bedeckt München 25°

Beslan:"Die ganze Stadt ist depressiv"

Fünf Jahre nach dem blutigen Geiseldrama im russischen Beslan warten die Hinterbliebenen noch immer auf die versprochene Hilfe vom Staat.

Am Morgen des 1. September 2004 um fünf vor neun verließen vier Menschen das Haus von Ella Kesajewa in der Komintern-Straße 100 in Beslan, um zur Einschulungsfeier zu gehen: Ihre Tochter Sarina, zwölf Jahre alt, ihr Schwager und dessen beiden Söhne.

330 Menschen starben, davon waren 186 Kinder. Bilder von Opfern am ersten Jahrestag der Geiselnahme.

(Foto: Foto: Reuters)

Sarina kehrte als Einzige zurück - bis heute ist sie verstört über den Tod der Cousins. "Die Ärzte haben festgestellt, dass bei ihr mal das eine, dann das andere Organ nicht richtig funktioniert", sagt Kesajewa: "alles eine Folge der Geiselnahme".

Fünf Jahre ist es her, dass Dutzende Terroristen aus Tschetschenien und Inguschetien die Schule Nummer 1 im nordossetischen Beslan überfielen, 1128 Kinder, Lehrer und Eltern 52 Stunden in einer Turnhalle festhielten, Sprengstoff an die Basketballkörbe banden.

Bei keinem Anschlag in Russland sind so viele Kinder gestorben

Die Kinder, irre vor Hunger und Durst, tranken ihren eigenen Urin. Am 3. September um 13.05 Uhr stürmten russische Sicherheitskräfte das Gebäude. 330 Menschen starben, unter ihnen 186 Kinder.

Es hatte andere Anschläge in Russland gegeben, die Geiselnahme im Theater Nord-Ost oder in einem Krankenhaus in Budjonnowsk. Aber nie waren so viele Kinder gestorben. Deutsche Medien nannten Beslan "Putins Ground Zero". Ella Kesajewa nennt es "eine Tragödie globalen Ausmaßes".

Und sie klagt an, als Mitvorsitzende der Organisation "Stimme Beslans", kritisiert die Heuchelei, die Vertuschungen, das Desinteresse. "Damals, vor fünf Jahren, haben wir uns mit Putin getroffen", dem damaligen Präsidenten und heutigen Premier, "seitdem ist nichts passiert."

Ein neues Rehazentrum - ohne Kinderabteilung

Die Opfer, viele Kinder, schwersttraumatisiert oder behindert, müssten einen eigenen gesetzlichen Status erhalten, fordert Kesajewa, kostenlosen Zugang zu medizinischer Versorgung, psychologische Betreuung: "Die ganze Stadt ist depressiv." Einige wurden im Ausland oder in Moskau behandelt, mit Hilfe von Spenden, aber nicht alle.

In Beslan wurde ein Reha-Zentrum gebaut, aber es hat keine Kinderabteilung. Vor ein paar Tagen wurde eine staatliche Abteilung zur Unterstützung der Hinterbliebenen gegründet, "auf unsere Initiative", wie Kesajewa sagt. Aber dort sollen auch Weltkriegsveteranen und sozial schwache Familien versorgt werden: "Und kein Mensch weiß, woher das Geld kommt."

Kesajewa dringt auf eine genauere Untersuchung. Warum wurde nur einer der Terroristen verurteilt, der Tschetschene Nurpaschi Kulajew? Warum spricht niemand von der katastrophalen Rücksichtslosigkeit der Sicherheitskräfte bei der Erstürmung der Turnhalle? "Ein Mädchen starb vor dem Angriff, es hatte Diabetes und kein Insulin. Alle anderen 185 Kinder lebten vor dem Sturm noch", beklagt Kesajewa.

Keine Untersuchungen - sondern Orden für die Verantwortlichen

Die Soldaten aber rückten vor wie im Krieg, mit Flammenwerfern und Panzern. "Das haben sie sogar zugegeben, aber sie sagen, da seien die Geiseln bereits draußen gewesen. Dabei haben wir die verkohlten Leichen gefunden und die Hülsen der Flammenwerfer." Möglicherweise waren auch mehr Terroristen in den Anschlag verwickelt als offiziell zugegeben, vielleicht sogar korrupte Beamte. Und warum brauchte die Feuerwehr zweieinhalb Stunden, um zur brennenden Turnhalle zu gelangen?

"Wir haben eine Untersuchung angestellt: Alle Verantwortlichen, die unserer Meinung nach zur Verantwortung gezogen werden müssten, sind mit Orden ausgezeichnet worden", sagt Kesajewa. Aber sie wird ignoriert - oder verfolgt. Als sie vor zwei Jahren in einer Protestaktion vor der Ruine der Turnhalle ein Schild mit der Aufschrift "Putins Kurs" hochhielt, drohte man ihr mit Klage.

Nun hofft sie auf ein Gespräch mit Präsident Dmitrij Medwedjew, dem die Menschenrechte angeblich so am Herzen liegen - der allerdings den Kaukasus geerbt hat, eine Region, die fast täglich von Anschlägen erschüttert wird. Beslan nämlich war der Anfang und das Ende: Seitdem gab es kaum noch Überfälle außerhalb des Kaukasus, auf Metrostationen, Festivals oder Wohnhäuser wie in den Jahren zuvor.

Die Anführer und Drahtzieher sind tot, der Untergrund geschwächt. Dafür gibt es Dutzende neue Fronten, isolierte Kleingruppen, private Rächer. Ihnen fehlt die Stärke zu einem Anschlag der Dimension von Beslan, dafür stellen sie in der Region inzwischen das Gewaltmonopol des Staates in Frage.

Der erste Schultag, wie jedes Jahr russlandweit der 1. September, wurde in Beslan auf den 5. September verschoben. Drei Tage lang werden Ella Kesajewa und die anderen Hinterbliebenen in der Turnhalle eine Mahnwache abhalten. Sie werden weiße Ballons für die Toten aufsteigen lassen. Und nicht schweigen.

© SZ vom 01.09.2009/liv
Zur SZ-Startseite