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Berlin:Hundert Prozent Hoffnung

Bilder des Tages Obdachloser versucht sein Hab und Gut vor dem Starkregen in Sicherheit zu bringen B

Ein Obdachloser in Berlin versucht, seine Habe vor dem Regen zu retten.

(Foto: Andreas Gora/imago)

Berlin gilt als die Hauptstadt der Obdachlosigkeit. Etwa 50 000 Menschen haben dort laut Schätzungen keine feste Wohnung, mindestens 2000 nicht einmal eine feste Unterbringung für die nächste Nacht. Bis 2030 soll das anders werden. Und ausgerechnet die Corona-Krise könnte helfen, ihnen ein Zimmer auf Dauer zu verschaffen.

Von Jan Heidtmann, Berlin

Die S9 ist nur eine Bühne der Ausgestoßenen. Auf der gesamten S-Bahn-Strecke zwischen Zoologischem Garten und Alexanderplatz bitten Frauen und Männer um etwas Geld. Manchmal mit einem anrührenden Musikstück, üblicherweise aber mit diesen einstudierten, fast in Trance vorgetragenen Sprüchen. Doch was ist derzeit schon üblich? Wenn es nicht einmal mehr eine richtige Rushhour gibt? Deshalb hat die junge Frau in den viel zu großen Hosen und den ausgetretenen Turnschuhen ihren Appell auch der Pandemie angepasst: "Meine Zeitung kauft keine Sau. Auch bei den Pfandflaschen ist es ganz schön mau."

Betteln lohnt nicht, es ist ja keiner auf der Straße

Die Corona-Pandemie hat den Obdachlosen noch den Rest an Lebensgrundlage genommen. Wenn keine Menschen auf der Straße sind, lohnt kein Betteln. Ohne das Bier am Kiosk gibt es kaum leere Flaschen zum Sammeln. Und jetzt, bei Temperaturen teils um den Gefrierpunkt, sind auch die Einkaufszentren geschlossen, wo man sich zumindest zwischendurch aufwärmen konnte. Selbst bei den Hilfsorganisationen wird das Essen wegen der Ansteckungsgefahr nur noch draußen ausgegeben.

Trotzdem könnte gerade die Pandemie dazu beitragen, die Obdachlosigkeit zu beenden. "Mit Corona hatten wir die Möglichkeit, einiges sehr, sehr schnell auszuprobieren", sagt Sozialsenatorin Elke Breitenbach von der Linken.

Neue Integrationsbeauftragte des Senats von Berlin Niewiedzial

Eine Chance auf eine Wohnung haben Obdachlose meist nur, wenn sie Arbeit haben und clean sind. Berlins Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) will das ändern.

(Foto: Carsten Koall/picture alliance/dpa)

Berlin gilt als Hauptstadt der Obdachlosen, etwa 2000 von ihnen wurden im vergangenen Jahr bei der "Nacht der Solidarität" gezählt. Darunter auch Menschen aus Ländern wie Polen oder Bulgarien, die auf Arbeitssuche in Berlin gestrandet sind. Doch diese Zahl kann nur ein Ausschnitt sein, da sich viele der Betroffenen gar nicht befragen lassen wollten. Insgesamt geht der Senat von 50 000 Menschen aus, die zwar notdürftig untergebracht, aber ohne eigene Wohnung sind.

Die Zählung war nur eine der Aktionen der Koalition aus SPD, Linken und Grünen, um mit der Obdachlosigkeit umzugehen. Wegen der Pandemie fördert die Stadt spezielle Quarantänestationen und finanziert mehrere Hunderttausend Schnelltests. Es wurden Tagestreffs für Obdachlose eingerichtet, eine davon in Zusammenarbeit mit dem Berliner Hofbräuhaus am Alexanderplatz mitsamt Essen, mehrsprachiger Sozialberatung und Kleiderkammer. Zudem werden Obdachlose zusätzlich in drei angemieteten Hostels untergebracht, seit der Platz in den Notunterkünften wegen Corona knapp geworden ist.

Bis 2030 soll Obdachlosigkeit in Berlin abgeschafft werden

Der Sozialsenatorin ist das nicht genug. Mitten im Lockdown verkündet sie, die Resolution des Europaparlaments ernst zu nehmen - die Obdachlosigkeit bis 2030 abzuschaffen. Das ist ja inzwischen ziemlich bald, dennoch sagt Breitenbach: "Ich halte das für realistisch." Ihr Vorbild ist Finnland, wo binnen zehn Jahren den meisten Obdachlosen zu einer Wohnung verholfen wurde. Jahr für Jahr gebe Berlin weit mehr als 300 Millionen Euro aus, um akute Obdach- und Wohnungslosigkeit zu lindern, sagt Breitenbach. "Eine Wohnung ist immer günstiger, selbst mit Beratung und Betreuung." In Finnland hat man ausgerechnet, dass der Staat nun im Jahr 15 000 Euro weniger für einen obdachlosen Menschen ausgeben muss.

Deshalb fordert Breitenbach auch für Berlin einen Paradigmenwechsel. Bislang erhalten Obdachlose meist nur dann eine Chance auf die eigene Wohnung, wenn sie Arbeit haben und clean sind. Breitenbach will diese Logik aufbrechen, "Housing first" wird das Konzept genannt. "Die Obdachlosen bekommen erst einmal eine Wohnung, in der sie Ruhe, Sicherheit und Zeit haben", sagt sie. "Wenn ich jahrelang auf der Straße gelebt hätte, ohne Geld oder ohne Krankenversicherung, dann wäre ich auch müde."

Den Menschen werden nun statt Notunterkünften feste Zimmer angeboten

Ausgerechnet Corona könnte nun helfen. Um das "Stay at home", das Mantra der Pandemie, auch Obdachlosen möglich zu machen, fördert die Stadt seit April sogenannte 24/7-Betreuungen. Dabei kommen die Betroffenen auf Dauer in Zimmern unter, meist zu zweit, und müssen nicht wie in den Notunterkünften morgens wieder auf die Straße. Nahe des Hauptbahnhofs betreibt die Berliner Stadtmission eine dieser Einrichtungen auf ihrem Gelände. 108 Menschen, vor allem Männer, sind hier untergebracht.

Simon Evans wirkt weniger wie einer der Gäste, sondern eher wie einer der Mitarbeiter. An diesem Donnerstagvormittag hat der 61-jährige Brite Dienst in der Kleiderausgabe. Die ist genau genommen nur ein etwas größeres Zeltdach, darunter ist es kalt, und draußen regnet es. Doch Evans geht mit der guten Laune eines Verkäufers auf den Mann mit den blaugefrorenen Händen zu. Er fragt ihn, was er brauche.

Evans hat in England einmal Schneiderei gelernt, er hat dann seine Frau kennengelernt, mit der er später in Lübeck gelebt hat. Er hatte eine Sprachschule, ist Vater von zwei Kindern, einer Tochter und einem Sohn, 20 und 22. Vor acht Jahren kam es zur Trennung, ein "Rosenkrieg", wie Evans erzählt, und er verlor seinen Halt. Er wurde nicht zum Trinker, nahm auch keine Drogen, sein Leben hatte dennoch die Kontur verloren. Evans war in Florida, dann wieder in England, um seine Mutter zu pflegen, 2019 kam es zu einer etwas undurchsichtigen Geschichte in Ecuador, wo Evans mit den Russen kollaboriert haben will und sich deshalb nicht mehr in Großbritannien blicken lassen kann. Zu überprüfen ist das nicht, sicher aber ist: Im Sommer 2019 endete Evans in Berlin auf der Straße - ohne Geld und ohne Pass.

Simon Evans nimmt an dem Housing-Projekt teil. "Es läuft jetzt", sagt er. "I am back in business."

(Foto: privat)

Evans ist ein sympathischer Mann, nicht überfreundlich, aber offen. Er hat dem Obdachlosen in der Kleiderkammer jetzt drei verschiedene Hosen zusammengesucht und präsentiert sie ihm fast wie einem Kunden. Evans arbeitet schon seit einigen Monaten hier, anfangs hat er dafür 60 Euro im Monat bekommen, inzwischen sind es 200. Genug, um sich eine eigene, eine neue Winterjacke zu kaufen. "Es läuft jetzt", sagt er. "I am back in business." Gemeinsam mit einem Sozialarbeiter der Stadtmission ist es ihm gelungen, wieder einen Pass zu bekommen. Solche Hilfe anzunehmen, Schritte zurück ins Leben zu vereinbaren, ist eine der Voraussetzungen, um in dem 24/7-Projekt unterzukommen. Sonst muss man die Einrichtung verlassen.

Im Sommer schlief er im Park

Im Sommer 2019, als es ihm noch so ging wie seinen Kunden hier in der Kleiderkammer, hat er in einem Park am Stadtrand geschlafen. Neben sich hatte er ein Messer in den Boden gesteckt. "Immer an derselben Stelle", wie er erzählt, um automatisch danach greifen zu können. Er habe auch nie im Schlafsack übernachtet, da könne man sich nicht schnell genug bewegen. "Auf der Straße wird man krank", sagt er. Manch einer glaube vielleicht, viele Obdachlose hätten ihr Schicksal selbst gewählt, frei, ungebunden und so, sagt Evans. Er weiß, dass dies Unsinn ist.

Der Mann mit den blaugefrorenen Fingern hat inzwischen eine komplette Winterausstattung bekommen, von der Mütze bis zu den Schuhen. Evans vermerkt jedes einzelne Stück auf einer Karteikarte unter dem Namen des Obdachlosen. Zu Weihnachten haben ihm seine Kinder ein Geschenk geschickt, Tee und englische Kekse, zum ersten Mal seit der Trennung, und er hat sich bei mehreren Firmen um einfache Arbeiten beworben. Einmal hat er dafür sogar einen Nadelstreifenanzug angezogen, aber es blieb doch nur beim Videogespräch. "Mein Ziel ist es, wieder unabhängig zu leben", sagt er.

Die Geschichte von Simon Evans klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Doch die Idee des "Housing first" scheint bei vielen obdachlosen Menschen tatsächlich zu gelingen. Bereits im ersten Lockdown wurden unter der Leitung der renommierten Soziologin Jutta Allmendinger die Folgen der 24/7-Unterbringung untersucht. Rund drei Viertel der Befragten gaben dabei an, dass sie wieder mehr Zuversicht hätten. Oder, um es mit Simon Evans zu sagen: "Ich bin jetzt hundert Prozent hoffnungsvoller."

© SZ/edel
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