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Berlin:Verdacht auf Anschlag auf der Autobahn

Unfälle auf Berliner Stadtautobahn - Ermittlungen

Experten untersuchen das Auto, mit dem der Anschlag verübt worden ist.

(Foto: Paul Zinken/dpa)

Ermittler werfen einem Mann vor, "gezielt Jagd auf Motorräder" gemacht zu haben. Aufgrund seiner Äußerungen in sozialen Medien vermuten die Behörden ein islamistisches Motiv.

Von Jan Heidtmann, Berlin

Eine Serie von Unfällen auf der Berliner Stadtautobahn mit drei Schwerverletzten ist absichtlich verursacht worden. Eines der Opfer schwebt in Lebensgefahr. Die Polizei nahm einen 30-jährigen Iraker noch am Tatort fest, inzwischen ermittelt der Staatsschutz gegen Samad A., da auch ein radikal-religiöser Hintergrund für möglich gehalten wird. "Leider müssen wir von einem islamistischen Anschlag ausgehen", twitterte Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) am Mittwoch. Nach seiner Amokfahrt soll der Mann einen kleinen Teppich ausgerollt und gebetet haben.

Samad A. stammt aus Bagdad und lebt mit Duldungsstatus in einer Flüchtlingsunterkunft in Berlin. Dort fiel er der Polizei bereits 2018 wegen körperlicher Gewalt auf und wurde kurzzeitig in die Psychiatrie eingewiesen. Er habe aber nicht unter Beobachtung der Sicherheitsbehörden gestanden. Jetzt wurde jedoch bekannt, dass A. offenbar Kontakt zu einem Mann hatte, der dem "Islamischen Staat" zugeordnet wird und als "Gefährder" gilt. Die Staatsanwaltschaft geht aber bislang davon aus, dass A. allein agierte. Wenige Stunden vor seiner Fahrt hatte Samad A. bereits Fotos von sich und seinem Auto in den sozialen Medien gepostet. Der Eintrag war mit religiösen Sprüchen in arabischer Sprache versehen, darunter nach Auskunft der Staatsanwaltschaft auch das Wort "Märtyrer".

Der 30-Jährige war am Dienstagabend gegen 18.30 Uhr in einem schwarzen Opel Astra die Berliner Stadtautobahn entlanggerast. "Der Mann ist dringend tatverdächtig, gezielt Jagd auf Motorräder gemacht zu haben", sagte ein Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft. Zwei Motorradfahrer wurden dabei schwer verletzt, einer schwebt in Lebensgefahr. Bei seiner Fahrt, bei der A. auch die Richtung wechselte, rammte er weitere Fahrzeuge, bis er auf der Autobahn zum Stehen kam.

Eine Metallkiste wird von Experten geöffnet - sie enthält Werkzeug

Der Polizei zufolge stellte er dann eine alte Metallkiste, die aussah wie eine Munitionskiste, auf das Dach seines Autos und behauptete, es sei ein gefährlicher Gegenstand. Ein Streifenpolizist, zufälligerweise mit arabischem Hintergrund, näherte sich ihm, sprach ihn an und konnte Samad A. festnehmen. Derweil wurden etwa 300 Autofahrer, die durch die Unfälle in einen Stau geraten waren, zu Fuß von der Stadtautobahn geleitet. Die Kiste wurde anschließend von Polizeispezialisten durchleuchtet, darin befand sich Werkzeug. Gegen 22.30 Uhr setzten die Beamten ein Wassergewehr ein, um sie zu öffnen. Diese Waffe arbeitet mit hohem Wasserdruck; so soll verhindert werden, dass sich möglicher Sprengstoff beim Öffnen entzündet.

Insgesamt waren an die 100 Polizisten und 50 Feuerwehrleute im Einsatz, die Stadtautobahn war auf dem betroffenen Abschnitt für weitere Ermittlungen und Aufräumarbeiten noch bis zum Mittwochvormittag gesperrt. Die Generalstaatsanwaltschaft hat Haftbefehl gegen Samad A. wegen versuchten Mordes in mindestens drei Fällen beantragt. Vorläufig kommt der Tatverdächtige in die Psychiatrie. Das habe am Mittwochabend ein Haftrichter entschieden, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Sie betonte zugleich, dass sie möglichen weiteren Kontakten des Irakers in die islamistische Szene nachgehen werde: "Wir werden jeden Stein umdrehen."

Anmerkung der Redaktion

In der Regel berichtet die SZ nicht über ethnische, religiöse oder nationale Zugehörigkeiten mutmaßlicher Straftäter. Wir weichen nur bei begründetem öffentlichen Interesse von dieser im Pressekodex vereinbarten Linie ab. Das kann bei außergewöhnlichen Straftaten wie Terroranschlägen oder Kapitalverbrechen der Fall sein oder bei Straftaten, die aus einer größeren Gruppe heraus begangen werden (wie Silvester 2015 in Köln). Ein öffentliches Interesse besteht auch bei Fahndungsaufrufen oder wenn die Biografie einer verdächtigen Person für die Straftat von Bedeutung ist. Wir entscheiden das im Einzelfall und sind grundsätzlich zurückhaltend, um keine Vorurteile gegenüber Minderheiten zu schüren.

© SZ vom 20.08.2020/jael
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