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Bernard-Henri Lévy über Libyen:Philosoph schreibt Kriegsgeschichte

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Seine Uniform war der Designeranzug: Der linke Philosoph Bernard-Henri Lévy ist in Libyen zum Feldherrn geworden, mit moralischem Impetus trieb er den Westen in den Krieg gegen Gaddafi. In einem Buch erklärt er seine wunderliche Verbrüderung mit Präsident Sarkozy und beschreibt, wie Frankreich die libyschen Rebellen in großem Stil mit Waffen versorgte.

Stefan Ulrich, Paris

In Frankreich verfließen die Grenzen zwischen Politikern und Intellektuellen. Staatsmänner wie Charles de Gaulle oder Valérie Giscard d'Estaing betätigten sich als Schriftsteller. Literaten wie Victor Hugo mischten die Politik auf. André Malraux wurde Widerstandskämpfer, Minister. Kaum einer aber wechselt derart nonchalant zwischen den Sphären wie der Philosoph Bernard-Henri Lévy, der sich selbst der Einfachheit halber BHL nennt.

In Libyen ist der Philosoph zum Feldherrn geworden, zum Sprecher des Aufstands, der mit moralischem Impetus und Pathos den Westen in den Krieg gegen Gaddafi trieb. Nun hat er sich wieder seinem Kerngeschäft gewidmet, dem Schreiben. An diesem Mittwoch erscheint im Verlag Grasset sein neues, 640 Seiten dickes Werk. "La Guerre sans l'aimer" (Der ungeliebte Krieg) ist keine philosophische Schrift, sondern eine spannend geschriebene Melange aus Abenteuererzählung, Logbuch des Krieges, Diplomatenthriller, Dialog mit dem Vater und Streitschrift für eine Vorwärtsverteidigung der Menschenrechte.

Lévy wäre nicht Lévy, wenn er nicht eine Hauptrolle in diesem rasanten Wälzer spielen würde. Der beginnt, Anfang März, mit einer Schlüsselszene. BHL ist nach Bengasi gereist, um über die Revolte gegen Gaddafi zu berichten. Er tritt mit dem neuen Übergangsrat der Rebellen in Kontakt und ruft von einer Hotelhalle aus Nicolas Sarkozy in Paris an. Er wolle einige Vertreter der Aufständischen nach Paris begleiten, erzählt Lévy dem Präsidenten. "Wirst Du bereit sein, diese Delegation persönlich zu empfangen?" "Natürlich", antwortet Sarkozy.

So entstand die wunderliche Waffenbruderschaft zwischen dem linken Philosophen und dem rechten Präsidenten. Sie sollte den ganzen Konflikt über halten. BHL wurde vom Denker zum Akteur, der mal mit Rebellenchefs in der Wüste Hammelfleisch verzehrte, mal in den Salons der Diplomatie zwischen Paris und New York verkehrte und für Waffenlieferungen an die Aufständischen sorgte. Jahrzehnte, bevor die Archive ihre Akten freigeben, kann Lévy so einen ausführlichen Blick hinter die Kulissen bieten - Überraschungen eingeschlossen.

"Wir liefern über Katar"

Die französische Regierung behauptet, sie habe den Rebellen nur einmal, Ende Mai, in geringem Umfang Waffen geliefert. Lévy schreibt, sie habe bei verschiedenen Gelegenheiten reichlich für Nachschub gesorgt. Er erzählt, wie er am 16. April gegen Mitternacht mit General Junes, dem Militärchef der Rebellen, heimlich in den Élysée-Palast kam, um Sarkozy zu treffen. Auf die Bitte des Generals um Waffen habe der Präsident geantwortet: "Wir helfen Euch bereits. Wir liefern über Katar." Die Waffen, die von Katar kämen, stammten in Wahrheit von Frankreich.

Entgegen der offiziellen Version soll Frankreich auch Bodentruppen und Spezialkräfte in Libyen eingesetzt haben. Französische Soldaten hätten bei der Eroberung von Tripolis mitgewirkt, schreibt Lévy. Kurz davor, am 17. August 2011, habe ihn Sarkozy angerufen. "Er kündigte mir an, dass Waffen über das Meer nach Misrata und von dort aus nach Tripolis gelangt seien und dass der Tag der Entscheidung nahe sei."

Was Lévy seinen Kritikern antwortet

Es ist wohl nur in Frankreich möglich, wie hier ein Philosoph an der Diplomatie und dem Außenminister seines Landes vorbei direkt große Kriegsgeschichte schreiben konnte. Ohne Sarkozy, der sich im März tollkühn in das Libyen-Abenteuer stürzte, wäre das kaum geschehen. Lévy revanchiert sich, indem er den Präsidenten als mutig, weitsichtig, entscheidungsstark preist. Das Lob gilt jedoch nur für den Libyenkrieg. In einer Art salvatorischen Klausel betont BHL, er habe als Linker nichts mit Sarkozys sonstiger Politik am Hut und werde bei Wahlen nie für ihn stimmen.

Erstaunlich ist, mit welcher Selbstgewissheit dieser Intellektuelle den Krieg propagiert und auf ein gutes Ende des libyschen Frühlings setzt. Er sieht sich in den Spuren eines Lawrence von Arabien und eines Malraux im spanischen Bürgerkrieg. Er fühlt sich dem Vater verpflichtet, der einst gegen die Nazis kämpfte. Und er will als Jude den Traum verwirklichen, Juden und Muslime als Kinder Abrahams zu versöhnen.

Lévy sieht sich in der Pflicht, an der Seite der Unterdrückten auf die Barrikaden zu gehen. Er tat das vor Jahrzehnten in Bangladesch, später in Bosnien. Immer führte er in seinem Tornister die Menschenrechte mit. Heute propagiert er eine Pflicht der Weltgemeinschaft, diese notfalls gewaltsam zu verteidigen. Wenn er und Sarkozy nicht eingegriffen hätten, argumentiert er, wäre Bengasi wie Srebrenica geendet. Im Völkermord.

Dabei ist es im Falle Lévys nie leicht, zwischen Haltung und Pose zu unterscheiden, zwischen Engagement und Eitelkeit. In seiner dandyhaften Uniform - dem dunklen Designeranzug und dem weit geöffneten weißen Hemd - ließ er sich im eroberten Tripolis zwischen Rebellenkämpfern im gefleckten Grünzeug ablichten. Als Held unter Helden.

Seinen Kritikern, die auf die offenen Fragen der Revolution hinweisen, auf Gewaltexzesse gegen Gaddafi-Anhänger und die Gefahr einer islamistischen Machtergreifung, antwortet Lévy mit der Historie. Auch in Frankreich habe es gedauert, bis sich die Republik etabliert habe. Auf die Revolution seien zunächst die Herrschaft der "Terreur", Restauration, Konterrevolutionen und Massaker aller Art gefolgt.

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Quelle:
SZ vom 09.11.2011/hai
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