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Bergkarabach:Das letzte Wort hat Putin

Konflikt in Berg-Karabach

Russische Friedenstruppen machen sich am Dienstagmorgen auf den Weg nach Bergkarabach.

(Foto: dpa)

Die Nachricht von der Waffenruhe im Kaukasus ist eine gute: Aserbaidschaner und Türken dürfen sich als Sieger fühlen, die Armenier entgehen einer fürchterlichen Niederlage. Über das weitere Schicksal der Region aber wird allein in Moskau entschieden.

Kommentar von Tomas Avenarius

Ginge es um Sport, müsste es heißen: Gold für Russland, Silber für Aserbaidschan, Bronze für die Türkei - und Aus für Armenien. Es geht aber nicht um Sport, es geht nicht um Medaillen. Es geht um Krieg. Um einen Krieg, in dem in wenigen Wochen Tausende Menschen ums Leben gekommen sind, auch Zivilisten. Insofern ist die Nachricht von der Waffenruhe im Kampf um Bergkarabach für alle Beteiligten eine gute. Selbst für die Armenier: Sie standen vor ihrer Niederlage, ihnen drohten Massaker und Vertreibung.

Der Rest ist Geopolitik. Bei der gibt es wie immer Gewinner und Verlierer. Der russische Präsident Wladimir Putin ist der Nutznießer der blutigen Ereignisse im Südkaukasus. Er hat mit kühlem Kopf abgewartet, wie sich die Dinge entwickeln. Als der Ausgang dann absehbar war, hat der Machthaber im Kreml die Aserbaidschaner und Armenier genau in dem Moment zu einer Waffenruhe gezwungen, in dem die armenischen Truppen vor der sicheren Niederlage standen.

Die Waffenruhe kommt der Kapitulation der Führung in Eriwan gleich: Für Armenien dürfte Bergkarabach so gut wie verloren sein. Das Beste, was die armenischen Bewohner der zwischen den beiden Nachbarstaaten seit Jahrzehnten umstrittenen Bergregion nun erwarten können, ist Autonomie unter der Herrschaft der ungeliebten Aserbaidschaner. Das ist bitter für die Armenier, denn das Hochland ist ihnen quasi heilig. Sie bezahlen nun die Rechnung für ihre hochnäsige Politik, mit der sie die Bergkarabach-Frage als im eigenen Sinne gelöst behandelt hatten.

Putin hat den Sieg auf dem Schlachtfeld nicht zugelassen

Den Aserbaidschanern und den sie unterstützenden Türken hat Putin mit seinem finalen Machtwort den Sieg gestohlen. Triumph auf dem Schlachtfeld war das, wovon Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew und sein Verbündeter Recep Tayyip Erdoğan träumten. Das hat Putin nicht gestattet. Und das ist gut so. Den Armeniern in Bergkarabach hätte im Falle einer offenen Niederlage die Rache der Aserbaidschaner für das gedroht, was im ersten Karabach-Krieg vor fast 30 Jahren geschehen ist. Das wäre wohl furchtbar geworden.

Dennoch können die Präsidenten Alijew und Erdoğan zufrieden sein. Aserbaidschan hat weite Teile seines Staatsgebiets zurückerobert. Das sind neben Bergkarabach die umliegenden Gebiete in der Ebene; es geht um fast 20 Prozent des Territoriums des muslimischen Landes. Wenn Baku geschickt verhandelt, hat es sogar Chancen, sein gesamtes Land zurückbekommen. Es könnte dann den Hunderttausenden Flüchtlingen die Rückkehr in die Heimat ermöglichen, aus der sie beim Untergang der UdSSR von den Armeniern vertrieben worden waren.

Die Türkei redet als Regionalmacht nun auch im Kaukasus mit

Auch Erdoğan kann sich zurücklehnen. Mit einem neuen - erfolgreichen - außenpolitischen Abenteuer hat er in wenigen Wochen bewiesen, dass nicht nur am Mittelmeer und am Schwarzen Meer mit der Türkei als militärisch starker Regionalmacht gerechnet werden muss. Ankara spricht nun auch im Kaukasus mit. Eines allerdings muss der türkische Hasardeur hinnehmen: Gegen den Mann im Kreml kommt er nicht an.

So wie die Dinge nun liegen, entscheidet Putin weitgehend alleine, wie es weitergeht in Bergkarabach. Sofort nach Unterzeichnung der Vereinbarung über die Waffenruhe hat er russische Truppen in Marsch gesetzt; sie sollen die Kriegsparteien trennen. Mit der Blitzaktion hat Putin klargestellt, wer weiterhin das letzte Wort hat im Kaukasus: Moskau.

© SZ/kit
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