Süddeutsche Zeitung

Besuch in Afghanistan:Merkel zweifelt an Termin für Truppenabzug

Kanzlerin Merkel besucht die deutschen Soldaten in Afghanistan. Die Reise war seit längerem geplant, und fällt nun auf den Tag, nachdem der Amoklauf eines US-Soldaten die Bevölkerung des Landes schockierte. Merkel weist bei ihrer Visite auf die Risiken des geplanten Truppenabzugs hin - und äußert Zweifel an dessen Termin.

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen in Afghanistan eingetroffen - überschattet wird der nicht angekündigte Besuch von dem Amoklauf eines US-Soldaten im Süden des Landes.

Trotz befürchteter Proteste nach der Bluttat ließ sich Merkel nicht von ihrer Reise abhalten, die seit längerem geplant gewesen war. Vom Bundeswehr-Feldlager im nordafghanischen Masar-i-Scharif aus telefonierte Merkel mit Präsident Hamid Karsai. Dabei drückte sie dem Präsidenten ihr persönliches Beileid und das der deutschen Bevölkerung anlässlich der "schrecklichen Tat des US-Soldaten" aus. Der Amerikaner hatte in der Nacht zu Sonntag nach afghanischen Regierungsangaben 16 Einwohner eines Dorfes ermordet, unter ihnen neun Kinder.

Merkel sicherte Karsai nach Angaben des Regierungssprechers Steffen Seibert zu, die Internationale Schutztruppe Isaf werde alles unternehmen, um die Umstände der Tat aufzuklären. Sie kündigte in dem Gespräch außerdem an, dass Deutschland noch in diesem Monat einen ersten Entwurf für das bilaterale Partnerschaftsabkommen für die Zeit nach dem Ende des Nato-Kampfeinsatzes 2014 vorlegen werde.

Seibert sagte, Merkel habe Karsai zu den Fortschritten beim Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte gratuliert. Sie sollen bis 2014 schrittweise im ganzen Land die Verantwortung von der Nato übernehmen. Karsai habe seine große Wertschätzung für das zivile und militärische Engagement Deutschlands ausgedrückt.

Merkel betont Probleme bei Afghanistan-Abzug

Bei ihrem Besuch in Afghanistan hat die Kanzlerin auch auf bestehende Risiken hinsichtlich des geplanten Abzugs der Bundeswehr aus dem Land hingewiesen. Der Versöhnungsprozess mit Aufständischen wie den radikalislamischen Taliban habe zwar Fortschritte gemacht, doch erlaube dies derzeit noch keinen Abzug, sagte Merkel am Montag im deutschen Feldlager im nordafghanischen Masar-i-Scharif. Deshalb könne sie auch "noch nicht sagen", ob der Abzug bis zum Jahr 2014 zu schaffen sei: "Der Wille ist da, wir wollen das schaffen, und daran wird gearbeitet."

Die Schließung des deutschen zivil-militärischen Wiederaufbauteams in Feisabad im Oktober werde ein Test: "Dann werden die afghanischen Kräfte dort ganz alleine die Verantwortung haben. Und gleichzeitig wollen wir die zivile Aufbauarbeit dort natürlich fortsetzen." Es werde sich dann zeigen, "ob diese Übergabe in Verantwortung auch wirklich klappt", sagte die Kanzlerin.

Zum Auftakt der Visite hatte Merkel am Ehrenhain den in Afghanistan gefallenen Soldaten gedacht. Im deutschen Feldlager im nordafghanischen Masar-i-Scharif informierte sich die Kanzlerin bei den dortigen Bundeswehrsoldaten über deren Einsatz. Ursprünglich wollte Merkel zunächst zu den deutschen Soldaten in der Unruheprovinz Kundus fliegen. Wegen heftigen Schneefalls war das aber nicht möglich gewesen.

Zuletzt war die Kanzlerin im Dezember 2010 in Afghanistan gewesen. Damals hatte sie den Einsatz erstmals als Kriegseinsatz bezeichnet. Die Bundeswehr hat während ihrer nun über zehnjährigen Mission in Afghanistan 52 Soldaten verloren. Sie starben bei Anschlägen, Unfällen oder im Gefecht.

2002 startete die deutsche Truppe mit 1200 Soldaten, derzeit sind es rund 4800. Bis Anfang 2013 soll das deutsche Kontingent auf 4400 Soldaten reduziert werden. Bis 2014 will sich die Internationale Schutztruppe Isaf mit ihren Kämpfern ganz aus Afghanistan zurückziehen. Dann sollen die Afghanen selbst die Verantwortung für die Sicherheit in dem Land übernehmen. Merkel ist nach ihren Besuchen 2007, 2009 und 2010 nun das vierte Mal in Afghanistan.

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