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Berlin und Hindenburg:Gesinnungsprüfung durch die Geschichtsbücher?

Der Sozialdemokrat störte sich vor allem am Grundansatz dieser Debatte. Lubawinski nannte es geschichtsvergessen, "mit der Gnade der späten Geburt mit einem dicken Radiergummi durch Deutschland zu gehen und alle Namen zu löschen, die heute nicht mehr in unser Weltbild passen". Hindenburg sei "als charismatische Heldengestalt des Ersten Weltkrieges" gleich mehrfach zum Reichspräsidenten der Weimarer Republik gewählt worden. Diesen Kontext solle man sehen und nicht mit einer Art Gesinnungsprüfung durch die Geschichtsbücher gehen und löschen, was einem nicht passe.

Bei Hitler sei das anders, die Lage eindeutig. Hindenburg aber solle die Ehrenbürgerwürde behalten.

Der Christdemokrat Uwe Lehmann-Brauns griff die Linke sogar frontal an. "Die Sicherheit, mit der Sie in die historischen Zusammenhänge greifen, ist ebenso erstaunlich wie abstoßend", attackierte er den Abgeordneten Brauer. Dessen Antrag sei "von der derselben selektiven roten Geschichtswahrnehmung geprägt, die Sie 45 Jahre den Ihnen in der DDR Unterworfenen verabreicht haben!" Da würde einfach verschwiegen, dass Hindenburg der deutschen Demokratie über Jahre loyal gedient habe. Die CDU-Fraktion würde ihn nicht wie einen böswilligen Brandstifter aus der Erinnerung verjagen wollen.

"Wer hat uns verraten? - Sozialdemokraten!"

Die Abgeordneten bedienten sich vehement im Arsenal alter Parolen. Der Pirat Oliver Höfinghoff erinnerte mit Blick auf die Rede des Sozialdemokraten Lubawinski an einen alten Slogan. Dessen Rede habe nachträglich eine Begründung geliefert, "warum die Kommunisten in der damaligen Zeit gerufen haben: Wer hat uns verraten? - Sozialdemokraten!" Das brachte den Parlamentarischen Geschäftsführer der SPD, Torsten Schneider, so in Rage, dass er den Piraten einen linksradikalen Spinner nannte, wofür Schneider gleich eine Rüge kassierte.

Das Spektakel erstaunt, wenn man bedenkt, dass in anderen Städten, in denen Hindenburg einst auch geehrt wurde, die Ehrenbürgerschaft recht souverän aufgehoben wurde. In diesem Januar entschieden zum Beispiel in Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt Kiel die SPD, Grüne und Linke gemeinsam mit der CDU-Fraktion, Hindenburg aus der Liste der Ehrenbürger zu streichen. Der Entscheidung gingen freilich - so heißt es im Stadtarchiv - lange und fundierte Auseinandersetzungen voraus, an denen sich auch Bürger beteiligten.

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In Berlin bleiben derweil klare Fronten bestehen. Die CDU will die Ehrenbürgerschaft halten. Linke, Grüne und Piraten wollen, dass man der "kaisertreuen Pickelhaube, die Hitler ins Amt gehievt hat, endlich diese Ehrung nimmt", wie es der Pirat Höfinghoff ausdrückte. Aber in der SPD gibt es dazu widerstreitende Ansichten, vielleicht sogar eine Mehrheit für die Aberkennung. "Wir haben uns unsere abschließende Meinung zu diesem Vorgang noch nicht gebildet", sagt ihr Parlamentarischer Geschäftsführer Torsten Schneider. Der Antrag wurde vom Parlament in den Kulturausschuss überwiesen.

Der Ausgang der Geschichte ist letztlich doch erwartbar: Selbst wenn die Sozialdemokraten sich für die Aberkennung entscheiden, wird es kaum dazu kommen. SPD und CDU regieren in Berlin gemeinsam in einer Koalition. Das Bündnis ist keine Liebesgeschichte. Aber über so ein Thema, das ist in der SPD klar, wird man keinen Koalitionsstreit entstehen lassen.

© Süddeutsche.de/lala
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