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Bergleute in der Ostukraine:Letzte Bastion des ukrainischen Staates

Ukrainian miners stands outside a pit in the town of Donetsk

Separatisten versuchen verstärkt, Minenarbeiter im ukrainischen Donbass für ihre Sache zu gewinnen (Archivbild)

(Foto: REUTERS)

Die Heimat gegen "Faschisten aus Kiew" verteidigen? Im Osten der Ukraine wollen die Separatisten Hunderttausende Bergleute auf ihre Seite ziehen - mit Drohungen und Propaganda. Doch die wollen ihnen noch nicht folgen.

Von Florian Hassel, Ugledar

Die letzte Bastion des ukrainischen Staates ist das Elektrizitätswerk. Ein paar Wochen ist es her, dass prorussische Separatisten auch in Ugledar auftauchten, einem verschlafenen 15 000-Einwohner-Städtchen 40 Kilometer südwestlich von Donezk. Die Separatisten forderten städtische Beamte auf, die ukrainische Flagge über allen staatlichen Gebäuden einzuholen und durch die schwarz-blau-rote der selbstausgerufenen "Volksrepublik Donezk" zu ersetzen - fast alle Beamten gehorchten. Über dem staatlichen E-Werk aber leuchtete weiter das Blau-Gelb der Ukraine. Irina Prokopenko, 48, Kontrolleurin in dem Werk, war stolz darauf. "Für mich war die Fahne das Symbol dafür, dass nicht alle hier sofort ihre Hoffnung auf eine einige Ukraine begraben wollten."

Ugledar, das sind zwei vor einem halben Jahrhundert eröffnete staatliche Kohlebergwerke nebst der dazu gegründeten Stadt und dem zentralen "Boulevard der Bergarbeiter", umgeben von Alleen und kleinen Waldstücken hinter gelb blühenden Rapsfeldern. Wie in vielen Gebieten der Ostukraine kamen die Menschen für die Kohlegruben von Ugledar vor allem aus Russland. Dies war Teil der Moskauer Politik nach dem Zweiten Weltkrieg, den Südosten der damaligen Sowjetrepublik Ukraine zu industrialisieren und russifizieren.

Es ist ein Mythos, dass der Donbass den Rest der Ukraine ernährt

Allein in den Bergwerken des Donbass arbeiten etwa 200 000 Kumpel, dazu kommen Zehntausende Arbeiter in Stahlwerken und anderen Fabriken. Für die Separatisten spielen die Arbeiter eine wichtige Rolle, wenn sie ihre Kontrolle ausweiten wollen. Wie sehr, zeigte sich in den vergangenen Tagen in der 500.000-Einwohner-Stadt Mariupol: Dort rief der Kohle- und Stahlmagnat Rinat Achmetow dazu auf, gegen die Separatisten vorzugehen. Tausende von Achmetows Arbeitern folgten seinem Aufruf und entrissen den Separatisten binnen Stunden große Teile der Stadt. In anderen Orten der Ostukraine aber zögert der Unternehmer, der 280 000 Menschen beschäftigt, entschieden gegen die Befürworter einer Abspaltung von Kiew vorzugehen. Zudem sind längst nicht alle Fabriken und Bergwerke unter seiner Kontrolle. So auch in Ugledar.

Als bewaffnete Separatisten im April das erste Mal nach Ugledar kamen, ließen sie nicht nur die ukrainischen Flaggen einholen, sondern gingen auch in die Kohlegruben "Süd-Donbass Nr. 1" und "Süd-Donbass Nr. 3", in denen insgesamt etwa 7000 Menschen arbeiten. "Die Separatisten streuen falsche Gerüchte, dass sich Provokateure des 'Rechten Sektors' eingeschlichen hätten und die Gruben in die Luft sprengen wollten", erzählt Eduard Kolesnikow, dessen breite Schultern von 17 Jahren Arbeit unter Tage zeugen.

Derlei Propaganda ist im Donbass nicht neu. Donezk war bis vor kurzem Heimat und Herzland des gestürzten Präsidenten Viktor Janukowitsch. Nachdem dieser 2004 bei seinem Versuch gescheitert war, mit einer gefälschten Wahl Präsident zu werden, trommelten im Osten etliche mit ihm verbundene Politiker und Medien gegen die Regierung in Kiew. Ein verbreiteter Mythos: Der Donbass und seine Kohlegruben ernähren den Rest der Ukraine. Tatsächlich überleben die Kohlegruben der Unabhängigen Gewerkschaft ukrainischer Bergarbeiter (KPFU) zufolge nur dank Subventionen aus Kiew. Mit umgerechnet etlichen hundert Millionen Euro jährlich seien die Kohlegruben "die am höchsten subventionierte Industrie des Landes".

Seit dem Beginn der Demonstrationen gegen Janukowitsch in Kiew, erst recht aber nach seinem Fall und der vom Kreml gesteuerten separatistischen Kampagne, wurde die Propaganda intensiviert. "Unter den Jüngeren glauben viele, dass sie die Heimat gegen 'Faschisten aus Kiew' verteidigen müssen", sagt Bergmann Kolesnikow. "Ältere wie ich durchschauen diese Lügen. Von den gut 100 Kollegen meiner Schicht ist kaum jemand für den Anschluss an Russland - und niemand für die so genannte Volksrepublik." Nur ein paar Dutzend Kumpel sind bisher zu Kundgebungen der Separatisten gefahren, sagt Kolesnikow.

Auch in der Grube "Süd-Donbass Nr. 1" hätten die Aktivisten bisher wenig Anhänger, erzählt der dort arbeitende Wladimir Remiga. Allerdings stellen sich die Bergleute den Separatisten auch nicht ausdrücklich entgegen: Zwei Kumpel, die dies in Nowogrodewka nordwestlich von Donezk wagten, wurden Anfang Mai entführt und erst nach tagelanger Folter im Donezker Separatisten-Hauptquartier freigelassen. In Artemiwsk nördlich von Donezk kidnappten die Rebellen Anfang Mai den Generaldirektor der Grubenholding "Artemugla".

Irina Prokopenko, die Kontrolleurin aus dem Elektrizitätswerk von Ugledar, rief mit Bekannten zur Gründung einer Bürgergruppe für die Einheit der Ukraine auf. Doch kaum hatten sie ihren Aufruf veröffentlicht, tauchten in sozialen Netzwerken die ersten Drohungen gegen die "Faschisten" auf, denen man "das Maul stopfen" müsse. Prokopenko und die anderen sagten die Demonstration ab.

In einem Café von Ugledar überlegen Prokopenko und andere Einheitsanhänger, was sie nun gegen die Separatisten tun können. Auch in Ugledar haben sich Nachrichten über Entführungen und Morde maskierter Bewaffneter an Anhängern einer einigen Ukraine verbreitet. "Wenn wir nichts tun, kommen sie einzeln zu uns nach Hause und räumen uns ab", fürchtet der 56 Jahre alte Bagdan Kohut.

Viel tun können die Handvoll Aktivisten letztlich nicht. Ugledars Bürgermeister trat Mitte April zurück, offenbar, um der Regierung in Kiew nicht länger dienen zu müssen. Denn wenige Tage vor dem "Referendum" tauchte er wieder auf und rief zur Unterstützung der "Volksrepublik Donezk" auf. Und so kamen auch in Ugledar am 11. Mai etliche Einwohner zur Abstimmung in das einzige Wahllokal, das die Separatisten im Kino eröffnet hatten und von maskierten Bewaffneten bewachen ließen.

Die ukrainische Flagge wird gewaschen und gebügelt

Die meisten Bergleute boykottierten die Abstimmung, berichten die Kumpel Kolesnikow und Remiga, doch viele Beamte und andere Einwohner stimmten für eine unabhängige "Volksrepublik Donezk". Die Kontrolle über Ugledar haben die Separatisten noch nicht, jedenfalls nicht offiziell. Doch ein Mitglied der Bürgergruppe für die Einheit der Ukraine glaubt nicht, dass die Verwaltung Ugledars den Separatisten Widerstand leistet. "Die Beamten hier sind gewohnt, demjenigen zu folgen, der gerade das Sagen hat. Als vor ein paar Monaten noch Janukowitsch an der Macht war, haben sie bereitwillig ganze Busse mit Anti-Maidan-Demonstranten losgeschickt."

Zudem brechen die Separatisten Widerstand weiter mit Gewalt. Als sich etwa im Städtchen Gorlowka Bürgermeister Jewgenij Klep weigerte, seinen "freiwilligen Rücktritt" zugunsten eines Separatisten zu unterschreiben, zwangen ihn vier Bewaffnete dazu, berichtet der lokale Infodienst gorlovka.ua.

In Lugansk entführten die Separatisten die Schuldirektorin Alexandra Schewtschenko, weil sie ihre Schule beim illegalen Referendum nicht als Wahllokal zur Verfügung gestellt hatte. Am gleichen Tag wurde auch im Städtchen Kramatorsk ein Beamter von Bewaffneten aus seiner Wohnung entführt. In Ugledar dürfen Beamte ebenfalls nicht mit Schutz rechnen: Die lokale Polizei habe der Stadtführung "klargemacht, dass sie nicht bereit ist, auch nur einen Finger gegen die Separatisten zu rühren", sagt ein leitender Stadtbeamter.

Die Führung der Bergwerke "Süd-Donbass Nr. 1" und "Süd-Donbass Nr. 3", die nicht in Ugledar sitzt, sondern in Donezk, hat noch nicht entschieden, ob sie die Separatisten offiziell unterstützt. "Falls sie dies tut, müssen auch die Kumpel die 'Volksrepublik Donezk' unterstützen, sonst riskieren sie, gefeuert zu werden", sagt ein Mitglied der Bürgergruppe. Ein paar Tage nach dem "Referendum" haben auch die Mitarbeiter des Elektrizitätswerkes die ukrainische Fahne eingeholt. Irina Prokopenko hat sie mit nach Hause genommen. Und sie erst einmal gewaschen und gebügelt. Für den Fall, dass sie noch einmal über Ugledar aufgezogen werden soll.

© SZ vom 19.05.2014/dayk
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