Bericht zur Treffsicherheit des G36:Was geschah zwischen den Untersuchungen?

Daraufhin wurde die Wehrtechnische Dienststelle für Waffen und Munition aktiv, kurz WTD 91. Sie sitzt in Meppen und ist mittelbar der Rüstungsabteilung des Verteidigungsministeriums unterstellt - genauer: der Abteilung Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung. Die WTD 91 untersuchte im Mai die beiden Gewehre, bei denen es Auffälligkeiten gegeben hatte.

Ihr Ergebnis, nachzulesen im Bericht vom 9. Juli: "Die Meldung zur deutlichen Streukreisaufweitung bei heiß geschossener Waffe der 1. PzDiv konnte nicht nachvollzogen werden." Bei der Verlagerung des Mittleren Treffpunkts hingegen hätten sich die Befunde teilweise bestätigt.

Doch warum verging zwischen den Untersuchungen im Mai und der Unterzeichnung des Berichts im Juli eigentlich so viel Zeit? Was geschah dazwischen? Darüber gibt ein Mailwechsel unter anderem zwischen der WTD und der Rüstungsabteilung des Ministeriums Aufschluss.

Ging es nur um Sprachliches - oder um den Inhalt?

Dort war man in der Unterabteilung V unzufrieden mit dem ersten Entwurf des WTD-Berichts. Am 18. Juni bat daher der zuständige Projektkoordinator, Ministerialrat M., die WTD "um kurzfristige Überarbeitung und Wiedervorlage" bis zum 23. Juni. Unter anderem monierte er, der Bericht sei "technisch sehr detailliert und für einen externen Leser schwer verständlich".

Für externe Leser eines internen, als Verschlusssache eingestuften Dokuments? Was steckte wirklich dahinter? Ging es tatsächlich nur um Sprachliches - oder passte dem Ministerialrat der Inhalt nicht?

Darauf deutet manches hin. Mit dem zweiten Entwurf war er nämlich wieder nicht zufrieden: "Die vorgenommenen Anpassungen entsprechen nicht den Feststellungen und der Überarbeitungsbitte", schrieb er am 25. Juni. Diesmal waren "entsprechende Formulierungsvorschläge unmittelbar in den Text aufgenommen". In Kopie setzte er unter anderem den stellvertretenden Leiter der Rüstungsabteilung.

Nun stand der Verfasser des Berichts, der Technische Oberregierungsrat K., unter Druck. Denn die Änderungsvorschläge hatten es in sich. Doch K., ganz aufrechter Beamter, lehnte all jene Korrekturen ab, bei denen es sich seiner Auffassung nach um "Änderungen von Kernaussagen bzw. sinnentstellende Änderungen" handelte. Und davon gab es einige. Unter anderem hatte man folgenden Satz in den Bericht eingefügt: "Das System Waffe und Munition zeigt hinsichtlich des Treffverhaltens keine besonderen Auffälligkeiten."

Eine rein sprachliche Änderung? Das sah K. anders und löschte den Satz - schließlich, so schrieb er zur Begründung, sei es bei den Tests in der WTD tatsächlich in einigen Fällen zu einer "Verlagerung des Mittleren Treffpunkts" gekommen, kurz MTP. Es gebe "Auffälligkeiten im Treffverhalten", schrieb K. - der im Ministerium eingefügte Satz hingegen "würde das Gegenteil suggerieren und kann daher so nicht übernommen werden".

Doch in der Rüstungsabteilung hatte man noch weitere Änderungswünsche. So hatte man dort den Satz eingefügt, dass bestimmte Effekte "auf physikalischen Gesetzmäßigkeiten" beruhten und "nicht nur G36 spezifisch" seien. Auch diese Formulierung lehnte K. ab, ebenso wie die folgenden Sätze: "Bei einer Erwärmung der Waffe kommt es in wenigen Fällen zu einer unwesentlichen Verlagerung des MTP. Diese liegt bei schussinduzierter Erwärmung zumeist innerhalb des Toleranzbereiches."

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