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Beteiligung an Europawahl:Merkmale totalitären Denkens

Es ist also gerade bei dieser Wahl notwendig, durch eine möglichst hohe Wahlbeteiligung sicherzustellen, dass die rechtspopulistischen Parteien im Europäischen Parlament nicht so stark werden, dass sie eine demokratische, inklusive Politik in der Tradition des europäischen Wertekonsenses gefährden könnten. Als Wissenschaftler habe ich mich in vielen Forschungsprojekten mit der Frage beschäftigt, wie sich die Gesellschaften im 20. Jahrhundert in totalitäre Systeme verwandeln konnten. In Systeme also, deren Bewohner, wenn sie nicht auf Seiten der Opfer standen, in erschreckend kurzer Zeit Kulturen der Gegenmenschlichkeit entwickelten. Ich halte jede antizivilisatorische Bewegung, jede Partei, zu deren Programmatik Ausgrenzung zählt, für etwas, das es zu bekämpfen gilt. Und nicht nur als Wissenschaftler, sondern natürlich auch als politischer Bürger. Ich halte es für ein großes Glück, unter den Bedingungen einer freiheitlichen und demokratischen Nachkriegsgesellschaft aufgewachsen zu sein. In einer Gesellschaft, die dem Bürger ohne Ansehung der Herkunft den Besuch von Schulen und Universitäten eröffnet hat und - in höherem Maße als heute - eine Kultur der Chancengleichheit entwickelt hatte.

Ein wesentliches Merkmal totalitären Denkens ist die Unterstellung kategorialer Unterschiede zwischen den Menschen. Selbstverständlich sind Menschen ungleich, unter anderem an Geschlecht, Gestalt, Intelligenz, Habitus, Interessen, Orientierungen. Solche Unterschiede können aber niemals auf abstrakte Gruppenzugehörigkeiten zurückgeführt werden. Intelligenzquotienten sind nicht nach Bevölkerungsgruppen verteilt. Ausgrenzungsfolklore ist, bestimmten Gruppen zu unterstellen, dass sie zu sexuellen Ausschweifungen, zu Hinterhältigkeit, zu einer Versorgungsmentalität oder zu Unterwanderungswünschen neigen.

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Tatsächlich ist das stärkste Zeichen totalitären Denkens die Einteilung von Menschen in essentielle Kategorien - wie Juden, Arier, Zigeuner. Solchen Einteilungen liegt die Voraussetzung zugrunde, dass kein Mitglied einer als minderwertig betrachteten Gruppe imstande sei, durch eigene Begabung, Anstrengung oder Leistung in eine als höherwertig betrachtete Gruppe zu wechseln. Vom "Juden" kann man nicht zum "Arier" werden, und umgekehrt bedeutet eine solche kategoriale Einteilung, dass kein Mitglied einer vermeintlich "besseren" Gruppe jemals auf das Niveau einer vermeintlichen "niedrigeren" Gruppe absinken kann - was natürlich in den Augen derjenigen attraktiv ist, die zu ihrem Glück zur Gruppe der kategorial als "höher" Eingestuften zählen.

Genau dieses psychosoziale Angebot, sich grundsätzlich - also trotz aller sozialen, kulturellen, materiellen Defizite - anderen Gruppen überlegen fühlen zu dürfen, sorgte für die außerordentlich hohe Zustimmungsbereitschaft etwa zum nationalsozialistischen Regime. In den kommunistischen Systemen lief die Einteilung der Zugehörigkeiten etwas anders und wurde weniger biologisch als geschichtstheoretisch begründet, lieferte aber in gleicher Weise die jeweils persönliche Lizenz zu Ausgrenzung und Gegenmenschlichkeit.