Am Dienstagmorgen ist es ruhig in der Reichenberger Straße, einer Ecke von Kreuzberg, die eher später aufwacht. Die Frühstückscafés sind schon geöffnet, die Kinder in der Kita „Kunterbunt“ haben was zu gucken: Nebenan ist Großrazzia in der „Anarchistischen Bibliothek Kalabalik“. Vermummte Beamte und ihre Gruppenwagen umstellen stundenlang das Gebäude, ein besetztes Haus, an dem ein Transparent „Der Görli bleibt auf“ fordert. Ein paar beunruhigte Passanten bleiben stehen und wollen wissen, was da schon wieder los ist – andere scheinen es schon ganz genau zu wissen, wollen aber keinesfalls mit der Presse darüber reden.
Was da los ist, ist Teil einer groß angelegten Durchsuchung von insgesamt 17 Wohnungen, Büros, Läden und anderen Objekten, die meisten davon in Berlin. Aber auch in Hamburg, Düsseldorf und dem kleinen Ort Kyritz im Nordwesten Brandenburgs wurden die Ermittler aktiv. Nach Angaben der Polizei Berlin stellten sie dabei Mobiltelefone, Laptops, Unterlagen und diverse weitere elektronische Geräte als Beweismittel sicher.
Rekordbelohnung von bis zu einer Million Euro für Hinweise
Der Razzia gingen monatelange Ermittlungen voraus. Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz war nach Informationen der Süddeutschen Zeitung eng in die Ermittlungen eingebunden. Die Durchsuchung wurde demnach zwischen mehreren Bundesländern koordiniert und hatte laut Ermittlern größere Dimensionen. Im Einsatz waren insgesamt 500 Polizeikräfte. Ziel der Razzia sei das linksextreme und anarchistisch militante Milieu. Nach Angaben eines Sprechers der Generalstaatsanwaltschaft richtet sich die Durchsuchung gegen vier namentlich bekannte Beschuldigte im Alter zwischen 28 und 36 Jahren. Haftbefehle wurden nicht ausgesprochen.
Die Razzien stehen laut Behörden in Zusammenhang mit dem mutmaßlich linksextremistischen Anschlag vom 9. September 2025. Angreifer hatten einen Brandanschlag auf einen Strommast im Bezirk Treptow-Köpenick im südöstlichen Teil Berlins verübt und dabei Starkstromkabel weitgehend zerstört. In einem Bekennerschreiben war die Rede von einem Angriff auf den Technologiepark Adlershof mit seinen Firmen und Forschungseinrichtungen aus den Bereichen IT, Robotik, Bio- und Nanotechnologie, Raumfahrt sowie Sicherheits- und Rüstungsindustrie. Betroffen von dem Stromausfall waren 50 000 Kunden, darunter auch viele Unternehmen. Knapp 14 000 Haushalte blieben zwei Tage lang ohne Stromversorgung. Der Anschlag soll Schätzungen zufolge Schäden zwischen 30 und 70 Millionen Euro verursacht haben.
Anfang dieses Jahres hatte dann ein weiterer Anschlag auf eine Kabelbrücke noch verheerendere Folgen. Beim längsten Stromausfall in der Nachkriegsgeschichte der Hauptstadt blieben 100 000 Menschen im Südwesten Berlins ohne Strom. Erst nach vier Tagen konnte der Schaden vollständig behoben werden. Ausbleibende Ermittlungserfolge zu den Anschlägen und im linksextremistischen Milieu und ein mangelhafter Schutz der kritischen Infrastruktur sind spätestens seit Anfang Januar dauerhaftes Thema der Kritik an der Berliner Landesregierung.
Aufruf zur Geschlossenheit in der linken Szene nach der Razzia
Wegen fehlender Hinweise lobten der Generalbundesanwalt und das Bundeskriminalamt Ende Januar die Rekordbelohnung von bis zu einer Million Euro für Hinweise aus, die zur Ergreifung der Täter führen sollten. Zum Blackout-Anschlag hatten sich in diesem Fall die sogenannten Vulkangruppen bekannt, die schon vor 15 Jahren ihre erste Tat verübten, aber nie enttarnt wurden. In den Bekennerschreiben verwendeten die Täter wechselnde Namen, die sich meist auf isländische Vulkane beziehen, etwa „Grímsvötn“ oder „Katla“.
Ob ein Zusammenhang zwischen den beiden Anschlägen besteht, ist unklar. Der Sprecher der Gewerkschaft der Polizei, Benjamin Jendro, deutete allerdings mit scharfen Worten an, dass er einen sehe: „Linksextremismus ist ein Krebsgeschwür, das sich durch unsere Gesellschaft frisst und leider auch im politischen Raum immer wieder auf Nährboden trifft“, sagte Jendro in einem Facebook-Post zu der Razzia. „Wir hoffen, dass am Ende dieses Tages etwas bei herumkommt, um auch die längst überfällige Einstufung dieser Personen als kriminelle Vereinigung voranzutreiben.“
Berlins Innensenatorin Iris Spranger begrüßte die Ermittlungen: „Unsere Sicherheitsbehörden handeln entschlossen und rechtsstaatlich, um die Hintergründe des Angriffs auf das Stromnetz lückenlos aufzuklären und mögliche weitere Gefahren abzuwenden.“
Auf der linken Internetplattform Indymedia reagierte die Szene am Dienstag mit einem Aufruf zur Geschlossenheit auf die Razzia. „Bedingungslose Solidarität den Betroffenen“, hieß es in einem Blogeintrag. Allerdings wächst offenbar die Sorge, Mitwisser könnten auspacken. „Wie immer gilt, keine Spekulationen! Anna und Arthur halten ’s Maul“, heißt es in dem Eintrag weiter. Letzteres gilt als Chiffre der Szene dafür, Ermittlern gegenüber keine Informationen preiszugeben.

