Kampf um Berg-Karabach:Erdoğan unter Verdacht

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Kampf um Berg-Karabach: Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdoğan bei einer Rede im Parlament in Ankara.

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdoğan bei einer Rede im Parlament in Ankara.

(Foto: AFP)

Angeblich setzt Aserbaidschan türkische Offiziere und syrische Islamisten im Kaukasus-Krieg gegen Armenien ein. Aserbaidschans Staatschef Aliyew bestreitet jede Verwicklung Ankaras - doch Erdoğan hatte zuvor Hilfe zugesagt.

Von Tomas Avenarius, Istanbul

Armenien wirft der Türkei die offene militärische Einmischung in den Krieg im Südkaukasus vor. "Es gibt 150 hochrangige türkische Offiziere, welche die Militäroperationen Aserbaidschans leiten", sagte der armenische Ministerpräsident Nikol Paschinjan in einer Rede. Am Wochenende hatten sich die Kämpfe zwischen den Truppen Aserbaidschans und Armeniens ausgeweitet.

Auf beiden Seiten sollen Ortschaften mit Bomben, Raketen und Artillerie beschossen worden sein, Aserbaidschan reklamiert Geländegewinne für sich. Armeniens Premier Paschinjan nannte das Ausmaß der aserbaidschanischen Offensive "beispiellos".

In dem vor einer Woche ausgebrochenen Krieg kämpfen die zwei südkaukasischen Staaten um Berg-Karabach. Diese aserbaidschanische Bergregion, in der heute vor allem Armenier leben, war beim Zusammenbruch der Sowjetunion von Armenien besetzt worden. Internationale Verhandlungsbemühungen blieben fast zwei Jahrzehnte lang erfolglos.

Der armenische Regierungschef, der am Wochenende mit Bundeskanzlerin Angela Merkel telefoniert hatte, legte keine Beweise für ein Eingreifen türkischer Offiziere vor. Der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyew bestritt jede Verwicklung Ankaras. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan hatte dem Nachbarland aber zuvor jede Art von Unterstützung zugesichert.

Getreue dem Motto "Zwei Länder, eine Nation" werde die Türkei den ethnisch verwandten, turk-sprachigen Aserbaidschanern beistehen. In einem offenen Brief an den türkischen Präsidenten schrieb der aserbaidschanische Staatschef, die offenen Worte Erdoğans hätten gezeigt, dass Aserbaidschan "nicht allein steht mit seinem gerechten Anliegen", die eroberten Gebiete in und um Berg-Karabach herum zurückzugewinnen.

Verweise auf türkische Unterstützung durch Waffen und Know-how sind nicht neu. Armenien, aber auch Frankreich erheben zudem den Vorwurf, dass Tausende Söldner aus Syrien auf Seiten der aserbaidschanischen Truppen kämpften. Diese Syrer arbeiten türkischen Medienberichten zufolge für eine türkische Sicherheitsfirma und werden von Ankara bezahlt.

Die kriegserfahrenen Milizionäre seien aus den syrischen Rebellengebieten geholt worden. Auch Russland sprach von Hinweisen auf syrische Kämpfer. "Das sind Falschnachrichten", sagte der aserbaidschanische Staatschef Aliyew dazu dem Fernsehsender Al Jazeera. Es gebe keine Beweise: "Was wir machen, machen wir selbst."

Teheran will vermitteln

Der Kreml ist Verbündeter Armeniens, unterhält aber auch gute Beziehungen zu Aserbaidschan und hält sich aus dem Konflikt bisher heraus. Die mögliche Anwesenheit islamistischer Milizionäre im Südkaukasus muss Moskau aber beunruhigen.

Es hat in den 2000er-Jahren in Tschetschenien Krieg gegen Islamisten geführt, die muslimischen Kaukasusrepubliken Russlands sind bis heute nicht befriedet, kaukasische Dschihadisten kämpfen im syrischen Bürgerkrieg.

Auch Iran als Nachbarstaat ist beunruhigt und bietet Vermittlung an. Teheran unterhält gute Beziehungen zu Armenien, hat aber auch eine große aserische Bevölkerungsminderheit. Die Anwesenheit syrischer Kämpfer muss Iran besonders beunruhigen: Teherans Revolutionsgardisten kämpfen in Syrien gegen genau die sunnitischen Rebellen, die nun angeblich mit Hilfe der Türkei im Kaukasus auftauchen.

US-Präsident Donald Trump, Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron und Kremlchef Wladimir Putin hatten gemeinsam eine sofortige Waffenruhe und einen Dialog gefordert. Während sich Armenien offen dafür zeigte, lehnte Aserbaidschan ab. Aliyew forderte die Rückgabe Berg-Karabachs: "Wir haben keine Zeit, noch weitere 30 Jahre zu warten. Der Konflikt muss jetzt gelöst werden."

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