht angetrunken war. "Ich bin mit ihm verheiratet, ich sollte es dann auch wissen", sagt sie. Dass er sein Amt immer "so gewissenhaft ausgefüllt hat", dass private Terminwünsche seiner Frau hintanstehen mussten. Und dass er mit der Schauspielerin Maria Furtwängler auf dem Oktoberfest darüber sprechen wollte, warum die "Tatorte" aus Niedersachsen immer so düster ausfallen müssen. Ob man das Land nicht auch ein wenig freundlicher darstellen könne. So harmlos ist das alles gewesen. Und an den Rest kann sich Frau Wulff eben nicht mehr erinnern.

Übrigens: Sie erschien in hochhackigen Schuhen, einem engen Bleistiftrock und einer transparenten eierschalenfarbenen Seidenbluse. Und ihrem Mann gab sie ein Küsschen auf die Wange. Rechts und links. Wie Bettina Wulff selber schreibt: Die Fassade muss stimmen.

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Quelle:
SZ vom 13.12.2013/fran
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