Besuch in der Flüchtlingsunterkunft:Innenminister im Stockbettenlager

Thomas de Maiziere in München

Der Leiter der Außenstelle München des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, Heribert Binter (li.) und Bundesinnenminister Thomas de Maiziere verlassen die Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge.

(Foto: dpa)

Thomas de Maizière ist der Herr der Zahlen. Wenn er über Flüchtlinge spricht, dann normalerweise über Asylquoten und europäische Lastenverteilung. In einer Münchner Kaserne sieht er die Gesichter zu den Zahlen.

Von Roland Preuß

Es prasselt jetzt ein auf Thomas de Maizière. Eine Traube von Männern hat sich in der alten Reparaturhalle versammelt, hinter ihnen stehen die Stockbetten dicht an dicht, vor ihnen der Bundesinnenminister, der nun, bitte schön, helfen soll. "Es ist alles schlecht hier", sagt ein Mann in holprigem Englisch. "Ich bin krank!" Er reicht ihm ein Papier, das sein Leiden bescheinigt und hebt Hilfe suchend die Hände. Schon meldet sich der nächste, ein älterer Mann im Rollstuhl. Seine Familie sei in Italien, ohne Geld. Ob der Minister helfen könne?

Thomas de Maizière ist an diesem Dienstag nach München gekommen, um sich ein Bild zu machen, wie die Asylsuchenden unterkommen in diesen Zeiten des Flüchtlingsstromes nach Deutschland. Seine Wahl fiel auf die Bayernkaserne in München, eines der großen Zentren, in denen Flüchtlinge nach ihrer Ankunft in Deutschland als Erstes landen. Mehrere Hundert kommen hier mitunter jeden Tag an, von Italien meist, wo sie von ihren klapprigen Booten an Land gingen und dann weiterreisen nach Norden. Und weil Bayern dann das erste Bundesland ist, landen sie hier, im Norden von München.

Nach dem ersten Glücksgefühl wächst die Unzufriedenheit

Wer Glück hat, zieht in eines der alten Soldatenzimmer ein, Schwangere etwa oder alleinstehende Mütter mit kleinen Kindern. Andere hausen in den alten Garagen der Bundeswehr-Lastwagen oder eben in der Halle, wo diese repariert wurden, da, wo jetzt die Traube von Männern steht. Nach dem ersten Glücksgefühl, es lebend nach Deutschland geschafft zu haben, wächst nun die Unzufriedenheit und die Sorge über Angehörige, die zurückblieben. "We will have a look", wir schauen uns das an, sagt de Maizière zu dem Mann mit der Krankenbescheinigung und reicht sie an die Leiterin der Einrichtung, Stefanie Weber, weiter. "Sie müssen geduldig sein", mahnt der Minister die Männer. "Wir haben ein großes Problem hier in Deutschland", sagt er und blickt in die volle Halle.

Und damit zieht de Maizière weiter, durch dunkle Gänge mit gesprungenen Fliesen, wirft einen Blick in die Toiletten-Container hinter der Halle, deren Geruch die Überlastung erahnen lässt. Hinter jeder Eisentür, die sich öffnet, findet er ein neues Stockbettenlager. Nein, es ist sicher kein Luxus, hier zu wohnen, und wenn man die Hallen mit fünf, zehn oder 20 Familien darin sieht, ahnt man, wie nervenaufreibend die erste Zeit als Flüchtling sein muss. Die ständige Unruhe, der Streit um Platz und Sauberkeit.

Ein junger Bosnier weiß noch nicht, dass er wahrscheinlich nicht bleiben kann

Als de Maizière eine weitere Stahltür aufschiebt, steht er vor einem Müllhaufen. Ob die Leute eine Beschäftigung hätten, fragt der Minister. "Reinigung", sagt einer der Verantwortlichen. Und bei der Essensausgabe helfen. "Und Fußball?" Ja, das gibt es auch. Es ist ein Kunstrasenplätzchen, schwarze Jugendliche kicken hier auf hohem Niveau und lassen sich auch durch den hohen Besuch nicht stören. De Maizière stellt seine Fragen: Woher kommen Sie? Wie lange sind Sie schon da? Wie sind Sie nach Deutschland gekommen - und wie viel hat das gekostet?

Und da steht nun tatsächlich einer, der einen guten Grund hätte, mit dem Innenminister zu diskutieren: ein junger Mann, 18 Jahre, aus Bosnien, dem Staat also, den de Maizière gerade zu einem sicheren Herkunftsstaat erklärt hat, wodurch er schneller abgeschoben werden könnte. Mit Eltern und drei Brüdern ist er gekommen. Doch von den umstrittenen Entscheidungen in Berlin weiß er nichts. Eigentlich müsste de Maizière nun sagen, dass er hier falsch sei, dass er aller Voraussicht nach zurück müsse - nicht einmal ein Prozent der Menschen vom Balkan darf bleiben. Doch der Mann lächelt nur freundlich, lobt die Afrikaner auf dem Fußballfeld und sagt, gleich sei er an der Reihe. Lang dürfte er nicht mehr in Deutschland sein.

"Schweinerei", sagt de Maizière.

De Maizière ist normalerweise der Herr der Zahlen. Wenn er über Asyl redet, geht es um Grenzschutz, europäische Lastenteilung und Anerkennungsquoten von Flüchtlingen. Hier in der Bayernkaserne sind die Gesichter zu den Zahlen. Menschen mit mittelmäßigen Chancen, wie Eritreer, Somalier und viele viele Syrer. Sie haben die besten Chancen, bleiben zu dürfen. Doch das ist nicht alles.

"Was ist mit unseren Familien in Syrien", fragt ein Mann. "Wir haben ein Verfahren", sagt de Maizière. "Sie können ihre Familie nicht sofort herbringen, finden Sie sich bei uns erst mal ein. Später können Sie dann versuchen, sie nachzuholen." Und dann auch nur vielleicht nach Deutschland, muss man hinzufügen. Denn für die meisten Menschen hier sind eigentlich nach EU-Recht andere Staaten zuständig. Italien meist, weil die Flüchtlinge dort erstmals eingereist sind.

Ein Paar aus Syrien - er Ingenieur, sie Lehrerin - erzählen, sie hätten 25 000 Dollar für einen Schlepper ausgegeben, der nichts gebracht habe. Sie hätten dann noch mal 5000 Euro zahlen müssen, um endlich nach Deutschland zu kommen, nach München, wo seit 18 Jahren die Schwester des Mannes wohnt. Doch gekommen sind sie über Bulgarien, Rumänien, Ungarn und Österreich. Sollte man sie also nach Bulgarien zurückschicken? "Schweinerei", sagt de Maizière. Und meint die 25 000 Dollar, nicht das europäische Flüchtlingsrecht.

© SZ vom 01.10.2014
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