bedeckt München

Berlin:"Wir drehen uns im Kreis"

Gespräch auf Abstand: Kanzlerin Angela Merkel (M.) tauscht sich mit den Klimaaktivistinnen Greta Thunberg (re.) und Luisa Neubauer aus.

(Foto: Steffen Kugler/AFP)

Beim Klimaschutz zieht sich die Kluft zwischen Nötigem und Möglichem durch Merkels Kanzlerschaft. Nun empfängt sie Greta Thunberg, die Kompromisse ablehnt.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Der 20. August 2018, in Schweden ist es der erste Tag nach den Sommerferien. Ein 15-jähriges Mädchen aber setzt sich vor das schwedische Parlament statt in den Klassenraum. Es ist der erste Tag des Schulstreiks einer gewissen Greta Thunberg. In Deutschland hat zur gleichen Zeit Angela Merkel gerade ein anstrengendes Treffen mit Russlands Präsident Wladimir Putin hinter sich, es ging um Syrien. Die Rekordhitze macht Pause, über eine "Klimakrise" redet keiner groß.

Weder Merkel noch Thunberg können ahnen, dass sie sich ganz genau zwei Jahre später treffen werden. Und dass Thunberg bis dahin zur einflussreichsten Vertreterin ihrer Generation geworden sein würde. Durch ihren Schulstreik.

Am Donnerstagvormittag empfängt Merkel Thunberg im internationalen Konferenzsaal des Kanzleramts. Es ist Merkels größter Saal, und zuweilen nehmen hier Staats- und Regierungschefs Platz - nun aber vier junge Frauen: Thunberg, die deutsche Aktivistin Luisa Neubauer, die beiden Belgierinnen Anuna de Wever und Adélaïde Charlier. Vier Köpfe der "Fridays for Future"-Bewegung, die im Juli einen Brief an Europas Regierende geschrieben hatten: "Wir stehen vor einer existenziellen Krise", heißt es darin, "und aus dieser Krise heraus können wir keinen Weg kaufen, bauen oder investieren." Das bestehende System lasse sich nicht reparieren. "Wir brauchen ein neues System." Fast 125 000 Menschen unterschrieben, darunter viele Prominente. Das war der Anstoß.

"Es gab einen Wunsch von Frau Neubauer, der an uns herangetragen wurde, was ein solches Gespräch angeht", sagte Merkel kürzlich. "Deshalb möchte ich mich diesem Gespräch nicht verweigern." Zumal Merkel derzeit EU-Ratspräsidentin ist und ihr das Klima am Herzen liegt. Jedenfalls des Öfteren.

Wann welche Themen Konjunktur haben, was die Kanzlerin so umtreibt oder auch nicht, lässt sich leicht nachvollziehen: anhand ihrer Podcasts. Seit 14 Jahren, also fast ihre komplette Kanzlerschaft lang, zeichnet Merkel für fast jedes Wochenende eine Videobotschaft auf. Mal widmet sie sich bevorstehenden Ereignissen, mal politischen Großprojekten, mal will sie das Augenmerk auf Themen richten, die das aus ihrer Sicht verdienen. Insgesamt 14 Mal hat sie sich in diesen 14 Jahren dem Klimaschutz gewidmet. Zweimal allein 2007 - in jenem Jahr, in dem sie den inoffiziellen Titel der "Klimakanzlerin" erhielt. Dreimal 2015 - im Jahr des Pariser Klimaabkommens. Und fünf Mal im vorigen Jahr. Das war das Jahr der Schulstreiks, das Jahr Greta Thunbergs. "Ich glaube, dass das eine sehr gute Initiative ist", sagte die Kanzlerin in die Kamera. Ihr sei klar, dass den Schülerinnen und Schülern vieles zu langsam gehe. "Da muss ich allerdings als Regierungschefin auch darauf hinweisen, dass wir natürlich vieles bedenken müssen", wandte Merkel ein. "Wir müssen Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft auf der einen Seite mit den Zielen des Klimaschutzes versöhnen."

Dieser Spagat zieht sich durch ihre ganze Kanzlerschaft. Als G-8-Präsidentin hob sie den Klimaschutz 2007 auf die Agenda der großen Industriestaaten - und brachte damit auch den damaligen US-Präsidenten George W. Bush in Zugzwang. Sie reiste mit ihrem Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) nach Grönland und holte so den Klimawandel in die "Tagesschau". Hinter den Kulissen aber stritt sie immer auch für die deutsche Wirtschaft - etwa gegen zu scharfe CO₂-Auflagen für Autohersteller oder zu anspruchsvollen Klimaschutz in der Industrie. "Politik ist das, was möglich ist", sagte die Kanzlerin vor knapp einem Jahr zum Klimapaket ihrer Regierung, von dem viele Aktivisten arg enttäuscht waren.

Eine Variation davon hören die vier auch im internationalen Konferenzraum. Als Physikerin habe sie bekräftigt, dass sie die Wissenschaft hinter der Klimakrise verstehe, erzählt Neubauer nach dem Treffen. Und als Politikerin sehe sie die politische Komplexität des Themas, und den Kampf. "Die Frage ist nun, wie wir diese Lücke füllen." Schließlich sei man "Dimensionen" von dem entfernt, was nötig sei.

Thunberg und Merkel waren vorher nur einmal zusammengetroffen, das war im vorigen September in New York, bei den Vereinten Nationen. Thunberg bereitete sich auf ihre Anklagerede gegen die Staats- und Regierungschefs vor ("Wie könnt ihr es wagen!"), Merkel gesellte sich kurz dazu. Dabei entstand ein Foto von ihr und Greta, das Merkel daheim sicher nicht schadete. Über Floskeln aber kamen sie nicht hinaus, und glücklich war sie mit der Rede der Schwedin auch nicht. Da kam ihr zu wenig vor, was Technologien und Innovationen beim Klimaschutz so leisten könnten.

An diesem Donnerstag aber nimmt sich Merkel anderthalb Stunden Zeit für Thunberg und ihre Mitstreiterinnen, und nach deren Darstellung ging es durchaus ins Detail, über deutsche und europäische Klimapolitik, die Chancen von CO₂-Preisen, selbst um das geplante Handelsabkommen der EU mit den Mercosur-Staaten Südamerikas, das nach Auffassung von Umweltschützern der Abholzung von Regenwäldern weiter Vorschub leistet. Merkel sei mit dem Abkommen auch noch nicht zufrieden, berichteten die vier anschließend.

Letztlich aber sei es darum gegangen, Merkel zu mehr Führerschaft zu ermuntern, sagt Thunberg. "Wir drehen uns im Kreis. Solange die Klimakrise nicht wie eine Krise behandelt wird, werden wir nicht den nötigen Wandel schaffen." Jemand müsse diesen Kreislauf durchbrechen. Merkel wiederum konnte auf die jüngeren Erfolge im Klimaschutz verweisen, etwa durch den Rückgang beim Kohlestrom. Selbst das Klimaziel für 2020 ist plötzlich wieder in Reichweite, wenn auch teils durch einen Einbruch der Wirtschaft.

Das Treffen endet wie ein Tête-à-Tête von Regierungschefs - mit einer kurzen Presseerklärung. "Beide Seiten waren sich einig, dass die Erderwärmung eine globale Herausforderung ist, bei deren Bewältigung den Industriestaaten eine besondere Verantwortung zukommt", lässt Merkels Sprecher Steffen Seibert wissen. Und die vier Aktivistinnen werden nach der Erfahrung mit Merkel gefragt, was sie dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden in Sachen Klima so zutrauen. Beantworten wollen sie das nicht. "Darüber können wir reden", sagt Neubauer, "nachdem wir Joe Biden getroffen haben."

© SZ vom 21.08.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema