Berlin nach der Wahl - Eine Wähleranalyse Sachverstand zweitrangig

Der deutsche Wähler schätzt Sachkompetenz - normalerweise. Bei der Wahl in Berlin ließen sich die Menschen vor allem von Gefühlen leiten. Warum die Piraten so beliebt sind und Klaus Wowereit auch mit einem Wohlfühl-Wahlkampf sein Ziel erreicht hat.

Von Felix Berth

Normalerweise schätzt der deutsche Wähler die Sachkompetenz. Jeder Kandidat, der sie vermissen lässt, wird für gewöhnlich bei der nächsten Abstimmung abgestraft. Der fast schon vergessene Sozialdemokrat Rudolf Scharping verwechselte "brutto" mit "netto" - und konnte den Traum von der Kanzlerschaft abhaken. Allerdings muss man festhalten, dass dieser Lapsus im Jahr 1994 geschah.

Exakt das gleiche Ergebnis in Ost und West für die SPD: Klaus Wowereits Leutseligkeit dürfte wohl ein Grund für diesen Trend sein.

(Foto: REUTERS)

Siebzehn Jahre nach Scharping scheint die Vorliebe der Deutschen für die Sachkenntnis nicht mehr so ausgeprägt zu sein. Zumindest lässt die Berliner Wahl diese Deutung zu. Denn die Wähler dort halten den SPD-Spitzenkandidaten für jemanden mit - man kann es schwer anders ausdrücken - eher mäßiger Sachkompetenz. So äußern bei einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen nur 25 Prozent der Interviewten die Meinung, dass Klaus Wowereit der Kandidat mit dem größten Sachverstand sei. Drei Viertel der Berliner sehen das also anders.

Interessanterweise hält dies die Bürger nicht davon ab, die Sozialdemokraten zu wählen. Zwei Drittel der Befragten antworten den Demoskopen, dass ein Regierungschef Wowereit für die Stadt Berlin "eher gut" sei. Auf der Sympathieskala von minus fünf bis plus fünf erreicht Wowereit den Wert von 1,6 - ein exzellenter Wert, der zum Wahlerfolg der SPD beiträgt.

Eine ähnliche Diskrepanz von angenommenem Sachverstand und realem Wahlerfolg findet sich bei den Piraten. Deren Spitzenkandidat hatte zwar auf die Frage nach den Schulden des Landes Berlin eine eher unpassende Antwort: Es seien "viele, viele Millionen", sagte er, obwohl es in Wirklichkeit gut 60 Milliarden sind. Doch auch das verhinderte nicht, dass 8,9 Prozent der Wähler (in Ostberlin sogar 10,1 Prozent) die Piratenpartei unterstützten. Möglicherweise sind charmante Auftritte inzwischen wichtiger als kompetente Aussagen - zumindest bei einer Landtagswahl in Berlin.

Keine Belohnung für offensive Thesen

Renate Künast, die für die Grünen einen offensiven Wahlkampf mit kämpferischen Thesen geführt hat, wird vom Wähler dafür nicht belohnt. Lediglich sieben Prozent der Befragten halten sie laut der Forschungsgruppe Wahlen für die Politikerin, "die am besten zu Berlin" passe; und mehr als die Hälfte bewertet Künast sogar als "falsche Kandidatin" für die Stadt, wie Infratest ermittelte.

Das Wahlergebnis bietet den Grünen nun Chancen auf eine Regierungsbeteiligung - das entspräche auch dem Wunsch von etwa 50 Prozent aller Wähler. Doch herausragend ist das grüne Resultat nicht: Schon bei der Bundestagswahl 2009 holte die Partei fast exakt den gleichen Stimmenanteil. Auch zeigt die Infratest-Analyse der Wählerwanderung, wie stark die Grünen unter dem Erfolg der Piraten leiden: 17 000 Wähler gingen aus ihrem Lager an die Piratenpartei verloren.