Betreuungsgeld:Jobchancen und Altersabsicherung bleiben auf der Strecke

Lesezeit: 6 min

Mit Sorge hat die Bundesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros beobachtet, dass Hartz-IV-Bezieherinnen vom Jobcenter zum Beantragen von Betreuungsgeld gedrängt würden. Flächendeckend würden Mütter durch Telefonakquise oder Rundbriefe aufgefordert, die staatliche Leistung zu beziehen, warnte der Verband, in dem sich Frauenbeauftragte aus ganz Deutschland zusammengeschlossen haben, die Bundesministerinnen Kristina Schröder und Ursula von der Leyen.

"Ein völlig falsches Signal für gerade jene Frauen, die besonders darauf angewiesen wären, mit Kursen wieder in den Arbeitsmarkt eingegliedert zu werden", sagt Beate Ebeling von der Arbeitsgemeinschaft. Eltern, die Hartz IV beziehen, wird das Betreuungsgeld von den sonstigen monatlichen Bezügen als sogenannte vorrangige Leistung abgezogen. Es macht für sie also keinen Unterschied, ob sie es beantragen. "Es ist lediglich ein unsinniges Umverteilen in staatliche Töpfe, um Statistiken zu schönen", sagt Ebeling. Die Jobchancen und die Altersabsicherung für Frauen aber blieben auf der Strecke.

Es ist viel Verwirrung zu lesen in den Internet-Foren zum Betreuungsgeld; hier tauschen sich vor allem Mütter über das Für und Wider, aber vor allem über das Wie aus. Gerade die Stichtagregelung, wonach es für Kinder, die vor dem 1. August 2012 geboren sind, kein Geld gibt, verursacht auf Plattformen wie "netmoms" oder "Urbia" für den größten Ärger. Es gibt eine eigene Petition namens "Betreuungsgeld ohne Stichtag" mit Tausenden Unterschriften - oder Beiträge wie den von Userin Butzel: "Also ich kann dazu nur eins sagen: So eine Frechheit! Wenn man Müllzuschläge oder Steuern nachzahlen soll, dann am besten rückwirkend für die letzten drei Jahre, aber wenn man was bekommen soll . . ." Völlig ratlos erkundigt sich "Lovismami" bei anderen Frauen per Internet: "Kann meine Mutter Betreuungsgeld beantragen, wenn meine Tochter (20 Monate) halbtags von ihr betreut wird? Wie viel ist das ungefähr und wo muss man sich da melden?"

Oft sprechen praktische Gründe gegen die Krippe

Unsicherheit allerorten - was auch ein Grund für die hohe Ablehnungsquote der Betreuungsgeld-Anträge in vielen Bundesländern sein dürfte. So wurden in Berlin bislang 34 Prozent der Anträge zurückgewiesen - es betraf vor allem Kinder, die vor dem Stichtag geboren wurden. In Nordrhein-Westfalen lag die Ablehnungsquote bei 22 Prozent.

Eine Frau, die gar nicht erst versucht hat, die staatliche Prämie anzufordern, sie aber gerne hätte, ist Regine Meiss aus Augsburg. Sie ist 41 Jahre alt und Mutter von sechs Kindern. Es sind vier Jungs und zwei Mädchen zwischen einem und 15 Jahren, der Jüngste ist im Juli 2012 geboren. "Das ist ganz knapp am Stichtag vorbei und schon recht ärgerlich für uns. Das Geld hätten wir sehr gut gebrauchen können", sagt Regine Meiss. Die Augsburgerin ist eine Verfechterin des Betreuungsgeldes und entspricht so gar nicht dem Klischee, das in den vielen harten Debatten immer wieder von jenen Frauen verbreitet wurde, die sich für eine "Herdprämie" erwärmen können. Regine Meiss arbeitet als Anästhesistin in Teilzeit im Schichtdienst, ihr Mann ist Urologe. Sie hat ihren Job nie länger als ein Jahr unterbrochen. Die Familie würde das Betreuungsgeld zur Mitfinanzierung ihres Au Pairs verwenden. Die Kinder- und Haushaltshilfe aus dem Ausland kostet um die 400 Euro pro Monat. "Mein Mann und ich verdienen zwar beide, aber das wäre ein kleiner Zuschuss gewesen", sagt Meiss.

Für sie sind es ganz praktische Gründe, warum sie den Kleinsten nicht in die Krippe geben möchte: "Die Kita öffnet erst um 7. 30 Uhr. Um diese Uhrzeit stehe ich oft schon im Operationssaal." Die Anästhesistin betont, dass sie mit sechs Kindern immer einen "doppelten Boden" haben müsse und sich nie allein auf Krippe, Kindergarten oder Schule verlassen könne. Sie beklagt das "starre System", wünscht sich mehr Phantasie und "alternative Modelle" bei der Kinderbetreuung. Die sechsfache Mutter ist überzeugt: "Die Politik kann nicht steuern, wer zu Hause bleiben soll. So ist das gerade nichts Halbes und nichts Ganzes."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema