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Bergung der Kumpel in Chile:Der Haken an der Inszenierung

Dieser Mann hat alles richtig gemacht: Mit jedem Geretteten, den Chiles Präsident Piñera umarmt, steigt seine eigene Popularität. Was zählt es da noch, dass die Regierung von den Zuständen in der Mine wusste?

Cathrin Kahlweit

Heulende Sirenen, klingende Glocken, tanzende Menschen, ein Land im nationalen Rausch - und mittendrin Chiles Präsident Sebastián Piñera mit der Landesfahne in der Hand. Alles, aber auch alles hat der Präsident richtig gemacht: Er hat sich früh am Ort des Unglücks in der Atacama-Wüste gezeigt. Er hat dafür gesorgt, dass er selbst im August der besorgten Nation mitteilen konnte, die Kumpel in 600 Meter Tiefe seien wohlauf; die Nachricht war stundenlang zurückgehalten worden, damit der Präsident persönlich sie verkünden konnte. Und mit jedem Geretteten, den Piñera umarmt, steigt auch seine eigene Popularität.

Was zählt es da noch, dass Chiles Regierung von der Bergbau-Gewerkschaft seit Jahren mit den unhaltbaren Zuständen in der Kupfermine San José konfrontiert wurde? Arbeits- und Sicherheitsbedingungen seien skandalös, heißt es. Die Warnungen verhallten ungehört, bis heute hat Chile die internationale Konvention über Sicherheit und Gesundheit im Bergbau nicht ratifiziert. Das nächste Unglück sei programmiert, sagen die Gewerkschaften.

Ein Auftritt zur rechten Zeit am rechten Ort kann die Karriere und den Nachruhm beeinflussen; Gerhard Schröder etwa verdankte seine Wiederwahl 2002 auch der Tatsache, dass er während des Oderhochwassers in Gummistiefeln den obersten Katastrophenschützer des Landes markierte.

Umgekehrt kann es einen Politiker kurzfristig Popularität und langfristig das Amt kosten, wenn er persönlich falsch oder gar nicht reagiert. George W. Bush hat das schmerzlich erfahren müssen, als er nach dem Wirbelsturm Katrina nur kurz in luftiger Höhe über New Orleans kreiste und sich dann schnell wieder davonmachte. Nicht der Präsident - und nicht der Staat, dem er vorstand - vermochten damals den Amerikanern das Gefühl zu geben, dass sie beschützt und versorgt werden.

Dieser unverzeihliche Ausweis von Überheblichkeit und Überforderung hing Bush bis zuletzt nach. Denn mag sie auch letztlich nur ein symbolischer Akt sein, so zählt die Präsenz der Mächtigen bei den Opfern eines Unglücks doch viel. Sie beweist, dass sich die Regierenden zu den Menschen herablassen.

Während der Flut in Pakistan, als jede noch so gut organisierte Hilfe nicht genug war, hätte ein mitfühlender und engagierter Präsident gleichwohl die nationale Einheit und die innere Befriedung des Landes befördern können. Asif Zardari aber dinierte in London.

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