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Berlin:Die zwei von der Baustelle

Das Denkmal von Karl Marx und Friedrich Engels in Berlin wurde 2010 wegen der U-Bahn versetzt.

Das Denkmal von Karl Marx und Friedrich Engels in Berlin wurde 2010 wegen der U-Bahn versetzt.

(Foto: Reiner Zensen/Imago)

In der Mitte der Hauptstadt rund um die Statuen von Marx und Engels klafft eine riesige Baulücke, zehn Fußballfelder groß. In einem aufwendigen Wettbewerb will der Senat nun herausfinden, was Berlin damit anfangen soll. Und 10 000 Bürger durften schon mitreden.

Von Jan Heidtmann, Berlin

Wer noch Hoffnungen in die Idee des Kommunismus setzt, dem sei ein Besuch beim Marx-Engels-Denkmal in Berlin empfohlen. Karl-Liebknecht-Straße, direkt an der Spree, Berliner Dom, Ecke Humboldt-Forum. Ziemlich verdrossen schauen die beiden Vordenker drein, Marx sitzt, Engels steht, bestellt und nicht abgeholt, wie man so schön sagt. Zwei Jungs kommen vorbei, Baggy-Jeans und T-Shirt. Sie sind aus dem Berliner Randbezirk Spandau und stromern heute mal durch die Innenstadt. Sie bleiben vor der Statue stehen, schauen sich an und kichern ein bisschen. "Wer sind die denn?", fragt der größere von den beiden.

So viel zur Kraft der kommunistischen Idee an diesem sonnigen Samstagmittag im Mai 2021.

Erik Göngrich, 54, ist so etwas wie der inoffizielle Pate dieses Denkmals aus DDR-Zeiten. Der Architekt, Stadtplaner und Künstler stammt zwar aus dem Westen, beschäftigt sich aber seit Jahren mit der Doppelstatue. Er weiß zum Beispiel, dass die Kunstbronze für das knapp vier Meter hohe Denkmal ursprünglich für den Arbeiterführer Ernst Thälmann vorgesehen war. 100 Tonnen des Materials hatte die DDR für dessen Statue eingeplant, zehn davon wurden dann für Marx und Engels abgezweigt. Und nachdem die beiden drei Jahre vor dem Mauerfall aufgestellt worden waren, ehrte sie der ehemalige sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow mit einem Kranz. Den Bildhauer lobte er mit den Worten, das Denkmal sei "sehr deutsch".

Göngrich hat DIN-A3-große Flyer mitgebracht, die er für Passanten an den Füßen von Marx und Engels auslegt. Sie illustrieren das Schicksal der Bronzefiguren: Bereits in den 1950er-Jahren wollte die DDR-Staatsführung Karl Marx und Friedrich Engels überdimensional ehren. Immer wieder wurden neue Pläne entworfen, wo die beiden aufgestellt werden sollten.

"Galoppierende Denkmäler": Eine Grafik von Erik Göngrich gibt eine Übersicht über den Platz in der Mitte Berlins.

(Foto: Erik Göngrich)

Ursprünglich sollte das Denkmal 25 Meter hoch werden

Über die Jahrzehnte hinweg wurden sie auf dem Papier hin und hergeschoben, 1986 fanden sie schließlich ihren Platz in der Mitte des Marx-Engels-Forums. Dafür waren sie erheblich zusammengestutzt worden: Im ersten Entwurf sollte das Denkmal noch 25 Meter hoch werden, am Ende wurden es knapp vier Meter. Die DDR-Oberen versprachen sich wohl schon damals nicht mehr wirklich viel vom Sozialismus.

Nach der Wende wurde ganz offen um die beiden Autoren des Kommunistischen Manifests gerungen. 2012 forderte der damalige Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU), die Statue zu entsorgen, der frühere Berliner Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) wollte sie zumindest an einen weniger prominenten Ort verräumen. Schließlich erklärte sie der Senat zum "historischen Zeitdokument".

Gerade dieses Strittige ist es, was den Künstler Göngrich so fasziniert an diesem Denkmal. "Wie unter einem Brennglas" stünde es für das gesamte Gelände zwischen Fernsehturm, Humboldt-Forum, Rotem Rathaus und Marienkirche. Seit mehr als 70 Jahren werden Pläne für dieses zentrale Areal Berlins gemacht, geändert, verworfen. Heute ist es eine Art Baulücke, 72 000 Quadratmeter mitten in der Stadt, der Umfang von zehn Fußballfeldern. Göngrich nennt es das "terrain vague", das unklare Gelände.

Erik Göngrich, Architekt, Stadtplaner und Künstler, beschäftigt sich seit Jahren mit der Statue von Marx und Engels in Berlin.

(Foto: Erik Göngrich)

Für Berlin ist dieses Terrain Chance und doch auch Fluch zugleich. In keinem anderen Zentrum einer europäischen Metropole gibt es einen undefinierten Platz dieses Ausmaßes. Zugleich besteht er aus einem recht erratischen Sammelsurium der historischen Stadtentwicklung. Die spartanische Marienkirche stammt aus dem 13. Jahrhundert, der prunkvolle Neptunbrunnen direkt daneben von 1888. Das Rote Rathaus, der Berliner Regierungssitz, steht hier, dazu ein Denkmal Martin Luthers, das die DDR-Führung noch wenige Tagen vor dem Mauerfall aus dem Keller geholt und wieder aufgestellt hat. Und natürlich der Fernsehturm, 1969 eingeweiht, das höchste Bauwerk Deutschlands. Ein zugiger Unort ist das Areal, eingerahmt vom Alexanderplatz im Osten und dem Berliner Schloss im Westen. Bei den Ostberlinern war er dennoch beliebt.

Die DDR-Führung hatte Jahrzehnte gebraucht, um dem Raum eine Form zu geben, die nach der Wiedervereinigung jedoch nicht mehr taugte. Vor den Stadtplanern lag damit eine vertrackte Knobelaufgabe. Die Fronten zwischen den Berlinern, die den historischen Stadtkern wiederaufbauen, und denen, die den DDR-Nachlass erhalten wollten, waren unversöhnlich. Noch vor wenigen Jahren kam es bei einem Bürgerforum fast zu Handgreiflichkeiten.

Gewünscht ist eine "Grüne Oase"

"Wegen der sehr unterschiedlichen Positionen hat die Politik über die Zukunft nicht Top-down, sondern in einem partizipativen Prozess entschieden", sagt Manfred Kühne, im Bausenat zuständig für Stadtplanung und Projekte. Diesmal sollten die Berliner also tatsächlich mitreden dürfen. 2015 startete der Senat eines der größten Bürgerbeteiligungsformate in der Stadtplanung Europas.

Ein Dreivierteljahr lang debattierten um die 10 000 Bürger in Werkstätten und Kolloquien. Am Ende standen zehn Leitlinien, eine grobe Skizze dessen, wie Berlins Mitte gestaltet werden soll. Darunter zum Beispiel die Forderung, dass die Geschichte des Platzes sichtbar gemacht werde und er offen für alle bliebe. Anders also als beispielsweise der nahe Alexanderplatz dürfe dieser Raum nicht kommerziell genutzt werden. Zugleich solle die Mitte als "Grüne Oase" aufzeigen, wie Städte auch unter Bedingungen des Klimawandels funktionieren können. Vor allem aber wurde beschlossen, dass weder das Rathaus- noch das Marx-Engels-Forum bebaut werden. Der Teil des Platzes vor dem Roten Rathaus solle sogar explizit für politische Aktionen genutzt werden können. Als "Ort der Demokratie", für Demonstrationen und Debatten.

Vorbilder für die Stadtplaner sind zwei andere ehemals brache Flächen in Berlin, die in den letzten Jahren urbar gemacht wurden: der Mauerpark in Mitte und das Areal rund um das Gleisdreieck nahe dem Potsdamer Platz. Doch bislang sind die Bürgerleitlinien mehr abstrakte denn konkrete Handlungsanweisung. Berlins Mitte sei nach wie vor ein "unerlöster Raum", sagt Kühne. Ein Wettbewerb, der seit Beginn des Jahres läuft, soll nun eine neue Form finden. 800 Seiten umfasst die Ausschreibung, gerade ist die erste von zwei Phasen abgeschlossen worden. 21 Teilnehmer haben ihre Vorstellungen für die Gestaltung nun vorgelegt.

"Grünblauer Stadtteppich" oder"Sponge City"

Viel Grün war dabei zu sehen, die Entwürfe tragen Namen wie "Entfesselt" oder "Grünblauer Stadtteppich". "Sponge City", Schwammstadt, heißt eine Art Sumpfwald, wo Regen für Dürrezeiten gespeichert werden kann. In anderen Vorschlägen werden über Bepflanzungen die Straßen des mittelalterlichen Stadtkerns offengelegt oder ein begehbares Netz über die Spree zwischen Marx-Engels- und Humboldt-Forum gespannt. "Viele Teams waren sehr pragmatisch, andere sehr exzentrisch", sagt Kühne. Dennoch wirkt noch keiner der Entwürfe so, als würde er den disparaten Anforderungen von Ausschreibung und Bürgerleitlinien wirklich gerecht werden.

Vielleicht ist die Vorstellung von einem ökologischen, demokratischen und zugleich geschichtsträchtigen Ort, der auch noch der Erholung dienen soll, schlicht eine Illusion. Kühne bleibt optimistisch: "Letztendlich brauchen wir eine starke Arbeit." Ende September soll diese ausgewählt werden, der Umbau danach wird sich in langen Etappen bis 2040 hinziehen. "Wir verfügen nicht über das Budget, dass wir alles in einem Zug umbauen können", sagt Kühne.

Marx und Engels können einem da fast ein bisschen leidtun. Von den Sozialisten zusammengeschrumpft, von den Kapitalisten beinahe aus dem Weg geräumt, und 2010 mussten sie dem U-Bahn-Bau an die Straßenecke weichen, kein Wunder also, dass sie so unglücklich dreinschauen. Immerhin: Irgendwann bis 2040 werden auch sie ihren festen Platz bekommen. Erik Göngrich sagt, dass er immer wieder anerkennend auf die beiden traurigen Gesellen blicke. "Wow, ihr habt es ja ganz schön lange ausgehalten", denke er sich dann.

Der kleinere der beiden Jungs aus Spandau hat übrigens noch selber einen Vorschlag gemacht, wer da dargestellt sei. "Abraham Lincoln!", sagte er. Es war nur nicht ganz klar, wen er damit meinte: Marx oder Engels.

© SZ/mcs
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