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Bergkarabach:"Ich sehe keinen Grund zu gehen"

STEPANAKERT, NAGORNO-KARABAKH - OCTOBER 8, 2020: A journalist by a building damaged in a shelling attack. The conflict

Der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan spitzt sich weiter zu: Seit einigen Tagen wird die Hauptstadt Stepanakert der selbsternannten Republik Bergkarabach von aserbaidschanische Truppen beschossen.

(Foto: Vahram Baghdasaryan/Imago Images)

Immer mehr Zivilisten flüchten aus Bergkarabach. Die Hauptstadt steht seit Tagen unter Beschuss. Eine Augenzeugin berichtet über das Ausharren im Bombenkeller, in dem sie auch als Kleinkind Zuflucht suchen musste.

Von Anna Ernst

Sie hat keine Angst. Zumindest sagt sich Jana Avanesjan das selbst. Immer dann, wenn sie schon morgens das Surren der Kampfdrohnen hört, die über die Häuser fliegen. Und immer wenn Sirenen ertönen, damit die Bevölkerung sich in die Bombenkeller flüchtet. "Manchmal denke ich: Vielleicht ist alles nur ein böser Traum, und irgendwann wache ich auf", sagt die 26-Jährige am Telefon. Aber die Drohnen, die Gebäude und Autos zerschossen haben, sind real, sie hat sie gesehen. Genauso wie die verletzten Alten und Kinder im Hospital, für die sie Blut gespendet hat.

Jana Avanesjan wurde 1994 in Stepanakert geboren, Bergkarabach ist ihr Zuhause. Sie wuchs auf in einer Gesellschaft, die tief geprägt war von der Bedrohung durch Krieg. In der westeuropäischen Wahrnehmung war der Konflikt im Südkaukasus lange im Hintergrund. Jetzt erschüttern erneut Kämpfe das Gebiet, seit knapp zwei Wochen herrscht wieder Kriegszustand in Avanesjans Heimat. Für junge, gut gebildete Menschen wie sie, die blieben, rückt die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft in weite Ferne.

Schon ihre ersten sechs Lebensmonate verbrachte Jana Avanesjan in einem Bombenkeller. Das war kurz vor Ende des großen Kriegs in Bergkarabach, der 1988 mit dem Zerfall der Sowjetunion begonnen hatte. Zu Ostblock-Zeiten hieß das Gebiet "Nagorny Karabach", bergiger, schwarzer Garten. Die fruchtbare Gebirgsregion war eine armenisch-dominierte Enklave inmitten Aserbaidschans. Armenischstämmige Christen und aserbaidschanischstämmige Muslime lebten teils Haus an Haus. Mit dem Zerfall der UdSSR forderten die Armenier in Bergkarabach ihre Unabhängigkeit. Proteste schlugen in Gewalt um. Nach Übergriffen folgte ein Krieg, der die Region verminte, die Feindseligkeit gegenüber Aserbaidschan wuchs. Mehr als 4500 Menschen sind noch vermisst.

Avanesjan wuchs zwischen Ruinen auf. Für die Bewohner Bergkarabachs fühlte es sich 1994 wie ein Sieg an, als der Krieg endete. Alle Hoffnungen setzten sie in den Neubeginn. Aus dem "bergigen, schwarzen Garten", fast zweimal so groß wie das Saarland, wurde über die Jahre ein De-facto-Staat: die Republik Artsakh, die aber international nicht anerkannt ist. In ihr leben fast nur Armenier, etwa 145 000. Kein Land hat einen so hohen Anteil von Minenopfern. Mehr als 370 zählt die britische Hilfsorganisation Halo Trust seit 1995. Etwa ein Drittel der Opfer waren Kinder.

Jana Avanesjan, 26, wohnt in Bergkarabach. Sie arbeitet dort als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Völkerrecht an der Artsakh State University. In den sozialen Netzwerken berichtet sie über den Kriegsalltag.

(Foto: Twitter)

Viel Geld aus Armenien und aus anderen Ländern floss in den Wiederaufbau von Bergkarabach. Architekten aus der armenischen Diaspora halfen die zerstörte Hauptstadt Stepanakert wieder hochzuziehen. Beleuchtete Springbrunnen, breite Treppenanlagen und ein kleiner Freizeitpark umgeben die Regierungsgebäude im Zentrum. Sogar eine kleine Universität gibt es: die Artsakh State University. Avanesjan ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Völkerrecht. Derzeit sind die Hörsäle leer. "Seit der Kriegszustand ausgerufen wurde, haben alle Bildungseinrichtungen geschlossen", berichtet sie. Bei Twitter teilt die junge Juristin Fotos aus Kellern, in denen die Menschen Schutz suchen. Eines zeigt einen kleinen Jungen. "Er sollte seine Tasche packen und morgen früh zur Schule gehen können, statt Tag und Nacht in einem Bunker zu sitzen."

Doch die Menschen sollen sich möglichst wenig auf den Straßen aufhalten. Nur kleine Lebensmittelläden haben noch geöffnet. "Die Inhaber hängen Zettel mit ihren Handynummern ins Fenster, damit man sich verabreden kann, wenn man etwas braucht", erzählt Avanesjan. Noch ist sie guter Dinge. Die Behörden hätten versichert, es gebe genug Lebensmittel und Medikamente. Nicht überall gibt es diese Infrastruktur. Viele Familien aus abgelegenen Dörfern suchen Zuflucht in Stepanakert. Viele von ihnen leben von der Landwirtschaft - oft in Armut. Bergkarabach mangelt es an Wirtschaftsperspektiven, Industrie und Dienstleister gibt es kaum. Das Militär war in der Krisenregion immer sicherster Arbeitgeber. Zuletzt hoffte man auf Tourismus: Mittelalterliche Klosterruinen wurden restauriert, ein Wanderweg durch die Schluchten mühsam von Minen befreit, das jährliche Weinfest war der kulturelle Höhepunkt. Doch schon vor Corona reisten nur wenige Abenteurer über Armenien an. Auf dem 2009 hergerichteten Flughafen Stepanakert ist noch nie eine Passagiermaschine gelandet. Jede Airline, die Bergkarabach ansteuern würde, müsste illegal in Aserbaidschans Luftraum eindringen und würde den Abschuss riskieren.

Freundschaft mit Türken oder Aserbaidschanern ist für viele Armenier kaum denkbar

Für Armenier in aller Welt ist Artsakh symbolträchtiger Sehnsuchtsort. Das hat mit dem Genozid an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs zu tun, der tief ins kollektive Gedächtnis gegraben ist. Historiker gehen von bis zu 1,5 Millionen Toten aus. Diese systematische Auslöschung der Armenier durch das Osmanische Reich erkennt die Türkei bis heute nicht als Völkermord an. Sie unterhält enge freundschaftliche Verbindungen zu Aserbaidschan und steht dem Land nun zur Seite.

Freundschaft mit Türken oder Aserbaidschanern ist für viele Armenier kaum denkbar. In Stepanakert sind die allermeisten überzeugt, dass Aserbaidschan an der Eskalation des Konflikts Schuld trägt. Auch Avanesjan, die jetzt sehr aktiv ist in sozialen Medien. "Stoppt die aserbaidschanische Aggression", ist einer ihrer meistgenutzten Hashtags auf Twitter.

Doch wie lange kann die Bevölkerung stark bleiben? Die meisten Männer wurden an die Front gerufen. Viele Alte, Frauen und Kinder sind zu Verwandten nach Armenien geflohen. Jana Avanesjan will nicht weg. "Meine Geschwister sagen, das sei nicht normal", sagt sie. "Aber ich sehe keinen Grund zu gehen. Ja, es ist etwas gefährlich, aber hier kann ich helfen."

Das letzte Telefonat mit der jungen Frau bricht ab. Später kommt dann noch eine Whatsapp-Nachricht: "Entschuldige meine späte Antwort", schreibt sie. Die meiste Zeit gebe es weder Internet noch Strom. "Stepanakert ist wieder unter Beschuss." Diesmal von Raketen.

© SZ vom 09.10.2020
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