Berichterstattung über Flüchtlinge:Die rhetorische Gewalt des "noch" ähnelt einer Naturkatastrophe

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Dabei wollen viele Journalisten, die das Wort "noch" in ihren TV-Berichten, ihren Interviews, ihren Artikeln und deren Überschriften verwenden, weder drohen noch eine düstere Zukunft heraufbeschwören. Vielmehr sehen sich Berichterstatter häufig gezwungen zuzuspitzen. Also versuchen sie, Trends frühzeitig zu erkennen und herauszuarbeiten. Und durch das "noch" den Handlungsdruck für die Regierung zu erhöhen: Noch ist die Herausforderung zu bewältigen.

Das Pendant zum "noch" ist das Modell einer steigenden Kurve: In "immer mehr" Gemeinden träten Bürger ankommenden Flüchtlingen abwehrend und aggressiv gegenüber, heißt es dann.

Oder aber der Diskurs kippt ins "nicht mehr": In Österreich hat Innenministerin Johanna Mikl-Leitner vor Kurzem einen Asylstopp verhängt. Es werden dort jetzt vorrangig sogenannte Dublin-Abschiebungen in andere EU-Staaten bearbeitet, sonst würde ihr Land "das alles nicht mehr schaffen". Gnadenlos überbelegte Erstaufnahmezentren wie das in Traiskirchen illustrieren Mikl-Leitners Wort auf zynische Weise: Indem sie die Menschen im Lager zusammenpferchen lässt, schafft ihre Politik die Belege für ihre Rhetorik der Überforderung. Asylpolitik ist eine Herausforderung, aber der Öffentlichkeit ihr ständiges Versagen vorzuführen, schürt vor allem rechte Ressentiments.

Suspense als dramaturgischer Kunstgriff ist unangebracht

Dieses Gerede lässt an eine Gewalt denken, die derjenigen einer Naturkatastrophe nahekommt. Erneut das Bild von der heranrollenden Flüchtlingswelle, von einem Tsunami, gegen den Gesellschaft und Politik sich als machtlos gerieren. Das "noch" ist der Schatten, der dieser Welle vorauseilt.

Der so erzeugte Suspense schafft ein Gefühl der Unsicherheit und des Ausgeliefertseins. Ein dramaturgischer Kunstgriff, der bei der Berichterstattung über Flüchtlinge allerdings unangebracht ist. Eine Verschärfung des Konflikts vorherzusehen und sie herbeizureden, sind zwei unterschiedliche Dinge.

Dabei gibt es nichts zu beschönigen: Flüchtlingsheime brennen, Menschen werden angegriffen, Schutzbedürftigen wird der Schutz verweigert. Aber das ist kein Grund zu unterschlagen, dass gleichzeitig die Hilfsbereitschaft so groß ist wie nie zuvor. Man sollte diese Solidarität nicht unterschätzen.

Lieber die Uhr zurückdrehen

Im Gegenzug stellt sich die Frage, ob nicht eine gewisse Rechtfertigung aus diesem "noch" spricht. Denn das kleine Wort birgt die Gefahr, all jene von ihrer moralischen und praktischen Verantwortung zu entbinden, die jenseits des "noch" den Untergang des Abendlandes befürchten.

Um denen nicht weiter Zulauf zu verschaffen, sollte man sich davor hüten, eine Eskalation rhetorisch zu schüren, indem man sie als unausweichlich darstellt. Lieber die Uhr zurückdrehen, von "drei vor zwölf" auf halb zwölf.

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