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Bertelsmann Transformationsindex:Lichtblick Elfenbeinküste

Ein "ernüchterndes" Bild in Sachen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit: Forscher beklagen, dass die Welt weniger demokratisch geworden ist - vor allem in den arabischen Ländern und in Osteuropa. Fortschritte machen dagegen arme Staaten in Westafrika.

Es ist kühler geworden auf dem Globus, ungemütlicher. Das verrät nicht der Blick auf die Wetterkarte, aber der Blick auf die politische Großwetterlage. Wie ist das Klima für Andersdenkende? Das fragen Politologen, Soziologen, Entwicklungshelfer. Wie frei lässt sich atmen in den 129 Schwellen- und Entwicklungsländern, in denen heute sechs von sieben Milliarden Menschen leben? Eine Antwort darauf, wahrscheinlich die belastbarste, gibt alle zwei Jahre der Bertelsmann Transformationsindex (BTI), dessen neue Ergebnisse an diesem Mittwoch erscheinen und der Süddeutschen Zeitung vorliegen.

Es ist ein Datensatz, der erst seit 2003 aufgebaut wird, die größte Metastudie dieser Art weltweit, umfassender selbst als der Länderbericht der Weltbank. 250 Experten aus Think Tanks und Universitäten haben dafür ihre Berichte an die Bertelsmann-Stiftung geschickt, sie haben Faktoren wie Rechtssicherheit, staatliche Gewaltenteilung, Meinungsfreiheit und faire Wahlen bewertet. Und die Klarheit, mit der sie diesmal eine Antwort geben, ist neu.

Auch wenn in vielen Schwellenländern die Wirtschaft zweistellige Wachstumsraten verzeichnet, auch wenn sich vielerorts die Zahl der Mobiltelefone verdoppelt oder verdreifacht hat - bei den Messwerten für die Demokratie weist der Index nach unten: In den vergangenen acht Jahren haben mehr Staaten Bürgerrechte abgebaut als aufgebaut.

Im Westen Afrikas lockern einige Regenten ihren Griff

Die Skala reicht vom Extrembeispiel Mali, wo eine demokratische Tradition abrupt durch einen Putsch beendet worden ist, bis hin zu Russland, wo schon eine vergleichsweise kleine und schleichende Verschlechterung genügt hat, um aus Sicht der Forscher einen kritischen Punkt zu überschreiten: Das Land wird fortan nicht mehr als Demokratie geführt, sondern als Autokratie. Auch in Angola, Guinea, Mali, Nepal und Sri Lanka hat sich seit 2012 die Situation so weit verschlechtert, dass sie nun als Autokratien gezählt werden; Thailand steht kurz davor.

Ein halbes Jahrhundert nachdem die Schwellen- und Entwicklungsländer ihre Kolonialherren nach Hause schicken konnten und ein Vierteljahrhundert nachdem die Einparteienherrschaft des Ostblocks aufgebrochen wurde, dokumentiert der BTI nicht nur eine Stagnation, sondern in der Summe sogar einen Rückschritt: In 59 von 75 Demokratien seien demokratische Standards heute schlechter gewährleistet als noch vor acht Jahren.

Es gibt durchaus Tauwetter an manchen Ecken des Globus, die Forscher zeichnen da ein differenziertes Bild: Im Westen Afrikas etwa, wo einige der ärmsten Länder der Welt liegen, lockern einige Regenten gerade ihren Griff. Die Elfenbeinküste hat in den zurückliegenden acht Jahren sogar weltweit den größten Fortschritt in Richtung Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gemacht, freilich von einem niedrigen Niveau aus kommend. Es ist ein Fortschritt um mehr als drei Punkte auf der 10-Punkte-Skala der Forscher, und das trotz eines zeitweiligen Bürgerkriegs. Ähnlich hat sich die Lage in Tunesien aufgehellt, in Kirgistan oder in Myanmar. Dort sind Wähler, Richter und Journalisten freier geworden.