Berliner Terroranschlag Anis Amris Flucht endet in Mailand

In den frühen Morgenstunden sichert die Polizei in Mailand den Ort, wo Amri starb.

(Foto: AP)
  • Der Mann, der wahrscheinlich den Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt verübte, ist tot.
  • Die italienische Polizei stellt Anis Amri in der Nacht zum Freitag in Mailand und tötet ihn nach einem Schusswechsel.
  • Nun beginnt die Debatte über die Konsequenzen: Wie konnte der europaweit Gesuchte überhaupt von Deutschland über Frankreich bis nach Italien fliehen?
Von Ronen Steinke

Nach bangen Tagen ist die Fahndung nach dem flüchtigen Terrorverdächtigen Anis Amri in der Nacht auf Freitag zu Ende gegangen. Der Mann, der aller Wahrscheinlichkeit nach den Terroranschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt begangen hat, bei dem am Montagabend zwölf Menschen getötet und fast fünfzig weitere verletzt wurden, ist in Mailand gefasst und bei einer Schießerei mit der Polizei getötet worden. Bundesinnenminister Thomas de Maizière äußerte sich "erleichtert, dass von diesem Attentäter keine Gefahr mehr ausgeht". Er beglückwünschte die italienischen Behörden und bedankte sich bei den beiden Mailänder Polizisten, die den Flüchtigen gestellt hatten.

Was bleibt, ist die Frage nach den politischen Konsequenzen. Am Tatort in Berlin liegengelassene Papiere, aber auch Fingerabdrücke sprechen dafür, dass der junge Tunesier am Steuer des Lastwagens gesessen hatte, der am Montagabend neben der Gedächtniskirche in eine Menschenmenge raste. Der Täter war von dort geflüchtet, den Behörden war es nicht gelungen, ihn zu stellen. Wie sich nun herausstellte, floh Amri mit dem Zug: erst nach Frankreich, nach Chambéry im Südosten des Landes, dann nach Turin und weiter nach Mailand. Dort kam er am Freitag um ein Uhr früh an; ungehindert von der europaweiten Fahndung gegen ihn. Erst dort geriet er in eine Polizeikontrolle.

Amri eröffnete sofort das Feuer auf die Beamten, ein Polizist wurde an der Schulter verletzt. Bei dem anschließenden Feuergefecht wurde Amri tödlich getroffen. In der Zwischenzeit hatte sich die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) eher zaghaft zu Amri bekannt. Erst nach seinem Tod am Freitag veröffentlichte die Gruppe zum Beleg auch ein Video, das Amri dabei zeigt, wie er europäischen "Kreuzfahrern" Rache schwört.

Anschlag auf Berliner Weihnachtsmarkt Polizei fand Anis Amri durch Zufall
Mutmaßlicher Attentäter von Berlin

Polizei fand Anis Amri durch Zufall

Italienische Streifenpolizisten wollten den mutmaßlichen Berliner Attentäter nachts kontrollieren. Beim folgenden Schusswechsel kam Amri ums Leben.   Von Sarah Schmidt

Es ist nicht das erste Mal, dass der IS sich eines Anschlags in Deutschland bezichtigt. Bereits im Sommer wurde Deutschland von zwei Attentaten getroffen, erst nahe Würzburg und dann in Ansbach. Auch jene Täter, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen waren, beriefen sich auf den IS. Es ist allerdings das erste Mal, dass Deutschland derart dramatisch getroffen worden ist. Bei den Anschlägen in Würzburg und Ansbach war neben den Attentätern selbst niemand ums Leben gekommen.

Dass Amri erst in Mailand gestoppt werden konnte, zeigt, wie leicht es heute ist, im Europa der offenen Grenzen unerkannt zu reisen. Dass er bereits seit dem vergangenen Jahr in seine Heimat Tunesien abgeschoben werden sollte, macht indes deutlich, wie groß die Schwierigkeiten bei der Rückführung Ausreisepflichtiger sind. "Wir werden jetzt mit Nachdruck prüfen, inwieweit staatliche Maßnahmen verändert werden müssen", kündigte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Freitag an. Sie habe mit dem tunesischen Präsidenten Beji Caïd Essebsi telefoniert und ihm "gesagt, dass wir den Rückführungsprozess (...) noch deutlich beschleunigen und die Zahl der Zurückgeführten weiter erhöhen müssen". Tunesische Behörden hatten sich lange geweigert, Amri zurückzunehmen.

Die deutschen Sicherheitsbehörden hatten den mutmaßlichen Terroristen bereits seit Monaten als islamistischen Gefährder auf dem Schirm, ohne dass er jedoch in Haft genommen und abgeschoben worden wäre. In Berlin war Amri sogar bis September von der Polizei observiert worden.

Kleindealer im Görlitzer Park

Was die Beamten dabei zu sehen bekamen, war allerdings nicht das Verhaltensmuster eines typischen Islamisten. Amri bewegte sich im Milieu der Kleindealer am Görlitzer Park, verkaufte Drogen, einmal prügelte er sich in einer Berliner Bar, mutmaßlich aufgrund eines Streits mit einem anderen Dealer. Er zeigte in dieser Zeit keine Verbindungen mehr zu Kontaktpersonen der islamistischen Szene, er besuchte auch nicht mehr die einschlägigen Moscheen. Deutsche Gerichte hatten die Überwachungsmaßnahmen gegen ihn schon einmal verlängert, im September aber erklärten sie: Auf dieser Grundlage könne man Amri nicht weiter observieren. So gelang es ihm, wieder abzutauchen.

Die Landeskriminalämter und das Bundeskriminalamt beobachten derzeit noch fast 550 weitere islamistische Gefährder. Nur der kleinere Teil von ihnen ist allerdings wirklich in Deutschland auf freiem Fuß, so wie es Anis Amri war. Etwa die Hälfte von ihnen befindet sich nach Angaben des BKA derzeit im Irak oder in Syrien, von den übrigen sitzen etwa 80 in Deutschland in Haft. Demnach bleiben etwa 190 Gefährder, die sich frei bewegen und von denen nicht alle lückenlos überwacht werden können. In der Berliner Regierungskoalition besteht Einigkeit, zumindest für diejenigen Gefährder, die Flüchtlinge sind, einen neuen Abschiebehaftgrund "Gefährdung der öffentlichen Sicherheit" einzuführen.